Tillich
Gesine Doernberg: Der Mut zum Sein. Vortrag über eine These Paul Tillichs.

(Referat vor dem Frauengesprächskreis der Christusgemeinde Egestorf 1994)

Ich begrüße Sie herzlich und freue mich, dass ich heute die Gelegenheit habe, Ihnen etwas weiterzugeben, was mir selbst in den vergangenen Jahren sehr geholfen hat, unsere Zeit und ihre Erscheinungen besser zu verstehen. Es handelt sich um einen Gedankengang des Theologen und Philosophen Paul Tillich, der vor 1933 in Frankfurt, danach in den USA eine dauernde innere Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist und seinen Erscheinungen geführt hat. Bekannt sind z.B. „Auf der Grenze“, „Die verlorene Dimension“, „Symbol und Wirklichkeit“. Tillich starb 1965 in Chicago im Alter von 79 Jahren. Der Gedankengang, den ich Ihnen heute vorstellen möchte, ist zu finden am Ende des Buches „Der Mut zum Sein“ von 1952. Hier gibt der Verfasser nach einer umfassenden Auseinandersetzung mit den Phänomenen Angst und Furcht eine Analyse des Mutes, mit dem wir trotz unserer Ängste unser Dasein bejahen und sinnvoll gestalten können.
Ich möchte Ihnen im ersten Teil meiner Ausführungen zunächst die diesbezüglichen Gedanken Tillichs vorstellen und dann in einem zweiten Teil darauf eingehen, wie diese Theorie Tillichs mir zum Verständnis einiger Erscheinungen unserer Gegenwart geholfen hat.
Lebensmut wird von Tillich zunächst definiert als Selbstbejahung, als Bejahung meiner Existenz. Vor dem Hintergrund der ständigen Bedrohung durch Gedanken der Sinnlosigkeit erfordert es Mut, d.h. eine bewusste oder unbewusste Anstrengung, einen Willensakt, mich selbst in meinem So-Sein zu bejahen und zu mir zu stehen.
Als was bejahe ich mich nun aber selbst? Hier setzt der Kerngedanke Tillichs ein, der seine ganze Theorie durchzieht. Die Selbstbejahung, der Mut zum Sein hat nämlich nach Tillich zwei Seiten, die beide gleich wichtig sind und von denen keine fehlen darf, wenn der Lebensentwurf gelingen soll. Der Mensch möchte sich nämlich einerseits als ein Selbst begreifen, als ein freies, denkendes Wesen, das der Welt gegenübersteht und ihr seinen eigenen Willen entgegensetzt. Er möchte sich aber andererseits auch als Teil eines großen und sinnvollen Ganzen begreifen, in dem er sich geborgen fühlen und dem er vertrauen kann. Er ist zwar ein Selbst, aber ein Selbst, das Welt hat, wie Tillich sagt, so dass Individuation und Partizipation, d.h. Vereinzelung und Teilhabe gleichermaßen und untrennbar zu seinem Selbstgefühl dazugehören.
So unterscheidet Tillich zwei Formen des Mutes, die beide zusammen den Mut zum Sein ausmachen: Den Mut, man selbst zu sein und den Mut, als ein Teil zu sein.
Der Mut, man selbst zu sein ist der Mut, sich selbst zu bejahen als einen freien, sich selbst bestimmenden Menschen, der zu sich selbst steht, seine eigenen Handlungen verantwortet und seinem eigenen Weg folgt. Dieser Mut ist der Mut zu Freiheit und Verantwortung, es ist der Mut, sich seines eigenen Verstandes selbständig zu bedienen, wie es die Aufklärung forderte. Es ist der Mut, seine eigene Meinung zu vertreten, sich gegen andere zu behaupten und unbeirrbar zu sich selbst zu stehen.
Der Mut als ein Teil zu sein dagegen ist der Mut, sich selbst loszulassen, sich einzulassen, sich hinzugeben an ein Gemeinsames. Es ist der Mut, Bindungen einzugehen und Vertrauen zu haben. Tillich weist darauf hin, dass manche seiner Kritiker Schwierigkeiten haben zu verstehen, dass auch die Bejahung des Teil-Seins Mut erfordert. Sie meinen, es sei doch ein Ausdruck der Schwäche, wenn Menschen den Wunsch haben, unter dem Schutz eines größeren Ganzen zu leben. Und es sei eine Flucht vor Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, wenn Menschen Geborgenheit suchen. Dagegen argumentiert Tillich, dass es für uns Menschen nicht nur die Gefahr gibt, unser individuelles Selbst zu verlieren, gegen die wir durch den Mut, man selbst zu sein angehen müssen, sondern dass es eben auch die Gefahr gibt, die Partizipation an unserer Welt zu verlieren, bindungslos und bindungsunfähig zu werden, und dass es Mut braucht, dieser Gefahr zu widerstehen: den Mut, als ein Teil zu sein.
Aber nur, wenn beide Arten des Mutes zusammenwirken, ist nach Tillich ein gelungenes Leben möglich. Wird eine der beiden Seiten absolut gesetzt, so muss dies zum Selbstverlust führen.
Eine einseitige Lebensform, die den reinen Mut als ein Teil zu sein verwirklicht und den Mut man selbst zu sein außer acht lässt, ist für Tillich der extreme Kollektivismus, wie er z.B. im Kommunismus zu beobachten ist bzw. war. Der überzeugte kommunistische Kämpfer ist bereit, jede individuelle Erfüllung der Selbstbejahung der Gruppe und dem Ziel der Bewegung zu opfern. Er gibt alles dahin, was nicht in der Bejahung des Kollektivs mit eingeschlossen ist, und verzichtet dadurch auf die Möglichkeit individueller Freiheit und Verantwortung. Eine solche Haltung muss notwendig zum Selbstverlust führen.
Aber auch die Isolierung des Mutes man selbst zu sein führt in eine Sackgasse. Als Beispiel führt Tillich den extremen Existentialismus Sartres an. Nach dieser Weltanschauung ist der Mensch absolut frei ohne jede Bindung. Seine Welt ist das „All der menschlichen Ichheit“, das freie und sich selbst bestimmende Individuum, das allein in die Kälte des Nichts geworfen ist. Auch diese Position muss zum Selbstverlust führen, denn ein Ich, das nicht Teil einer Welt ist, dessen Freiheit nicht begrenzt wird durch übergeordnete Verbindlichkeiten, kann auch sich selbst nicht abgrenzend definieren.
So sind beide Arten des Mutes zum Sein, der Mut, man selbst zu sein und der Mut, als ein Teil zu sein, nötig, um das Dasein zu bestehen. Soweit die Gedanken Tillichs.

Ich denke, dass diese Theorie Tillichs uns einen Schlüssel zu vielen Phänomenen liefern kann, ich möchte nur einige in ungeordneter Folge anreißen, die mir aufgefallen sind.
Im Christentum sind eigentlich beide Seiten des Mutes in ausgewogener Weise enthalten. Die Freiheit eines Christenmenschen nach Luther besteht gerade darin, dass der Christ freiwillig auf die unbegrenzte Freiheit und Selbstbestimmung verzichtet und sich dem göttlichen Willen unterordnet - trotzdem aber ist der Christ vor Gott frei und verantwortlich. Aber in der Theologie gibt es durchaus Richtungen, die mehr der einen oder mehr der anderen Seite zuneigen. So tendiert die politische Theologie dazu, die Verantwortung und Selbstbestimmung des einzelnen Christen sehr stark zu betonen und das vertrauende Sich-Hingeben an Gott als infantile Glaubenshaltung abzulehnen. Hier ist also der Mut, als ein Teil zu sein, unterbelichtet. Andererseits gibt es theologische Strömungen, die der charismatischen Bewegung nahestehen, die den Gläubigen dazu anhalten, seinen Eigenwillen ganz auszuschalten und nur auf die Eingebungen des Heiligen Geistes zu horchen und nach ihnen zu handeln. - hier fehlt es an dem Mut, man selbst zu sein.
Ein Beispiel aus einem anderen Bereich ist das Phänomen, das gemeinhin als Krise der Aufklärung bezeichnet wird. Die Aufklärung hat ja in vielem das Ideal des Mutes, man selbst zu sein, vertreten. Sie glaubte an das freie, autonome, selbstverantwortliche Individuum, das aufgrund seiner Vernunft richtige Entscheidungen zu treffen vermag. Dabei war das Individuum bei den Vätern der Aufklärung noch eingebunden in die übergeordnete Ganzheit der Natur, doch ging dieser Aspekt in der Folgezeit immer mehr verloren. So kam es, dass die aufgeklärten Menschen mehr und mehr als rationale, verwissenschaftlichte, von der Natur abgetrennte Einzelkämpfer empfunden wurden. Als Gegenbewegung entstand der Irrationalismus in seinen vielfältigen esoterischen Erscheinungsformen, die allesamt die Freiheit des Individuums und seine Fähigkeit zu vernünftigem und verantwortlichem Handeln gering schätzen oder leugnen, dafür aber seine Eingebundenheit in das Ganze der Natur und ihrer Gesetze überbetonen und damit den Mut, als ein Teil zu sein, in den Mittelpunkt stellen.

In der Politik lassen sich Tillichs Begriffe auf die Vorstellungen der offenen und geschlossenen Gesellschaft, wie sie Karl Popper beschreibt, anwenden. Die geschlossene Gesellschaft funktioniert nach dem Vorbild der Familie, in der jeder seinen festen Platz hat und mit der jeder sich identifizieren kann. Die einzelnen gleichen den Organen eines Organismus, die zum Wohle des Ganzen wirken; Eigeninitiative oder Veränderung sind unerwünscht. Züge dieser Gesellschaftsform waren für die frühere DDR bestimmend.
Dagegen ist die offene Gesellschaft, wie sie bei uns angestrebt wird, auf der Vorstellung aufgebaut, dass jeder einzelne in Freiheit und Verantwortung und in Konkurrenz zu den anderen seinen Platz in ihr selbst bestimmen kann. Es gibt keine unveränderbare Hierarchie oder feste Ordnung, in der er sich geborgen fühlen kann, sondern alles ist offen, für alles ist jeder einzelne mit verantwortlich, weil jeder grundsätzlich alle Möglichkeiten hat, sofern er sie gegen andere durchzusetzen imstande ist.
Diese beiden Gesellschaftsformen schließen sich nach Popper aus, der Mensch muss sich entscheiden zwischen Freiheit und Geborgenheit, er kann nicht beides haben. Wenn dies zuträfe, wäre das Tillichsche Modell eine Utopie, und kein Mensch könnte, da die beiden unerlässlichen Bestandteile des Mutes zum Sein, der Mut, man selbst zu sein (Freiheit) und der Mut als ein Teil zu sein (Geborgenheit) nie gemeinsam in ein und derselben Staatsform zu verwirklichen wären, sich selbst voll bejahen.

Auch im Privatleben sind die beiden Formen des Mutes zum Sein, die Tillich beschreibt, und die Gefahr ihres Auseinanderdriftens zu beobachten.
Die Wichtigkeit einer funktionierenden Familie für die Entwicklung der Kinder ist oft betont worden. Die kleinen Kinder brauchen die Möglichkeit, sich im Ganzen geborgen zu fühlen, sie brauchen Schutz (Mutterprinzip) und Anleitung (Vaterprinzip). So können sie sich mit ihrem Zuhause identifizieren und den Mut, als ein Teil zu sein, entwickeln, können lernen, um des Ganzen willen zurückzustecken und das Glück gegenseitigen Vertrauens erfahren. Aber auch das Bedürfnis nach freier eigener Entscheidung und nach Selbständigkeit regt sich früh, und es ist wichtig für die Eltern, auch dieses zuzulassen, damit auch der Mut, man selbst zu sein, zu seinem Recht kommt. Wird dies berücksichtigt, so bietet das Aufwachsen in der Familie die beste Grundlage für eine ausgewogene Persönlichkeitsentwicklung.
Aber auch in diesem Bereich gibt es Einseitigkeiten. Auf der einen Seite finden sich Familien mit autoritären Strukturen. Hier sind besonders Mädchen betroffen, die in Familien aus anderen Kulturkreisen aufwachsen. Der Mut, man selbst zu sein, kann sich kaum entwickeln, und die Umstellung auf eine liberale Gesellschaftsform ist sehr erschwert.
Auf der anderen Seite findet sich das Problem des Verfalls der Familie. Wenn die Familie keine Geborgenheit mehr bietet, sind die Kinder gezwungen, eine frühe Selbständigkeit zu entwickeln; aber es ist häufig die Freiheit des leeren Raums wie bei Sartre, denn es fehlen die Normen, an die der junge Mensch sich halten kann und die ihm Sicherheit geben könnten. Solche in Ungeborgenheit aufwachsenden Kinder müssen immer auf dem Sprung sein, dürfen sich nicht fallen lassen, müssen sich immer selbst verteidigen, und keiner schützt sie vor einer nicht zu bewältigenden Reizüberflutung. Um dem zu entkommen, suchen sie nach Gruppen mit einfachen normativen Strukturen, wo sie sich fallen lassen können, nicht mehr selbst bestimmen müssen, wo sie Teil sein dürfen, oder sie flüchten in die Frühehe.

Auch in der Pädagogik haben beide Seiten des Mutes zum Sein in bestimmten Theorien ihren Ausdruck gefunden. Heute wird im allgemeinen die Erziehung zur freien Selbstbestimmung betont und Elemente, die dazu führen könnten, dass Schüler sich in der Schule geborgen fühlen oder sich mit ihr identifizieren könnten, werden unterbetont oder abgelehnt. Schule soll keine pädagogische Provinz sein, in der Heile Welt herrscht. Schüler sollen keine Normen kritiklos übernehmen, sollen nicht auswendig lernen. Durch wechselnde Gruppen soll Flexibilität gefördert werden, rotierende Systeme werden eingeführt, und die Klassenlehrer sollen wechseln. Die Selbstbestimmung der Schüler wird gefördert durch Freiarbeit. Da aber in all diesen Konzepten der Mut, als ein Teil zu sein, unterbelichtet ist und die Schüler diese Fähigkeit oft auch nicht mehr von zu Hause mitbringen, kommt es zu Erscheinungen wie Bindungslosigkeit, Anonymität, Schutzlosigkeit, Gewalt, Flucht in Alkohol und Drogen. Ich kenne eigentlich nur eine pädagogische Konzeption, die versucht, hier einen anderen Weg zu gehen und den Kindern auch den Mut, als ein Teil zu sein, zu vermitteln, und das ist die Waldorfschule. Auf der Grundlage eines einheitlichen Erziehungskonzepts und Menschenbildes wird hier nach dem Stammklassen- und Klassenlehrerprinzip den Schülern eine größtmögliche Kontinuität vermittelt, die ihnen hilft, sich mit der Gemeinschaft zu identifizieren und sie zu bejahen. Obwohl ich die spezielle weltanschauliche Bindung der Waldorfschulen problematisch finde, halte ich ihr Modell in der augenblicklichen gesellschaftlichen Situation doch für angebracht.

Als letztes möchte ich noch auf ein Problem eingehen, das mir besonders klar geworden ist, seit ich in der Rahmenrichtlinienkommission für Werte und Normen mitarbeite. Diese Kommission hat den Auftrag, ein Unterrichtsfach zu entwickeln, das Schülern, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, Wertvorstellungen und Normen vermitteln soll. Aber schon in diesem Auftrag spiegelt sich die prekäre Situation wider. Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, werden mit den Wertvorstellungen der christlichen Ethik bekannt gemacht, deren Gültigkeit nach christlichem Verständnis im Willen Gottes begründet ist. Indem der Christ sich mutig auf die Teilhabe an diesem göttlichen Willen einläßt, kann er in Freiheit er selbst sein, denn er hat eine Richtschnur, die ihm dazu hilft. Was für Werte und Normen soll aber ein Fach vermitteln, das ausdrücklich jede weltanschauliche oder religiöse Bindung ablehnt? Die Diskussionen in der Kommission stehen sehr stark unter dem Eindruck, dass den Normen, nach denen sich die nicht religiös gebundenen Menschen und besonders Jugendlichen unserer Gesellschaft richten, eine große Subjektivität anhaftet. Die nicht in ein Ganzes eingebundene Freiheit droht zur Beliebigkeit zu werden. Die Medien tragen hierzu noch bei, indem in vielen besonders von Jungendlichen gern gesehenen Videofilmen Verhalten als selbstverständlich gezeigt wird, das herkömmlich als böse galt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn es Jugendbünde gibt, die den Wahlspruch „Gewalt ist geil“ als Norm vertreten und danach handeln.
Im Werte- und Normenunterricht soll ausdrücklich dem Werteverfall in der Gesellschaft entgegengewirkt werden. Die Kinder sollen z.B. lernen, die Natur zu schützen, Ausländer zu akzeptieren, Konflikte gewaltlos zu lösen und ihre eigene Identität zu finden. Wir sind uns in der der Kommission einig, dass wir ein gemeinsames Ganzes brauchen, das bejaht werden kann, um die Verantwortung, zu der wir die Kinder erziehen wollen, daran festzumachen. Dieses Ganze ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit dem aus dem Christentum säkularisierten Zentralwert der Menschenwürde. Es ist zu hoffen, dass es genug Tragfähigkeit besitzt-

Damit komme ich zum Schluss. Von Friedrich Schiller, der in seinem gesamten Denken dem Freiheitsideal der Aufklärung verpflichtet war und in seinem Leben und in seinen Werken immer wieder den Mut, man selbst zu sein, verwirklichte, stammt der Spruch:
„Immer strebe zum Ganzen,
Und kannst Du selber kein Ganzes werden,
Als dienendes Glied schließ an ein Ganzes Dich an.“

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