Schweitzer
Gesine Doernberg: Albert Schweitzers ökologische Ethik im Philosophieunterricht der Oberstufe des Gymnasiums

(Vortrag in der Albert-Schweitzer-Gedenkstätte in Weimar am 21. Mai 1993

Ich möchte Ihnen heute einige Gedanken und Erfahrungen zur ökologischen Ethik Schweitzers vortragen. Bevor ich aber auf Schweitzer speziell eingehe, scheint es mir wichtig, die Begriffe „Ethik“ und „ökologische Ethik“ zu klären.
Was bedeutet Ethik? Die Ethik fragt nach den Maßstäben für unser Handeln. Sie antwortet auf die Frage: „Was sollen wir tun?“ Ethik soll helfen, unser Handeln zu beurteilen und zu erkennen, ob es gut oder böse sei.
Bei diesen Überlegungen ging es in der Philosophie lange Zeit ausschließlich um Handlungen gegenüber Menschen. Diese werden seit der Aufklärung danach beurteilt, ob in ihnen die Menschenwürde des anderen geachtet wird. Diese Menschenwürde, d.h. das Postulat, dass jedem individuellen Menschen als Mensch ein Wert an sich innewohnt, wird dadurch begründet, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, das die Fähigkeit hat, sich frei und verantwortungsbewusst zu entscheiden. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der Person des Menschen, deren Unantastbarkeit eine Grundforderung der auf den Menschen bezogenen allgemeinen Ethik ist.

Das Besondere der ökologischen Ethik ist es nun, dass sie sich mit Handlungen befasst, die sich nicht nur auf Menschen beziehen, sondern auf die Natur im weitesten Sinne. Hier sind natürlich die verschiedensten Schwerpunkte möglich; man kann über das Verhalten des Menschen gegenüber der Natur insgesamt nachdenken oder man kann sich besonders mit der Beziehung des Menschen zum Tier beschäftigen; man kann den Zusammenhang aller Naturerscheinungen, den wir „Ökologie“ nennen (daher der Name „ökologische Ethik“) in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, oder man kann den Schwerpunkt mehr auf den Umgang mit einzelnen, individuellen Lebewesen legen. In jedem Fall aber werden in der ökologischen Ethik Wertmaßstäbe gesucht, nach denen sich all diese Handlungen beurteilen lassen, und ihre zentrale Frage lautet daher: Warum muss die Natur geschont werden? Wie lässt sich die Forderung nach der Erhaltung der Natur philosophisch begründen?

Hier können wir nun wiederum verschiedene Ansätze unterscheiden, die jeweils danach benannt werden, worauf die betreffende Begründung bezogen ist.
Der verbreitetste Ansatz ist sicherlich der, dass die Natur um des Menschen willen geschont werden muss. Dieser Begründungsansatz, der übrigens auch der Umweltpolitik unserer Regierung zugrunde liegt, wird auch anthropozentrischer Ansatz (von Anthropos = Mensch und Zentrum =Mitte) genannt, weil er davon ausgeht, dass der Mensch, da er auch ein Naturwesen ist, nicht in einer zerstörten Natur leben kann. Da die allgemeine Ethik den Menschen dazu verpflichtet, sich selbst und alle anderen Menschen als Personen zu schützen und zu fördern, ist ihm als Mittel zu diesem Zweck auch der Umweltschutz ethisch geboten, allerdings nur so weit, als die Natur für die Erhaltung des Menschen nötig ist. Wenn gentechnische Veränderungen von Saatgut z.B. zu größeren Erträgen führen, weil die Pflanzen gegen bestimmte Schädlinge resistent sind, so ist diese Manipulation der ökologischen Zusammenhänge nach der Auffassung der anthropozentrischen Ethik nicht abzulehnen.

Von ganz anderer Seite gehen die Religionen an dieses Problem heran. Gerade die Religionen haben wichtige Begründungsansätze für die ökologische Ethik geliefert. Muss die Natur um Gottes Willen geschont werden? Hier könnte man von einem theozentrischen Begründungsansatz (theos = Gott) sprechen. Nach der Vorstellung aller Religionen ist die Erschaffung der Erde, der Natur und des Menschen das Werk göttlicher Wesen, denen die Achtung des Menschen gebührt. Achtet man das Geschöpf nicht, so missachtet man auch den Schöpfer. Auch die christliche Religion kennt diese Vorstellung; nicht umsonst lautete das Motto der ökumenischen Vollversammlung 1990 „Bewahrung der Schöpfung“. In diesem Motto steckt die ethische Forderung: Der christliche Mensch soll die Natur erhalten und bewahren, weil sie Gottes Schöpfung ist, d.h. aus Ehrfurcht vor Gott - also ein theozentrischer Ansatz.
Ein weiterer Ansatz, den man als pantheistisch bezeichnen könnte und der sich in vielen Religionen findet, geht davon aus, dass Gott der Natur innewohnt. Wer das glaubt, muss selbstverständlich die Natur ganz besonders achten und ihr Ehrfurcht entgegenbringen, da sie selbst göttlich ist.
Bei den bisher betrachteten religiösen Positionen ging es eher um die Natur als Ganzes, die als göttlich oder um Gottes willen geachtet werden soll. Es gibt aber auch Religionen, bei denen das einzelne Lebewesen im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Hier ist sicher der wichtigste Ansatz der hinduistische. Im Hinduismus spielt ja die Seelenwanderung eine große Rolle. Die Seele des Menschen wird nach seinem Tode wiedergeboren, und zwar nicht notwendig als Mensch. Wenn der Mensch zu Lebzeiten zu wenig nach dem Heil gestrebt oder böse Taten begangen hat, kann er auch auf einer geringeren Lebensstufe, etwa als Wurm oder Hund, wiedergeboren werden. Alle Tiere enthalten Seelen, weshalb es dem Hindu verboten ist, sie zu töten oder zu essen. Man könnte diesen Ansatz als „psychozentrisch“ (von „Psyche“ = Seele) bezeichnen.
Ebenfalls um das einzelne Lebewesen geht es in den Naturreligionen. So sehen z.B. indianische Religionen Tiere und Pflanzen als Brüder an, die ebensoviel Rücksicht verdienen wie Menschen und wie diese nur in fairem Zweikampf getötet werden dürfen. Diese Denkweise ist besonders durch die “Rede des Häuptlings Seattle“ bekannt geworden.
Der Nachteil aller dieser religiösen Ethiken ist es aber, dass sie nicht allgemeingültig sein können. Nur in den Kulturkreisen, in denen der Glaube an diejenigen Religionen, aus denen sie erwachsen sind, verbreitet ist, können sie Gültigkeit haben. Darum sind sie als philosophische Begründungsansätze nur eingeschränkt verwendbar.

Wenn wir auf Allgemeingültigkeit und universale Verständlichkeit Wert legen, müssen wir also weiterdenken. So hat Kant (wir folgen hier der Interpretation von Ebbinghaus) versucht, den religiösen Ansatz des Christentums in einen allgemein philosophisch-metaphysischen umzuwandeln. Der bekannte Kategorische Imperativ lautet in seiner ersten Konkretisierung: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Naturgesetz werde“. Die Natur wird hier als sinnvoll ordnende Macht aufgefasst, die dem Menschen die Vernunft gegeben hat, damit er das Naturgesetz durch das Sittengesetz ergänze; darum müssen ethische Handlungen gegenüber der Natur stets naturgemäß bleiben. Die Natur als Ganze wird also hier als ein Wesen gesehen, dem aufgrund seiner sinngebenden Vernunft die Achtung jedes vernunftbegabten Wesens gebührt. Nach dieser Theorie hat also die Natur als Ganzes eine Würde, nicht aber das einzelne, nicht vernunftbegabte Lebewesen.

Andere Philosophen haben versucht, einen der buddhistischen Vorstellung von der Beseeltheit aller Lebewesen entsprechenden allgemein philosophisch-metaphysischen Ansatz zu gewinnen. So geht der späte Hans Jonas davon aus, dass allem Materiellen eine Geist- oder Seelensubstanz innewohne, weshalb wir zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Welt aufgerufen sind. Dieser Ansatz wird auch physiozentrisch (von „physis“ = Natur) genannt, weil er die organische und die anorganische Natur umschließt - man könnte ihn aber auch psychozentrisch nennen, weil er die einzelnen Naturerscheinungen um ihrer Beseeltheit willen schützen möchte.

Viele Jugendliche sind übrigens der Ansicht, dass Tiere eine Seele haben oder dass sie eine Würde besitzen, die sie dem Menschen gleichordnet. Zu Beginn der 11. Klasse pflege ich als Einstieg in das neue Fach Philosophie den Schülern Situationen vorzugeben, zu denen sie in Kleingruppen Fragen und Gedanken sammeln sollen, die ihnen kommen, wenn sie sich diese Situation vorstellen. Eine dieser Situationen lautet: „Im Zoo betrachte ich die Menschaffen.“ Ich hatte diese Situation eigentlich ausgewählt, um auf anthropologische Fragestellungen zu kommen, etwa: Wodurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier?, Was ist überhaupt ein Mensch? etc. Jedoch in den letzten Jahren haben sich die Schüler, die diese Situation bearbeiteten, immer stärker an dem ethischen Aspekt festgebissen, und sie haben gefragt, mit welchem Recht der Mensch Tiere einsperrt, und ob ein Tier nicht das gleiche Recht auf Freiheit und Lebensentfaltung habe wie der Mensch. Ich lese dazu einen Auszug aus einem Gruppenbericht der Schüler:

„Darf man Tiere einsperren?
1. Warum gibt es keine Gleichberechtigung zwischen Mensch und Tier?
- Hat der Mensch das Recht, den Menschenaffen einzusperren?
- Wie würde der Mensch reagieren, wenn sich der Affe von nun an so entwickeln würde,
dass er eines Tages dem Menschen überlegen wäre und ihn einsperren würde?
2. Wenn man einen Affen einsperrt, erkennt man ihm seine Würde ab.
- Gefangene Affen sind wie Strafgefangene. Was haben sie getan?
- Wie fühlt sich der Affe, wenn ich ihn in seinem Käfig angucke?
3. Wir sollten doch wissen, wie wichtig die Freiheit ist.
- Warum freuen wir uns an den eingesperrten Tieren und lachen über ihre Verzweiflung
(z.B. Werfen mit Kot)?
- Was denken die Affen von uns, wenn sie in ihrem Käfig von uns angestarrt werden?
- Sind wir vielleicht auch eingesperrt wie die Affen?“

Immer wieder werden in solchen Diskussionen mit Schülern Meinungen laut, dass der Mensch sich nicht zu viel einbilden solle, dass ein Hund ebensoviel wert sei wie ein Mensch, oder dass ein Mensch nicht besser sei als ein Kaninchen. Wenn man diesen Meinungen Jugendlicher aber genauer nachgeht, zeigt es sich oft, dass hier in unreflektierter Weise allgemeine schwärmerische Vorstellungen mit Modeströmungen vermischt werden. Viele Jugendliche haben ein Haustier, das sie innig lieben, dagegen ekeln sie sich z.B. vor Spinnen oder Ratten und finden nichts dabei, diese zu vernichten. Es ist also keineswegs so, dass in der Praxis dem Tier als solchem eine Würde zugestanden wird, sondern nur bestimmten Tieren, die dem einzelnen gerade besonders nahe stehen. Es handelt sich also bei dieser Meinung noch nicht um einen philosophischen Begründungsansatz.

An dieser Stelle kann Albert Schweitzer weiterhelfen. In „Kultur und Ethik“ findet sich seine Theorie der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Hiernach muss jedem Lebewesen, das einen Willen zum Leben besitzt, ein Wert zugesprochen werden. Nicht die Vernunft oder eine sonstige geistige Substanz, sondern das Leben selbst bestimmt die Würde von Mensch und Tier in gleicher Weise, denn jedes Leben ist achtenswert. Es handelt sich also um einen biozentrischen (von „bios“ = Leben) Begründungsansatz.

Es gibt einen Bericht über die Entstehung dieser Gedanken. Anscheinend befand sich in einem Fluss bei Lambarene eine Insel, auf der eine Affenhorde ihre Wohnstatt hatte. Schweitzer gelangte auf einem Spaziergang dorthin und wurde bei der Beobachtung dieser Tiere von einem plötzlichen überwältigenden Gefühl der Ehrfurcht vor dem Leben dieser Tiere erfasst; dieses Erlebnis sei die Keimzelle seiner Ethik gewesen. Ich fand diesen Bericht interessant, weil auch die Schüler durch die Situation der Menschenaffen im Zoo auf ähnliche Gedanken gekommen waren.

Schweitzer formuliert den Grundsatz seiner Ethik folgendermaßen: „Gut ist, Leben zu erhalten und zu fördern; böse ist, Leben zu zerstören und zu hindern.“
Schweitzer beschreibt das Verhalten des von dieser Ethik durchdrungenen Menschen durch folgendes Beispiel:

„Geht der Mensch nach dem Regen auf die Straße und erblickt den Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, dass er in der Sonne vertrocknen muss, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins Gras....Er fürchtet sich nicht, als sentimental belächelt
zu werden. Es ist das Schicksal jeder Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des Lächelns zu sein. Einst galt es als eine Torheit anzunehmen, dass die farbigen Menschen wahrhaft Menschen seien und menschlich behandelt werden müssten. Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedersten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemäßen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, dass die Menschen so lange brauchten, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen.“

Schweitzer schrieb diese Sätze im Jahre 1900. Er wäre sicher nicht erstaunt, dass heute, 93 Jahre später, der Umgang mit der Natur eines der wichtigsten Probleme der Menschheit geworden ist.

Aber ist es überhaupt möglich, uns immer so zu verhalten, wie es die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erfordert? Im Beispiel der Begegnung eines Spaziergängers mit einem einzelnen Regenwurm mag es ja noch angehen, aber schon, wenn ein Fahrradfahrer auf einer Straße fährt, auf der nach einem Regen Hunderte von Schnecken kriechen, wird die Durchführbarkeit der geforderten Ethik problematisch, und erst recht, wenn es sich um eine Autostraße mit fließendem Verkehr handelt.
Schweitzer selbst hat diese Schwierigkeit deutlich erkannt. Der Satz, auf den sich seine Ethik gründet, lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Das aber bedeutet, dass der Mensch, insofern er selbst einen Willen zum Leben besitzt, auch sich selbst gegenüber zur Achtung verpflichtet ist. Die Selbsterhaltung und die Erhaltung aller anderen Lebewesen aber schließt sich aus, indem jede Erhaltung aus natürlich-ökologischen Gründen auf Kosten anderer Lebewesen geht. Daraus ergibt sich das, was Schweitzer die „Selbstentzweiung des Willens zum Leben“ nennt. Er schreibt dazu:

„Auch ich bin der Selbstentzweiung des Willens zum Leben unterworfen. Auf tausend Arten steht meine Existenz mit anderen in Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu schädigen ist mir auferlegt. Wenn ich auf einsamem Pfade wandle, bringt mein Fuß Vernichtung und Weh über die kleinen Lebewesen, die ihn bevölkern. Um mein Dasein zu erhalten, muss ich mich des Daseins, das es schädigt, erwehren. .Ich werde zum Verfolger des Mäuschens, das in meinem Hause wohnt, zum Mörder des Insekts, das darin nisten will, zum Massenmörder der Bakterien, die mein
Leben gefährden können. Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung von Pflanzen und Tieren. Mein Glück erbaut sich aus der Schädigung der Nebenmenschen.“

Trotz dieser ausweglosen Situation aber lehnt es Schweitzer ab, die absolute Forderung seiner Ethik einzuschränken. In voller Schärfe lässt er den Grundsatz stehen: „Böse ist, Leben zu schädigen oder zu vernichten“. Dadurch soll der Mensch gezwungen werden, sich in jedem Fall selbst zu entscheiden, wieweit er ethisch bleiben kann und wieweit er durch die Notwendigkeit von Vernichtung und Schädigung von Leben Schuld auf sich laden muss. Nur unter dem Antrieb dieses Schuldgefühls, meint Schweitzer, kann der Mensch immer lauter die Stimme des Ethischen vernehmen und immer mehr von der Sehnsucht beherrscht werden, Leben zu erhalten und die Notwendigkeit der Vernichtung von Leben immer mehr einzuschränken.
Die Schüler sind meist sehr betroffen über diese Konsequenz, die Schweitzer aus seiner Ethik zieht. Während die einen hier abschalten, weil sie sich überfordert fühlen, sind andere gerade von dieser Radikalität fasziniert. Wie weit bei manchen die Betroffenheit geht, erfahre ich oft erst in der Abschlussklausur, in der ich am Schluss die Frage stelle: „Waren einzelne Aspekte der vergangenen Unterrichtseinheit für Sie persönlich wichtig? Begründen Sie Ihre Antwort.“ Da erfahre ich dann zu meiner Verwunderung, dass die Lektüre des Textes von Schweitzer bei einzelnen Schülern erstaunliche Verhaltensänderungen bewirkt hat, dass sie bewusster mit ihrer Umwelt umgehen, dass sie sich entschlossen haben, den Wehrdienst zu verweigern, oder dass sie kein Fleisch mehr essen.
Andere Schüler reagieren mit Abwehr auf die Radikalität der Forderungen Schweitzers, etwa so: Da könnten wir ja unsres Lebens nicht mehr froh werden, wenn wir ständig ein schlechtes Gewissen haben müssten. Man kann sich anstrengen, wie man will, und trotzdem kann man die Forderungen nicht erfüllen.
Die Kompromisslosigkeit des Schweitzerschen Ansatzes macht vielen Schülern zu schaffen. Da die meisten von ihnen nicht mehr wie Schweitzer einen christlichen Hintergrund haben, ist ihnen der Gedanke, dass zwar alle Menschen durch ihre unvollkommene menschliche Existenz Sünder sind, dass sie aber andererseits durch die Erlösungstat Christi von ihren Sünden befreit sind, nicht geläufig. Ohne diese Gewissheit der Sündenvergebung aber ist der Gedanke Schweitzers, dass wir immer notwendig Schuld auf uns nehmen müssen, ja auch wirklich kaum zu ertragen.
Ich versuche darum an dieser Stelle, das Anliegen Schweitzers in einem anderen Zusammenhang zu verdeutlichen. Schweitzer vertritt ja mit seinem Ansatz eine deontologische Ethik, d.h. eine Ethik, die eine absolute Forderung stellt, ähnlich wie die Ethik Kants. Da im Zusammenhang der Kantschen Ethik der Schuldbegriff nicht auftaucht, ist dieser Ansatz für die Schüler leichter zu verstehen. Bei Kant sieht es so aus: Der Kategorische Imperativ ist ein Ideal, d.h. es ist von vornherein klar, dass er sich nicht voll verwirklichen lässt. Das Ideal ist aber wichtig als Richtschnur, an der man sich immer wieder orientieren kann, wenn man von der Unübersichtlichkeit der konkreten Situation verwirrt ist und nicht mehr weiß, wonach man sich richten soll. Wenn man die Schweitzersche Ethik in diesem Sinne auffasst, ist ihre Absicht auch für Menschen nachvollziehbar und einleuchtend, die dem Christentum fernstehen.
Dies erkennt man am deutlichsten, wenn man, wie ich dies manchmal im Unterricht getan habe, dem Schweitzerschen Gedanken eine ökologische Ethik gegenüberstellt, die genau das tut, was Schweitzer ablehnt, nämlich eine Anleitung zum Ausgleichen zwischen dem Ethischen und dem Anwendbaren gibt. Es handelt sich um die utilitaristische Ethik des australischen Moralphilosophen Peter Singer (1982). Dieser geht nicht von einem Ideal aus, sondern von konkreten Einzelfällen. Für ihn ist, wie bei den anthropozentrischen Ethiken, die Vernunft, d.h. die Personhaftigkeit diejenige Eigenschaft, durch die ein Lebewesen ein Recht auf Würde gewinnt. Anders als die anthropozentrischen Ethiker bezieht er aber auch die Tiere in die Gruppe der intelligenten Lebewesen mit ein, da z.B. Forschungen ergeben hätten, dass Delphine intelligentes Verhalten zeigten. Singer untersucht nun konsequent jedes einzelne Lebewesen auf seine Personhaftigkeit. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass nicht alle Menschen Personen sind, da es z.B. Behinderte gibt, die nicht zu intelligentem Verhalten fähig sind. Bei Hühnern ist er sich nicht sicher, ob sie als Personen angesprochen werden können, Regenwürmern spricht er die Personhaftigkeit ab. Die Schüler erkennen anhand dieses Beispiels recht gut, wie problematisch es sein kann, konkrete Regeln für den Einzelfall aufzustellen und wie weise es von Schweitzer war, es der Verantwortung des Einzelnen zu überlassen, welche Schädigung von Leben er für sich persönlich als unerlässlich ansieht.

Neben der Schwierigkeit des Ausgleichs von normativen und situativen Handlungsanleitungen enthält die Ethik Schweitzers noch ein anderes für jede ökologische Ethik typisches Problem. Trotz der Tatsache, dass der Mensch den Willen zum Leben mit dem Tier gemeinsam hat, gilt die Forderung der Achtung des Lebenswillens nur für den Menschen. Nur der Mensch kann aufgrund seiner Vernunft, Freiheit und Verantwortungsfähigkeit Subjekt der Ethik sein; das Tier und die übrige Natur können nur als Objekt seines Handelns in Betracht gezogen werden. Diese Tatsache wird oft von den Schülern missverstanden, da ihnen der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt der Ethik nicht deutlich ist. Sie verstehen Schweitzer so, dass Menschen und Tiere völlig gleichwertig seien; in Wirklichkeit aber gilt diese Gleichwertigkeit nur, insofern sie Gegenstände, also Objekte der ethischen Handlung sind; die Verantwortung für die Handlung dagegen kommt nur dem Menschen als Subjekt zu.

Die Problematik dieses Missverständnisses von der undifferenzierten Gleichstellung von Mensch und Tier kann man den Schülern sehr schön an einem Text von Otfried Höffe verdeutlichen, der von den juristischen Schwierigkeiten einer Gleichstellung von Mensch und Tier handelt. Höffe geht von dem Gleichheitsgrundsatz der Rechtssprechung aus, nach dem Gleiches gemäß seiner Gleichheit gleich, Verschiedenes gemäß seiner Verschiedenheit verschieden zu behandeln sei. Nach dem römischen Recht, das auch unserer Rechtssprechung zugrunde liegt, gibt es nur Personen und Sachen, und so werden Tiere, da sie keine Personen sind, als Sachen behandelt. Im Gegensatz dazu gibt es heute Tierschützer - z.B. den oben erwähnten Peter Singer - ,die Tiere als Personen behandelt wissen wollen. Aber, so argumentiert Höffe, Tiere sind keine Personen, denn sie können keine Verantwortung übernehmen. Tiere sind auch nicht Kindern oder geistig Minderbemittelten gleichzusetzen, denn sie sind nicht nur vorläufig oder aufgrund außerordentlicher Schäden, sondern grundsätzlich und artspezifisch nicht zurechnungsfähig. Höffe warnt davor, Menschen und Tiere in diesem globalen Sinne gleichzusetzen, denn daraus würde folgen, dass der Mensch auch keine größere Verantwortung haben kann als das Tier und dass im menschlichen Bereich wie im Tierreich das Recht des Stärkeren gelten muss, das dem Menschen als überlegener Spezies die willkürliche Herrschaft über die Tiere zubilligt. - Gerade, dass nur der Mensch Person ist, hat zur Folge, dass er als einziges Lebewesen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten dem Tier gegenüber hat.
Für Schweitzer ist dies selbstverständlich. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wendet sich ausschließlich an den Menschen, weil nur dieser sich frei und verantwortlich entscheiden kann, und gebietet ihm als einzigem Wesen die bewusste Achtung und Gleichbehandlung aller lebenden Individuen.
Für den Menschen Schweitzer war Denken und Handeln eins, wie die folgende Anekdote zeigt, mit der ich meine Ausführungen beenden möchte:
Als einem Kollegen Schweitzers einmal eine Fliege ins Auge geflogen war, entfernte Schweitzer diese vorsichtig. Als aber der Freund sie zerdrücken wollte, rief Schweitzer: “Halt! Vielleicht lebt sie noch!“, und er setzte sie vorsichtig ins Gras.

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