Schiller
Gesine Doernberg: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ -
Friedrich Schillers Gedanken zur „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ und die pädagogischen Vorstellungen Maria Montessoris

(Kurzreferat im Rahmen des „International Symposium on Philosophy and Education in Contemporary Society” in Cres (Kroatien), September 2004 )

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ schreibt Friedrich Schiller in seiner philosophischen Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ von 1793/94. Was fasziniert Schiller so an der Tätigkeit des Spielens, dass er sie als Grundlage der menschlichen Lebenskunst ansieht? Spielen ist nicht ohne Freiheit möglich - wird jemand zum Spielen gezwungen, so verliert die Tätigkeit ihren Spielcharakter und verwandelt sich in Pflicht. Außerdem gehört zum Spiel das Vergnügen, und zwar nicht die unmittelbare Lust, die auf die Befriedigung eines körperlichen Bedürfnisses folgt, sondern ein freies Vergnügen, das die Tätigkeit des Spielens an sich genießt. Die beiden Triebkräfte, die den Menschen nach Schiller bestimmen, der Stofftrieb seiner körperlichen Natur und der Formtrieb seines moralischen Pflichtbewusstseins, sind im idealen Spiel völlig ausgeglichen, so dass ein schöner Zustand der Freiheit erreicht ist, der den Spielenden erfreut. - Wenn auch alle Spiele Elemente dieser Freiheit enthalten, so sieht doch auch Schiller, dass nur wenige von ihnen den Menschen zur Humanität erziehen können. Er schreibt:

„Freilich dürfen wir uns hier nicht an die Spiele erinnern, die im wirklichen Leben im Gange sind und die sich gewöhnlich nur auf sehr materielle Gegenstände richten; aber doch hat der Mensch in allen seinen Spielen das Ideal des Spieltriebs vor
Augen.“

Dieser Spieltrieb ist nach Schiller jedem Menschen eigen und veranlasst ihn, sich immer wieder dem Zwang der Realität und dem Zwang der Pflicht zu entziehen und auf eine Weile die Freiheit der Ausgeglichenheit zwischen beiden zu genießen.

Alle bekannten Spiele sind nach Schiller Vorstufen zu der höchsten Form des Spiels, dem ästhetischen Spiel, dessen Gegenstand die Schönheit selbst ist. Denn die Schönheit ist selbst ein Kind der Freiheit, sie ist „lebende Gestalt“, das heißt, sie kann nach Schiller nur gedeihen in jener glückhaften Ausgeglichenheit zwischen dem Ernst der Natur (Leben) und dem Ernst des Formwillens (Gestalt). Als Beispiel gibt Schiller die Juno Ludovisi. Sie ist zugleich Weib (Leben) und Gestalt (Gottheit). Schiller schreibt dazu:

„Indem die weibliche Gottheit unsere Anbetung heischt, entzündet das gottgleiche Weib unsere Liebe; aber indem wir uns der himmlischen Holdseligkeit aufgelöst hingeben, schreckt die himmlische Selbstgenügsamkeit uns zurück. In sich selbst ruht
und wohnt die ganze Gestalt, eine völlig geschlossene Schöpfung. ... Durch jenes unwiderstehlich ergriffen und angezogen, durch dieses in der Ferne gehalten, befinden wir uns zugleich in dem Zustand der höchsten Ruhe und der höchsten
Bewegung, und es entsteht jene wunderbare Rührung, für die der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat.“

Schönheit und Spiel sind nach Schiller untrennbar miteinander verknüpft und können in ihrem Zusammenwirken die Erziehung des Menschen zu echter Humanität befördern. Schiller kleidet diesen Gedanken in eine antithetische Form, um ihm Prägnanz zu verleihen:

„Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen - und: er soll nur mit der Schönheit spielen.“

„Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen“ - das heißt zunächst, dass bei der Betrachtung des Schönen das unmittelbare sinnliche oder materielle Begehren ausgeschlossen sein muss. Mit diesem Gesichtspunkt lehnt sich Schiller - wie übrigens in vielen seiner Gedanken - an Kant an; eine der Definitionen von Schönheit in der Kritik der Urteilskraft lautet: „Schön ist, was ohne Interesse unmittelbar gefällt.“ Gefallen ohne Interesse, ohne Begehren, Zuneigung ohne Besitzergreifung - der Betrachter entbrennt in Liebe zu der schönen Gestalt, aber er vernascht sie nicht, es bleibt immer eine Distanz. In seiner Schrift „Über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit der Kunstwerke“ von 1798 berichtet Goethe, der zu dieser Zeit die Gedanken Schillers in Freundschaft begleitete, von einem zahmen Affen, der die gemalten Käfer aus einem Kunstbuch herausbiss und auffraß, und vergleicht ihn mit dem Theaterbesucher (heute könnte man z.B. von Fernsehzuschauern reden), der sich ein Stück nur wegen der darin vorkommenden aufreizenden Szenen anschaut. Hier wird eben nicht mehr mit der Schönheit gespielt, sondern der einzige Zweck des Kunstgenusses ist die Befriedigung eines sinnlichen Bedürfnisses.
„Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen“ heißt aber nicht nur, dass der Mensch sich beim Umgang mit der Schönheit distanzieren sollte von den sinnlichen oder materiellen Bedürfnissen des Stofftriebes - auch von der anderen Seite der menschlichen Natur, dem Formtrieb her, ist das freie Spiel der Schönheitskräfte gefährdet. Überall, wo Menschen zusammenleben, gibt es Regeln, Gesetze, Pflichten, Normen des Miteinanderumgehens und zugleich ein System von Sanktionen, durch das die Befolgung der Regeln belohnt und die Nichtbefolgung bestraft wird. Schiller fordert nun mit dem Satz „der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen“, dass der Umgang mit der Schönheit frei sein muss von moralischen oder gesetzlichen Zwängen. Wenn die Regierung eines Staates meint, nur solche Kunstwerke zulassen zu können, die die eigene Ideologie darstellen, wird die Kunst damit einem Zwang unterworfen, der ihren Spielcharakter zerstört. - Nun könnte jemand sagen, dass in der westlichen Welt gegenwärtig die Freiheit der Kunst teilweise missbraucht wird, indem der Öffentlichkeit schockierende Kunstwerke präsentiert werden (z.B. „Körperwelten“ oder einzelne Werke von Duchamp). Schiller geht es aber in seiner Schrift ausschließlich um die erzieherische Wirkung des Kunstschönen, das gerade darum gefällt, weil es, wie Kant formulierte, ein „Symbol der Sittlichkeit“ ist. Das Wohlgefallen, das die Schönheit erregt, jene „wunderbare Rührung“, die Schiller bei der Wirkung des Junokopfes beschreibt, kann nur von solchen Kunstwerken hervorgerufen werden, die selbst den Eindruck von Schönheit vermitteln. Kunstwerke, die in erster Linie z.B. Tabuvorstellungen brechen oder zu politischen Aktionen aufrufen wollen, fallen in dieser Hinsicht aus dem Begriff des Kunstschönen heraus und sind darum weniger für das ästhetische Spiel geeignet. - Das Kunstschöne soll frei sein von gesetzlichen Zwängen - das heißt jedoch nicht, dass es regellos sei. Im schönen Kunstwerk ist vielmehr der natürliche Stoff nach den Regeln der Form so bearbeitet, dass sowohl der Stoff als auch die Form ihr freies Spiel behalten, so dass keines von beiden das andere vereinnahmt.

Nachdem wir versucht haben, den ersten Teil des antithetischen Satzes Schillers, nämlich „Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen“ zu bedenken, wenden wir uns nun dem zweiten Teil der Antithese zu:

„Der Mensch soll nur mit der Schönheit spielen.“
Natur und Geist, die nach Schiller das Leben jedes Menschen ausmachen, bestimmen auch die verschiedenen Arten seiner Spiele. Der Spielcharakter, nämlich Zweckfreiheit und Vergnügen, ist ihnen allen eigen, aber keineswegs repräsentieren sie immer die reine Schönheit. Besonders diejenigen Spiele, die Schiller dem geistigen Vermögen des Menschen im weitesten Sinne, nämlich der Phantasie und Einbildungskraft zuordnet, sind oft roh oder versponnen und ermangeln des ästhetischen Reizes, wie wir noch sehen werden. Dagegen enthalten die spielähnlichen Erscheinungen, die Schiller den körperlichen Fähigkeiten des Menschen zuordnet, oft von Anfang an ästhetische Elemente, doch fehlt ihnen oft zur Vollkommenheit des ästhetischen Spiels die freie geistige Formung.

Physische Spiele entstehen überall da, wo mehr Mittel zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse vorhanden sind als unbedingt gebraucht werden. Wenn Kinder aus reiner Bewegungsfreude spielerisch rennen und hüpfen, wenn Speisen und Getränke über das Notwendige hinaus raffiniert zubereitet, optisch verschönert und mit Genuss verzehrt werden, wenn im Liebesspiel das Vergnügen über die reine Bedürfnisbefriedigung hinaus verfeinert wird, sind diese Erscheinungen nach Schiller dem physischen Spiel zuzurechnen. Der ganze Bereich der Wohlfühlindustrie gehört hierher, weil dabei über das Lebensnotwendige hinaus angenehme Empfindungen erzeugt werden. Eine zentrale Erscheinung des Bereichs des physischen Spiels ist nach Schiller der Schmuck, sofern er nicht kultische Funktion hat. Warum zieht man sich schön an und trägt Ketten und Ringe, warum dekoriert man seine Wohnungen? Es ist der Spieltrieb, der den Menschen dazu bringt, sich auf diese Weise an dem segensreichen Überfluss der Natur zu erfreuen. Und nicht nur für die Augen erfinden wir über das Notwendige hinaus vergnügliche Eindrücke, wir laben uns auch an der Zusammenstellung immer neuer Düfte oder lassen uns auf akustischem Wege durch musikalische Erlebnisse aus dem Zwang des Alltags befreien. Wie alle Spiele ist auch das physische Spiel nach Schiller unterwegs zum ästhetischen Spiel, wenn nämlich das Spiel der Bewegungsfreude zum Tanz oder zum sportlichen Wettkampf gebändigt wird, wenn akustische Spiele sich als musikalische Kunstwerke vollenden und optische Spiele in Gemälden, Plastiken oder Architektur ihre Erfüllung finden, dann tritt zum freien Spiel mit dem Stoff noch eine zwanglose formale Ordnung hinzu und das Spiel mit der Schönheit kann beginnen.

Anders als beim physischen Spiel steht beim Spiel der Einbildungskraft die Freude an der Fessellosigkeit der Phantasie im Mittelpunkt. Das Spiel der Einbildungskraft läuft nach Regeln ab, die denen der Natur oder denen der Gesellschaft oft nicht entsprechen. Besonders die Gebundenheit aller wirklichen Ereignisse an bestimmte Räume und Zeitabläufe wird im Spiel der Einbildungskraft aufgehoben, so dass Vergangenes wiederholt, Zukünftiges imaginiert und Raum- und Zeitsprünge vorgestellt werden können und keine direkten Konsequenzen des Gespielten in der Realität zu befürchten sind. Kinder erproben in ihren Phantasiespielen alle möglichen und unmöglichen Lebenssituationen und -zusammenhänge. Im Nachspielen von Erlebnissen können die Spielenden dem Geschehen eine andere Richtung geben und es auf diese Weise verarbeiten. Viele Spiele der Einbildungskraft betreffen den Umgang mit Aggressionen im weitesten Sinne, weil es in diesen Spielen Gewinner und Verlierer gibt. In strategischen Spielen, zu denen wohl auch die Computerspiele zu rechnen sind, führt die optimale Beherrschung der Regeln zum Sieg, in Glücksspielen ist das Ergebnis vom Zufall abhängig. Ein besonderes Phänomen in diesem Zusammenhang ist das Mannschaftsspiel, bei dem das Gewinnen vom geschickten Zusammenwirken mehrerer Spieler abhängt.
An dieser Stelle verlagert sich bei Schiller der Schwerpunkt der Betrachtung von den Spielern selbst weg auf die Zuschauer, die, ohne selbst zu spielen, sich an dem Spiel als Schauspiel erfreuen. Diese Form des Spielgenusses hat für Schiller eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Genuss von Kunstwerken durch den Kunstliebhaber. Die Zuschauer bei Wettspielen (z.B. Fußball), Gladiatorenkämpfen oder Stierkämpfen sowie die Konsumenten von fiktiven Geschichten in gedruckter oder bildhafter Form (z.B. Film) nehmen insofern an der Tätigkeit des Spielens teil, als sie sich in ihrer Phantasie durch das Dargebotene faszinieren lassen. Doch diese Faszination ist nach Schiller erst eine Vorform zum Spiel mit der Schönheit, denn die Einbildungskraft erfreut sich beim Genuss dieser Spiele zunächst einfach daran, dass sie hier der Enge der oft bedrückenden Realität auf eine Weile entfliehen kann.

Anders als das physische Spiel, das, wie wir gesehen haben, einen gewissen Überfluss an Bedürfnisbefriedigungsmitteln voraussetzt, hilft das Spiel der Einbildungskraft dem Menschen gerade in besonderen Not- oder Mangellagen, Abstand zu gewinnen und danach ggf. die Situation besser auszuhalten. Viele Spiele, die diese Funktion der Ablenkung erfüllen, sind allerdings nur Vorformen zum Spiel mit der Schönheit, denn die Einbildungskraft lässt sich zunächst, wie Schiller betont, durch das Neue, Bunte, Überraschende, Abenteuerliche, Heftige, Wilde faszinieren, sie liebt die unstete Willkür und die Unruhe, sucht groteske Gestalten, rasche Übergänge, üppige Formen, grelle Kontraste sowie schreiende Lichter und Klänge. Solche Spiele können durchaus zu einer Entfremdung des Menschen von der Realität führen, indem sie durch ihre starken Reize die Realität schal erscheinen lassen und den Menschen, der ihnen verfallen ist, in eine Scheinwelt locken, zumal, wie Schiller selbst beobachtet, sich „gerade die schlaffesten Seelen dem freien Bilderstrom des Spiels der Einbildungskraft zu überlassen pflegen“. Dagegen kommt beim ästhetischen Spiel der Einbildungskraft immer zum passiven Genuss eine selbständige, innere Verarbeitung, ein Drang zur eigenen schöpferischen Gestaltung oder Nachgestaltung hinzu, weshalb z.B. gute Bücher, Filme und Theateraufführungen den Menschen dazu erziehen können, eine ausgewogene und vertiefte Einstellung gegenüber dem Leben zu gewinnen.
Mit dem Wort „Der Mensch soll nur mit der Schönheit spielen“ strebt Schiller also nach allem, was wir gehört haben, eine ideale Vereinigung der höchsten Formen des physischen Spiels mit den höchsten Formen des Phantasiespiels im ästhetischen Spiel an.

Damit ist das Ziel der „ästhetischen Erziehung des Menschen“, wie Schiller sie sich vorstellt , klar: Der Mensch soll dazu gebracht werden, im freien und freudigen Spiel einen harmonischen Ausgleich zu finden zwischen seinen Naturbedürfnissen und dem Anspruch seiner Ideale.
Wie ist eine solche positive Erziehung des Einzelnen möglich? Zum einen ist Schiller davon überzeugt, dass jeder Mensch mit inneren Trieben ausgestattet ist, die ihn zu seiner Vervollkommnung drängen: Der Spieltrieb veranlasst ihn, die Wirklichkeit durch physische und phantastische Spiele zu erweitern, und aus dem Spieltrieb entwickelt sich der Bildungstrieb, der der Schönheit entgegenstrebt. Aber Schiller sieht auch, dass eine solche Selbsterziehung von außen Hilfe braucht, und da scheint ihm der Künstler der geeignete Erzieher, weil er durch Selbsterziehung „in der Stille seines Gemütes schon die Wahrheit erkannt und in Schönheit aus sich herausgestellt hat“. Sein Erziehungsstil soll ohne jeden Zwang sein. Schiller ermahnt den Künstler:

„Gib der Welt die Richtung, so wird die Zeit die Entwicklung bringen“.
„Im Spiele werden die Menschen den Ernst deiner Grundsätze ertragen. Verjage die
Rohigkeit aus ihren Vergnügungen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren
Handlungen und Gesinnungen verbannen.“

An dieser Stelle möchte ich überleiten zu den pädagogischen Theorien Maria Montessoris (1870-1952), die diese in ihrem Lebenswerk umgesetzt hat und die heute noch in Montessori- Kindergärten und -Schulen weiterleben. Es scheint mir nämlich, dass viele Vorstellungen Montessoris durchaus mit den Gedanken Schillers vereinbar sind, obwohl Montessori sich gegen die Betonung des Spielens und der Phantasie in der Kindererziehung ausgesprochen hat.
Während Schiller, wie wir gesehen haben, vom Menschen allgemein als Mittelwesen zwischen Tier (reiner Natur) und Gott (reinem Geist) ausgeht, nimmt Montessori die Menschenwelt selbst genauer unter die Lupe und stößt dabei auf den Gegensatz zwischen Kind und Erwachsenem. Beide sind vollwertige Menschen, aber obwohl - oder gerade weil - das Kind die Aufgabe hat, den künftigen Erwachsenen zu erschaffen, besitzt es seinen eigenen Lebensrhythmus, der dem des Erwachsenen fundamental entgegengesetzt ist. Denn das kleine Kind existiert in einer Art ewiger Gegenwart und handelt nicht auf ein Ziel hin. Es lebt in dem, was es im Augenblick tut, genießt es und wiederholt es immer wieder. Montessori schreibt:

„Ich beobachtete ein kleines Mädchen, das langsam und sorgfältig ein Paar Gamaschen zuknöpfte. Gern hätte ich geholfen, wusste aber, dass man Kinder ihre Arbeit allein tun lassen muss und widerstand dem Impuls. Höher und höher hinauf mühten sich die kleinen Finger bis endlich der letzte Knopf geschlossen war und ich erleichtert aufatmete. Doch was musste ich sehen? Unverzüglich begann das Kind sämtliche Knöpfe mühsam wieder aufzumachen um von vorn anzufangen.“

Die kindliche Arbeit hat kein äußeres Ziel, sondern ein inneres; das Kind befriedigt mit seinem Tun in Heiterkeit ein tiefes Lebensbedürfnis. Darum ist das Gewährenlassen ein Kernpunkt des Erziehungskonzepts Montessoris. Aber neben dieses Prinzip der Nichteinmischung und das Prinzip der Wahlfreiheit, wodurch es dem Kind überlassen wird, mit welchem Material es sich beschäftigt, tritt auf der anderen Seite die Forderung einer vorbereiteten Umgebung und der Anwesenheit einer Lehrperson. Diese beiden zuletzt genannten Postulate sollen zum einen verhindern, dass das Kind sich auf Grund seiner Wahlfreiheit mit ungeeigneten Gegenständen beschäftigt, andererseits soll gewährleistet sein, dass alles, was das Kind braucht, auch zu seiner Auswahl bereitsteht und dass das Kind Anregungen zum Umgang mit den Dingen erfährt. Für Kinder ungeeignete Gegenstände sind nach Montessori solche, die die Phantasie zu sehr anregen, so dass die Sichtweise der Realität verzerrt wird. Da die kindliche Phantasie noch nicht zwischen Realität und Traum differenzieren kann, sollen kleine Kinder nach Montessori keine Märchen, Filme mit Phantasiepersonen oder unrealistische Spielsachen in ihrer Umgebung vorfinden. Außerdem braucht das Kind in seiner Umgebung Gegenstände, die seiner Körpergröße angemessen sind. Montessori ist davon überzeugt, dass Kinder nur deshalb mit Puppenküchen spielen, weil sie in der Realität kein kindgemäßes Mobiliar vorfinden. In den Montessorieinrichtungen sind alle Gebrauchsgegenstände in kindlichen Proportionen vorhanden. Für die ersten Erfahrungen des Kindes mit seiner Umwelt ist es auch wichtig, dass es in einer natürlichen Umgebung aufwächst, da die Rhythmen der Natur seinem eigenen Lebensrhythmus entsprechen. Schließlich soll die vorbereitete Umgebung Material anbieten, das die Wahrnehmungs-, Ordnungs- und Verstandeskräfte fördert, um das Kind in angemessener Weise an Zivilisationstechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen heranzuführen, die zu seiner späteren Integration in die Erwachsenenwelt nötig sind. Die Schaffung der vorbereiteten Umgebung sowie die vorsichtige Anleitung zum Umgang mit dem Material sind die wichtigsten Aufgaben der Lehrperson, die diesen kindlichen Entwicklungsraum behütet und vorsichtig strukturiert.

Sowohl Montessori als auch Schiller sind also davon überzeugt, dass der Mensch von Natur aus innere gestaltende Kräfte - Schiller nennt sie Spieltrieb und Bildungstrieb - besitzt, und dass es die Aufgabe der Erziehung sein muss, diesen Kräften einerseits Freiräume, andererseits aber auch Lenkungen zuteil werden zu lassen.
Die Unterschiede in den Wegen, auf denen dieses Erziehungsziel der Humanität erreicht werden soll, ergeben sich daraus, dass Montessori über die Erziehung von Kindern, Schiller aber über diejenige Erwachsener nachdenkt. Montessori will einer Verbildung des künftigen Erwachsenen dadurch vorbeugen, dass das Kind in seiner Entwicklung zwar durch Gewährenlassen und Wahlfreiheit gefördert, gleichzeitig aber durch eine vorbereitete Umgebung und geschulte Erzieher vor einem Missbrauch der Freiheit geschützt wird. Schiller dagegen sieht für den Erwachsenen, der sich bereits im Zustand der Unfreiheit befindet, den Weg über das Spiel, durch das die Menschheit eine freie, leichte und freudige Bindungsfähigkeit gewinnen soll. Schiller weiß aber auch, dass die durch den Spieltrieb freigesetzten Energien besonders bei Phantasiespielen einer Regelung bedürfen, und diese Lenkungsfunktion hat bei ihm die Kunst, die zum ästhetischen Spiel und damit zur Schönheit führt.

Im Schülerduden Philosophie lautet die Grunddefinition für „Spiel“:

“Spiel ist eine Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck aus Vergnügen an der Tätigkeit als solcher bzw. an ihrem Gelingen vollzogen wird und stets mit Lustempfindungen verbunden ist.“

Diese Definition trifft nicht nur auf den Spielbegriff Schillers, sondern auch auf die von Montessori beschriebenen kindlichen Tätigkeiten zu. Trotzdem aber bezeichnet Montessori die Beschäftigungen der Kinder lieber als Arbeit, obwohl sie weiß, dass die Arbeit der Erwachsenen etwas völlig anderes ist. Es ist die mit dem Spielbegriff ebenfalls oft assoziierte Scheinhaftigkeit oder Quasi-Realität, die Montessori, wie wir gesehen haben, in der Erziehung ablehnt. Ihrer Meinung nach müssen die Kinder von Anfang an realistisch erzogen werden, damit sie später im Leben zurechtkommen. Außerdem möchte sie auf keinen Fall die Überzeugung vieler Erwachsener unterstützen, dass Kinder nur spielen und nicht arbeiten, weshalb sie in ihrem Tun nicht ernstgenommen zu werden brauchen. Gegen Ende ihres Wirkens hat aber Montessori ihre Haltung modifiziert, zumal sie beobachtete, dass die Kinder auch ihre Arbeit mit dem Montessori-Material häufig „Spiel“ nannten. So kam sie schließlich zu dem Ergebnis, dass es weitgehend eine Sache der Definition sei, ob man die Tätigkeit der Kinder „Spiel“ oder „Arbeit“ nenne.

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