Gesine Doernberg: Der Schuldsack (1988)

 

1. Szene

(Markus sitzt traurig auf einer Bank mit einem schweren Sack auf dem Rücken)

Martina: (kommt vorbei, bleibt stehen) Warum bist du denn so traurig? Und was schleppst du da für einen schweren Sack?
Markus:

Ach, mir kann keiner helfen!

Martina: Willst du es mir nicht sagen? Vielleicht finden wir doch einen Weg.
Markus: Ich will es dir erzählen. Ich heiße Markus.
Martina: Und ich heiße Martina.
Markus: Vor einigen Wochen kam ich nach der Schule am Fahrradständer vorbei, wo die Räder meiner Klassenkameraden stehen. Ich schraubte an dem Rad von Paul, den ich nicht besonders leiden kann, das Ventil locker. Dann versteckte ich mich hinter einer Hecke, um zu gucken, was Paul für ein Gesicht machen würde. Paul hatte es aber furchtbar eilig; er sprang auf sein Rad und fuhr los. Ich wollte ihn noch warnen, da war es schon passiert. Er stürzte und schrie furchtbar. Von allen Seiten kamen sie gelaufen, er wurde fortgebracht. Er hatte das Knie angebrochen.

2. Szene

(In der Schule. Markus und andere Kinder beim Unterricht.)

Lehrer: So, jetzt schlagt einmal die Bücher auf!

(Es klopft)

Lehrer: Herein!

(Paul kommt herein, hinkt)

Lehrer: Guten Tag, Paul, das ist ja schön, dass du wieder da bist. Wie geht’s denn deinem Bein?

Paul:

Sie haben gesagt, es wird nicht mehr besser. Ich werde immer hinken müssen.
Markus: (legt den Kopf in beide Arme auf den Tisch)
Lehrer: Nimm es dir nicht so zu Herzen, Markus. Ich weiß, dass du das nicht gewollt hast.

(Es klingelt zur Pause. Die Kinder und der Lehrer gehen raus. Markus bleibt sitzen, den Kopf auf den Armen)

Das alte Weib (kommt aus einer Ecke hervor, einen schweren Sack schleppend)

Markus (springt erschrocken auf)

Das alte Weib: (geht zu Markus, bindet ihm den Sack auf den Rücken) Dieser Sack ist dein Schuldsack. Du sollst ihn von nun an immer tragen, weil du an Pauls Unglück schuld bist. Du sollst nicht mehr fröhlich werden, weil du immer den Sack tragen musst.

(Das alte Weib verschwindet wieder in seiner Ecke. Markus setzt sich wieder hin, den Sack auf dem Rücken, den Kopf in den Armen)

Lehrer: (kommt herein, sieht den Sack) Ach, Markus, ich sehe schon, dass du von nun an mit dem Schuldsack gehen musst. Aber ich will dir etwas sagen. Wenn du jemanden findest, der dir den Sack abnimmt und ihn für dich trägt, dann bist du davon erlöst.
Markus: So will ich in die weite Welt gehen und suchen, ob ich jemanden finde, der den Schuldsack für mich tragen will.

3. Szene

(Markus und Martina auf der Bank)

Markus: Und so kam ich hierher, aber ich habe noch niemanden gefunden, der den Sack für mich tragen will.
Martina: Verlier nicht den Mut, ich will mit dir gehen. Zwar kann ich den Sack nicht für dich tragen, weil er mir zu schwer ist, aber ich will dir helfen, jemand zu finden, der ihn dir abnehmen kann.
Markus: Aber wo sollen wir suchen?
Martina: Ich weiß etwas. Wir wollen die Demonstranten fragen. Sie wollen die Welt besser machen und sind sehr klug, weil sie auf der Universität waren. Vielleicht können sie dir deinen Schuldsack abnehmen.

(beide ab)

4. Szene

(Demonstrantenzug. Anführer mit Transparent.)

Demonstranten: (im Chor) Wir protestieren....
Anführer: ...gegen Herrschaft!
Demonstranten: (wie oben) Wir protestieren...
Anführer: ...gegen Gewalt!
Demonstranten: Wir protestieren...
Anführer: ... gegen Macht!

(Markus und Martina von der anderen Seite)

Martina: (zum Anführer) Entschuldige, dass wir euch stören, aber wir wollten fragen, ob ihr uns helfen könnt. Mein Freund hier trägt einen schweren Schuldsack und kann ihn nicht loswerden, könnt ihr ihm einen Rat geben?
Anführer: Was ist es denn für eine Schuld?
Markus: (hält sich die Ohren zu)
Martina: Er hat einem Mitschüler das Fahrradventil losgeschraubt, da ist er gestürzt, und das Bein ist steif geblieben.
Markus: (nimmt die Hände von den Ohren)
Anführer: (zu Markus) Du bist nicht schuld daran, dass dir das passiert ist. Wenn dein Lehrer dich nicht so erzogen hätte, dass du besser sein wolltest als deine Mitschüler, wäre dir Paul gar nicht unsympathisch gewesen, und du hättest nicht an seinem Fahrrad herumgeschraubt.
Markus: Aber ich habe doch mit Absicht an dem Ventil gedreht, weil ich ihn ärgern wollte!
Anführer: Aber wenn du anders erzogen worden wärst, hättest du ihn gar nicht ärgern wollen.
Markus: Das verstehe ich nicht, aber du bist ja klug, da wird es wohl stimmen. Was soll ich also mit meinem Sack machen?
Anführer: Gib ihn deinem Lehrer, weil er dich so erzogen hat!
Markus: Aber mein Lehrer hat doch nicht das Ventil abgeschraubt! Und er war so gut zu mir und sagte, ich sollte nicht traurig sein, denn ich hätte nicht gewollt, dass Paul hinken muss. Und er hat mir geraten, was ich tun soll. Ich mag doch meinen Lehrer gern, da kann ich ihm doch nicht so einen schweren Sack aufladen!
Anführer: Dann kann ich dir nicht helfen. (Er gibt den Demonstranten ein Zeichen, sie marschieren weiter.)
Demonstranten: Wir protestieren...
Anführer: ...gegen Gewalt!
Demonstranten: Wir protestieren...
Anführer: ...gegen Herrschaft!
Demonstranten: Wir protestieren...
Anführer: ...gegen Macht!

(Demonstranten mit Anführer ab. Markus und Martina sehen ihnen nach.)

5. Szene

Markus: Was machen wir jetzt?
Martina: Wir dürfen es nicht aufgeben, wir müssen weiter suchen. Sieh mal, was ist denn dort an dem Haus für ein komisches Schild? (Sie geht hin) Was steht da? „Hilfe in allen Lebenslagen durch (sie buchstabiert) psychologische Meditation“? Das klingt doch gut, findest du nicht? Dort wollen wir klingeln, vielleicht können sie dir helfen.

(Sie klingeln. Ein würdiger Guru in indischem Gewand erscheint)

Guru: (geistesabwesend in die Ferne schauend) Was habt ihr denn für Sorgen?
Martina: Siehst du denn nicht, dass mein Freund unter seinem Schuldsack fast zusammenbricht?
Guru: (schaut ihn an) Ja, die Welt ist Leiden, das kann man nicht ändern.
Martina: (empört) Aber der Sack ist zu schwer für ihn, kannst du ihn ihm nicht abnehmen?
Guru: Ich? Wieso ich? Sein Weg ist doch nicht mein Weg! (zu Markus): Das Tragen dieses Sackes ist dein Weg. Du hast ihn dir selbst gewählt. Dies zu erkennen kann ich dich lehren. Mehr kann ich nicht für dich tun.
Markus: Aber dadurch werde ich doch den Sack nicht los!
Guru: Nein, aber er wird leichter, und wenn du lange genug bei mir bleibst, wirst du ihn gar nicht mehr bemerken. Du wirst die ganze Welt hinter dir lassen und schließlich frei werden.
Markus: Und mein Lehrer, der mir geholfen hat?
Guru: Du wirst nicht mehr an ihn denken.
Markus: Und Martina hier, meine beste Freundin?
Guru: Du wirst sie vergessen.
Markus: Nein, das will ich nicht!
Guru: Dann kann ich dir nicht helfen (geht langsam in sein Haus zurück)

6. Szene

(Markus und Martina allein)

Markus: Ach, Martina, ich glaube, es hat alles keinen Zweck. Ich werde wohl nie den finden, der mir den Sack abnimmt, wie mein Lehrer gesagt hat
Martina: Ich glaube es beinahe auch nicht mehr.
Markus: Was, du verzweifelst auch? Das ist ja ganz furchtbar! Bis jetzt hast du doch immer noch Mut gehabt!
Martina: Ja, aber jetzt weiß ich auch nicht weiter.
Markus: Und es wird schon dunkel.
Martina: Da drüben steht eine große Tür offen, aus der ein Lichtschein kommt.
Markus: Es ist eine Kirche.
Martina: Wir wollen hineingehen.

7. Szene

(Markus und Martina haben sich in der Kirche zu der Gemeinde gesetzt. Auf der Bühne im Vordergrund beleuchtet ein Engel, im Hintergrund Maria und Joseph mit der Krippe)

Engel: Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute, neue Mär: der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.

(Beleuchtung auf Krippenszene)

Engel: Euch ist ein Kindlein heut geborn von einer Jungfrau auserkorn, ein Kindelein so zart und fein, das soll eur Freud und Wonne sein. So merket nun das Zeichen recht: (zeigt hin) die Krippe, Windelein so schlecht, da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt. (Beleuchtung wieder auf Engel) Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führn aus aller Not er will eur Heiland selber sein, von allen Sünden machen rein.
Markus: (kommt aus der Gemeinde auf den Engel zugelaufen) Was sagst du da? „Von allen Sünden machen rein“? Sünden, das ist doch Schuld, nicht wahr? Kann mich etwa dieses Kind von meinem Schuldsack befreien?
Engel: Ja, denn es ist ein ganz wunderbares Kind: Es ist Gottes Sohn und heißt Jesus Christus. Die Menschen, die Schuldsäcke tragen müssen, taten ihm so leid, dass er selbst Mensch geworden ist, um ihnen zu helfen. Er sagt: Bringt eure Schuldsäcke zu mir. Wenn ihr mir glaubt, kann ich euch befreien.
Markus: Ich glaube es! Ich fühle mich jetzt schon viel leichter! (Er läuft zu der Krippe) Lieber Jesus, du weißt, wie leid es mir tut, dass ich Paul das angetan habe. Bitte nimm diesen Schuldsack von mir und befreie mich von dieser Last.
Engel: (zur Krippe kommend) Du bist befreit. (Er nimmt Markus den Sack ab und legt ihn auf die Krippe)
Markus: Ich bin befreit, ich bin befreit, ach, wie wunderschön, ich möchte tanzen und springen! (läuft zu Martina, fasst sie an den Händen, sie tanzen)

 

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