Platon
Gesine Doernberg: Das Menschenbild der Antike

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema „Die Frage nach dem Menschen“ anlässlich der Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 1997)

Hören wir zunächst einen Auszug aus dem Bericht Platons über den Tod des Sokrates:
„Am besten ziemt es sich ja wohl, sprach Sokrates, dass der, welcher im Begriff ist, dorthin zu wandern, nachsinne über diese Wanderung. O Freunde, ich habe große Hoffnung, dass ich dort, wohin ich jetzt gehe, dasjenige erlangen werde, worauf alle unsere Bemühungen in dem vergangenen Leben gezielt haben. Kommt es nicht dem Leibe zu, leicht aufgelöst zu werden, der Seele hingegen, ganz und gar unauflöslich zu sein? Wenn sie recht philosophierte, dann geht sie zu dem ihr Ähnlichen, dem Unsterblichen, Vernünftigen ein. Hat die Seele schon während des Lebens darin verharrt, das Wahre und der Meinung nicht Unterworfene anzuschauen und danach zu handeln, so braucht sie nicht zu fürchten, bei der Trennung von dem Leibe zerrissen zu werden.“
Simmias, einer der Schüler, äußert nach Aufforderung durch Sokrates Zweifel an dieser Vorstellung:
„Mir scheint, sprach Simmias, dass man auch von der Stimmung der Saiten einer Leier auf ganz dieselbe Weise reden könnte, dass nämlich die Stimmung etwas Unsichtbares und Unkörperliches oder gar Göttliches ist an der gestimmten Leier, die Leier selbst aber und die Saitenkörper sind zusammengesetzt und irdisch und dem Sterblichen verwandt.
Wenn nun einer die Leier zerbräche oder die Saiten zerschnitte, so könnte einer mit derselben Rede wie du ausführen, jene Stimmung müsse notwendig noch da sein und nicht untergegangen. Denn es wäre zwar keine Möglichkeit, dass die Leier und die Saiten, die dem Sterblichen ähnlich sind, noch da sein sollten, aber die Stimmung kann nicht untergegangen sein, da sie doch dem Göttlichen und Unsterblichen gleichartig ist. Notwendig wird man sagen, dass die Stimmung noch irgendwo sei, und eher werden die Hölzer verfaulen und die Saiten, als dass jener etwas begegnen wird. Ich aber denke, wenn
die Seele wie die Stimmung einer Leier ist, so wird, wenn unser Leib zerrissen wird von Krankheiten oder anderen Übeln, die Seele notwendig zugleich umkommen, ebenso wie alle Stimmungen in Tönen und in den Werken der Künstler.“

An diesem entscheidenden Punkt im Leben des Sokrates stellt Platon die beiden wichtigsten Auffassungen vom Menschen, die das Denken seiner Zeit bestimmten, gegeneinander. Die ältere Position wird von Simmias vertreten und ist schwerpunktmäßig in der vorsokratischen Naturphilosophie angesiedelt. Die frühen griechischen Naturphilosophen wie Thales, Anaximander, Demokrit und besonders Heraklit sahen den Menschen als Teil der Natur an. Wie die Natur ist er durch die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft bestimmt, deren gegensätzlichem Wirken alle Naturdinge ihr Entstehen und Vergehen verdanken. Im Gespräch mit Sokrates vergleicht Simmias den Menschen mit einem Musikinstrument, das aus dem Körper, den Saiten (Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit) und der Stimmung (Denken, Seele) besteht. Der Körper wird traditionell der Erde oder dem Wasser zugeordnet, die Empfindungsfähigkeit dem Feuer und die denkende Seele der Luft, die als bestehend aus kleinsten Teilchen aufgefasst wird. In ständiger Bewegung wogen die Elemente gegeneinander, verschlingen sich gegenseitig und entstehen aus einander neu: „Feuer lebt der Erde Tod und Luft lebt des Feuers Tod; Wasser lebt der Luft Tod und Erde den des Wassers.“ (Heraklit). Und da alles, was existiert, die Elemente in sich trägt, ist diese Gegeneinanderbewegung in allem. Wenn der Körper der Leier verletzt wird, lassen sich die Saiten nicht mehr spannen. Wenn eine Saite springt, ist keine Stimmung mehr möglich, und vor jedem Spielen muss die richtige Stimmung erst mühsam wieder hergestellt werden, weil der Klangkörper und die Saiten, von denen sie abhängt, sich verändert haben. Gleiches gilt für den Menschen: Wenn der Körper beschädigt ist, sind Fühlen und Denken beeinträchtigt oder werden unmöglich; wenn die Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit eingeschränkt ist, hat dies Auswirkungen auf Körper und Denken und, wenn die Denkfähigkeit nachlässt, beeinträchtigt dies auch die beiden anderen Funktionen. Die Elemente kämpfen gegeneinander, und aus diesem Kampf entsteht ständig etwas Neues, während anderes untergeht. Deshalb sagt Heraklit: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Und durch diese ständige Auseinandersetzung der Kräfte setzen sie sich auch dauernd neu zusammen. Jede Zusammensetzung ist einmalig und individuell, so dass nie jemand zweimal in den gleichen Fluss steigen kann. So sind Kampf, Vergänglichkeit und Individualität die drei Charakteristika der Natur, die auch Leib, Gefühl und Seele des Menschen bestimmen. Deshalb hängen auch diese voneinander ab, und eine Ablösung der Seele von Körper und Gefühl ist nicht möglich. Zwar wird die Seele wegen ihrer Bestimmtheit durch das Luftelement weniger grobstofflich vorgestellt als der Körper, aber schon die Bezeichnung „stofflich“ oder „materiell“ ist eigentlich eine Verfälschung der Denkweise dieser frühen Philosophen, weil es in ihrem Weltbild den Dualismus zwischen Geist und Materie in dieser Form noch gar nicht gab. Ihr anfängliches Problem war vielmehr die Ablösung von der mythischen Weltsicht, die vor ihnen das Denken bestimmt hatte. Zwar wird die Existenz von Göttern weiterhin als selbstverständlich vorausgesetzt, aber ihre Funktion ändert sich und fällt teilweise mit derjenigen der vier Elemente, die als unvergänglich angesehen werden, zusammen, wie z.B. bei Empedokles: „Das sind die vier Wurzelkräfte aller Dinge: Zeus der Schimmernde (Feuer), Hera die Lebensspendende (Erde), Aidoneus (Luft) und Nestis, die durch ihre Tränen irdisches Quellwasser fließen lässt“.
Im Laufe der Zeit aber befriedigt die Aufspaltung in die vier Elemente die Philosophen nicht mehr, und sie suchen nach einem einzigen Prinzip, auf das diese wiederum zurückgeführt werden können. So entwickelt sich die Vorstellung von der atomaren Struktur alles Existierenden und damit auch des Menschen. Demokrit schreibt: „Der gebräuchlichen Redeweise nach gibt es Farbe, Süßes, Bitteres - in Wahrheit aber nur Atome und Leere“ und: „Zustrom der Atome ist allen Menschen ihr Meinen“. Damit ist klar, dass nach Demokrit nicht nur der Körper, sondern auch die Empfindungen und Gedanken atomare Struktur besitzen. In der nachklassischen griechischen Philosophie wurde diese Vorstellung durch Epikur wieder aufgegriffen. Er lehrt, dass sowohl der Leib als auch die Seele aus Atomen zusammengesetzt sind. So sind alle menschlichen Funktionen Ergebnisse von Prozessen zwischen den Atomen. Die Sinneseindrücke sind ursächliche Vorgänge, bei denen atomare Ausströmungen aus den Dingen auf die Sinnesorgane treffen, und bemerkt: „Manche Leute, die von der Auflösung der menschlichen Natur nichts wissen, mühen sich ihre Lebenszeit in Unruhe und Ängsten ab, indem sie erlogene Fabeln über die Zeit nach dem Ende erdichten.“


Wie konnte nun aber diese „erlogene Fabel über die Zeit nach dem Ende“ entstehen? Diese Frage führt uns zu dem zweiten antiken Menschenbild, dessen Darstellung Platon dem unmittelbar vor seinem Tod stehenden Sokrates in den Mund legt, um ihm besonderes Gewicht zu geben. Wir erinnern uns: Sokrates geht aus von der Vorstellung einer Wanderung, die er antreten wird. Diese Wanderung hat ein Ziel: Die menschliche Seele, die im Leben recht philosophiert hat und das Wahre und der Meinung nicht Unterworfene angeschaut und danach gehandelt hat, wird, wenn der Körper vergeht, zu dem ihr Ähnlichen, dem Unsterblichen und Vernünftigen wandern und in es eingehen. Auch dieses Menschenbild hat seine Wurzeln in vorsokratischer Zeit.
Parmenides und seine Schüler, wegen ihrer Herkunft aus Elea in Unteritalien auch als Eleaten bezeichnet, sehen wie Platons Sokrates das Leben als eine Wanderung zur ewigen Wahrheit an. In seinem berühmten Lehrgedicht beschreibt Parmenides, wie eine Göttin ihm auf einer Fahrt von der Finsternis zum Licht die Geheimnisse des wahren Seins offenbart.
Auf dieser Fahrt zeigt ihm die Göttin die drei Wege, die es im Leben des Menschen gibt: Den Weg des Seins, den Weg des Nichts und den zwischen beiden sich unentschieden durchwindenden Weg der Meinung. Dabei ist Parmenides noch davon überzeugt, dass der Weg des Nichts für Menschen ungangbar ist, deshalb ergibt sich für ihn nur die Wahl zwischen dem Weg der Meinung, der durch Widersprüche (Streit), Unsicherheit (Vergänglichkeit) und Subjektivität (Individualität) gekennzeichnet ist und den Weg der Wahrheit, der den Philosophen immer mehr dem reinen Sein zuführt. Parmenides entscheidet sich für den letzteren und gelangt damit zu der Überzeugung, dass subjektive Unterschiede und daraus resultierender Streit ebenso wie Sterben und Geborenwerden nur Schein sind, welche die ewige Wahrheit des Seins nicht berühren. Die denkende Substanz des Philosophen, der die Wahrheit des ewigen unwandelbaren Seins schon zu Lebzeiten sucht, wird darin auch nach dem Tode (der ja nur Schein ist) erhalten bleiben.
Wie aus dem anfangs zitierten Dialog vom Tod des Sokrates deutlich wird, hat Platon die Vorstellungen der Eleaten weiter ausgearbeitet und in ein System gebracht, das heute als „Ideenlehre“ bezeichnet wird. Nach Ansicht Platons ist die Seele der wichtigste Bestandteil des Menschen. Diese ist unsterblich und hatte vor ihrer Inkarnation Teil an der Schau der vollkommenen Ideen des Guten, Wahren und Schönen. Diese Schau wurde verdunkelt, als die Seele in einen irdischen Körper einging. Aufgabe des Menschen ist es nun, sich die verschütteten Ideen wieder anzueignen und sie so weit als möglich zu verwirklichen. Das heißt, das Dasein des Menschen ist bestimmt durch das Bemühen, möglichst wahr, gut und schön zu sein.
Um zur Wahrheit zu gelangen, bedarf es nach Platon mehrer Stufen: Zuerst muss man sich das Bild des Gegenstandes, den man erkennen will, einprägen. Danach ist es nötig, den Begriff kennenzulernen, dem der Gegenstand zugeordnet ist. Als drittes muss man daran arbeiten, eine klare Definition des betreffenden Gegenstandes zu gewinnen, was oft nur durch viele vergebliche Versuche möglich ist. Schließlich fasst man alles Wissen über den Gegenstand, das man bisher gewonnen hat, zusammen und gelangt so zu der Erkenntnis. Wenn diese durch mühsame Arbeit gewonnene Erkenntnis der Wahrheit entspricht, so wird die Seele, die ja die Wahrheit früher geschaut hat, sich erinnern (Anamnesis) und in einem glückhaft-intuitiven Akt die Richtigkeit der Erkenntnis bestätigen. Gerade in der gegenwärtigen Philosophie wird übrigens diesem Phänomen des intuitiven Spürens, das zu der Zeit des kritischen Rationalismus ignoriert oder belächelt wurde, wieder verstärkte Aufmerksamkeit zugewendet (vgl. das Buch „Lebendige Vernünftigkeit“ von Ulrich Pothast (1998) und den Philosophiekongress „Kreativität“ im September 2005).
Die Idee des Guten ist schwer zu erreichen. Denn es muss nach Platon bereits im Menschen eine gewisse Disposition zum Guten bestehen, die es ihm ermöglicht, das Gute anzustreben. Nur wer, wie Platon es nennt, recht geartet ist, kann das Gute erkennen und versuchen, es zu verwirklichen. Menschen, die schlecht geartet sind, haben keinen Sinn für das Gute und können darum auch ihre Seele in dieser Beziehung nicht aus ihrem Erinnerungsschlaf wecken.
Zur Schönheit gehört die Liebe. Die Fähigkeit zu lieben hat jeder Mensch in sich. Zuerst wird er durch körperliche Schönheit angezogen. Aber andererseits ist es auch so, dass die Schönheit erst dadurch hervorgerufen wird, dass man geliebt wird. Außerdem ist die Liebe zu schönen Körpern erst der Anfang der Schönheitserziehung. Auf der nächsten Stufe erkennt nämlich der Liebende, dass es noch viele andere Schönheiten gibt: die Schönheit der Seele, die Schönheit eines Gedankens, die Schönheit eines Kunstwerks oder sogar die Schönheit einer vollkommenen Staatsverfassung. Schließlich befindet sich der Schönheitssucher in einem Meer der Schönheit, das ihn in einen rauschhaften Glückszustand versetzt. Der Künstler kann übrigens die Stufen der Schönheitserziehung überspringen, indem er unmittelbar in einem ekstatischen Zustand die Idee der Schönheit selbst erschaut. Sein Problem ist dann die Umsetzung dieser Idee mit unvollkommenen Mitteln.

Indem die Seele so die Ideen des Guten, Wahren und Schönen wieder zu schauen sucht, gelangt der Mensch zur Teilhabe am reinen Sein und braucht den Tod nicht zu fürchten, wie Platon am Beispiel des Sokrates vor seiner Hinrichtung zeigt.
Für Platon ist also die Verkörperung gewissermaßen eine Verunreinigung der Idee. Die Ideen, diese reinen, allgemeinen Urbilder alles jemals Existierenden werden durch ihre stoffliche Realisierung verfälscht, denn durch diese Realisierung geraten sie in den Bereich, den Parmenides als denjenigen der „Meinung“ bezeichnete: In der konkreten Welt gibt es Widersprüche („Streit“), Wechsel („Veränderung“) und individuelle Unterschiede, die durch Fremdbeimischungen zu dem reinen Sein, der Idee zustande kommen.


Aber ist denn Individualität nicht etwas Wertvolles? Diese Frage war es, die Platons Schüler Aristoteles bewog, eine Synthese zu suchen zwischen dem Idealismus Platons und dem Materialismus Demokrits, also zwischen den beiden Positionen, die in unserem Dialogbeispiel von Sokrates und Kriton vertreten werden. Aristoteles fragt nach der Substanz, d.h. nach dem, was bleibt, was Wert hat, was nicht nur zufällig zusammengeworfen ist, und er kommt zu dem Ergebnis, dass jedes Einzelwesen und jedes Einzelding gerade durch seine Einmaligkeit auch ein Ganzes (d.h. Substanz) ist und nicht nur Teil oder Abbild eines Allgemeinen.
So hat für Aristoteles auch jeder individuelle, konkret existierende Mensch wie jedes einzelne Lebewesen einen Wert in sich selbst. Aristoteles führt die Einmaligkeit und den Wert des Einzelnen darauf zurück, wie dieses zustandegekommen ist und unterscheidet dabei vier Arten von Ursachen. Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen, das sich auch auf den Menschen übertragen lässt.

Nehmen wir diese Topfpflanze. Ihr individuelles So-Sein ist zum ersten auf eine kausale Wirkursache (causa efficiens) zurückzuführen. So hat vielleicht ein Gärtner sie gezüchtet, jemand hat sie gegossen usw. Zum zweiten ist ihr Dasein auch durch einen Zweck bestimmt (causa finalis). So wollte der Gärtner durch sie vielleicht seinen Lebensunterhalt verdienen. Aber kein Lebewesen und besonders kein Mensch ist für Aristoteles nur Mittel für die Zwecke anderer; stets liegt sein Daseinszweck auch in ihm selbst, und seine Lebensaufgabe besteht in der Vervollkommnung des ihm Eigentümlichen. So trägt auch diese Pflanze unbewusst das Streben in sich, das für sie Charakteristische in Wurzeln, Stengel und Blättern immer besser auszubilden.
Aber es gibt noch ein Drittes, auf das nach Aristoteles das So-Sein eines Individuums zurückzuführen ist, und dieses Dritte ist die Formidee (causa formalis). Das heißt, es gab schon vor dem Entstehen dieser Pflanze eine allgemeine Vorstellung davon, wie diese am Ende aussehen sollte, welcher Gattung sie angehören sollte usw. Aber das alles schaffte noch nicht die Einmaligkeit, das Konkrete, das Leben dieser Pflanze.
Dazu bedurfte es noch der vierten Ursache, und das war der Stoff, die Materie (causa materialis).- Mit dieser hat es nun eine eigentümliche Bewandtnis: es gibt nämlich eigentlich gar keine reine Materie. Jede Materie, die es gibt, ist schon geformt. Das Samenkorn, das wir vielleicht als Materie für die Pflanze bezeichnen könnten, hat schon eine eigene Form. Nur die Möglichkeit der Pflanze ist in ihm angelegt. So kann Aristoteles formulieren, dass Materie die Möglichkeit (Potentialität) zur Verwirklichung einer Formidee darstellt. Das Samenkorn enthielt gleichsam die Formidee der Pflanze. Indem der Gärtner es in die Erde legte, bewirkte er, dass aus der im Samenkorn schlummernden allgemeinen Formidee diese konkrete individuelle Pflanze hervorging und wuchs und neues Leben entstand. Die Formidee an sich ist nämlich statisch, ist Sein, wie Parmenides sagen würde; aber wenn sie sich im Individuum verwirklicht, entsteht Werden, Bewegung, Leben. Diese aus der untrennbaren Verbindung von Stoff und Form hervorgehende lebendige Individualität nennt Aristoteles Entelechie. Die Entelechie ist gleichsam das Wesen des Individuums, das, was seine Einzigartigkeit, seinen Wert, seine Substanz ausmacht und was auch das Streben in sich trägt, das ihm Eigentümliche immer besser auszubilden.
Die Entelechie ist durch Zergliederung nicht vollständig erfassbar. Wenn wir z.B. diese Pflanze jetzt auseinandernehmen und alle ihre Bestandteile vermessen und chemisch bestimmen würden und wenn wir ihre Wachstumsgeschwindigkeit in Formeln festhalten würden, so würden wir doch nicht herausfinden, was ihr Wesen als diese individuelle Pflanze, ihre Substanz ausmacht, eben weil, wie Aristoteles sagt, das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
Wie alle Lebewesen besteht auch der Mensch aus Leib und Seele, wobei die Entelechie, die individuelle Lebenskraft, ein Teil der Seele ist. Die Seele ist das Bewegende, der Leib das Bewegte. Der Leib ist also der Seele übergeordnet, und nur durch die Seele ist Leben möglich. Nicht nur der Mensch, sondern alle Lebewesen sind bewegt, jedoch stellt Aristoteles eine Hierarchie der Lebewesen auf. Auf der untersten Stufe stehen die Pflanzen, deren Seelen sie wachsen, sich ernähren, und sich fortpflanzen lassen. Auch die Tiere haben diese Fähigkeiten, dazu aber sind sie imstande, sich fortzubewegen, ihre Umwelt wahrzunehmen und Gefühle wie Lust, Schmerz, Angst sowie sinnliche Triebe zu empfinden. Bei den Menschen ist der Tierseele noch ein spezifisch menschlicher Seelenteil übergeordnet, und das ist der Geist oder die Vernunft (nous).
Das Ziel der menschlichen Existenz liegt bei Aristoteles nicht wie bei Platon außerhalb des Menschen in einem transzendenten Ideenreich, sondern im Menschen selbst. Seine Aufgabe ist die Vervollkommnung der spezifisch menschlichen Fähigkeit der Vernunft. Dies geschieht zum einen dadurch, dass der Mensch mittels der Vernunft die in der Tierseele vorhandenen sinnlichen Triebe beherrscht und stets auf ein Maßhalten zwischen den Extremen achtet (Tugend). Zum andern kann aber auch die Vernunft selbst durch entsprechende Übungen vervollkommnet werden. So kommt der Mensch dem Glück näher, das darin besteht, die ihm als Einzelnen und als Gattungswesen eigentümlichen Eigenschaften möglichst vollkommen auszubilden.

Der Gegensatz zwischen Platon und Aristoteles bezüglich des Werts des Individuums hat die gesamte Philosophie des Mittelalters, die Scholastik, bestimmt und ist als Universalienstreit in die Philosophiegeschichte eingegangen. Dieser Streit ist aber keine spezifisch mittelalterliche Angelegenheit, sondern bestimmt bis heute das philosophische Denken, weshalb ich ihn noch kurz erläutern möchte. Auf der einen Seite finden sich diejenigen Denker, deren Ansichten im weitesten Sinne auf Platon zurückgehen. Sie verbinden die platonische Ideenlehre mit der christlichen Gottesvorstellung und argumentieren so: Gott ist das höchste Sein und das vollkommenste Wesen. Im Denken Gottes ist alles, was geschaffen wurde und in Zukunft geschaffen wird, in allgemeiner Form enthalten. Also existiert das Allgemeine, die Universalien, vor den Dingen und unabhängig von ihnen (universalia ante rem). Alle Einzeldinge haben, da sie am Allgemeinen teilhaben, teil an Gott, daher kann auch formuliert werden „universalia in re“. Auf jeden Fall kommt dem Allgemeinen nach dieser Auffassung eine höhere Wirklichkeit zu als dem Besonderen. Die Vertreter dieser Position wurden „Realisten“ genannt, weil sie von der Realität der allgemeinen Ideen überzeugt waren. (Dieser Ausdruck ist leider irreführend, weil das Wort „Realismus“ heute eine ganz andere Bedeutung hat).
Auf der anderen Seite stehen diejenigen Philosophen, die sich im weitesten Sinne auf Aristoteles beziehen. Sie betonen, dass gerade der Individualität, dem einzelnen Ding oder Lebewesen die höchste Wirklichkeit zukommt und dass das Allgemeine nur eine sprachliche Abstraktion sei, die im Nachhinein von den Einzeldingen abgeleitet wurde („universalia post rem“). Verbunden mit dieser Position ist die Aufwertung der sinnlichen Wahrnehmung gegenüber dem Verstand („nihil est in intellectu quod non sit prius in sensu“). Diese Denkrichtung wird Nominalismus genannt, weil die Allgemeinbegriffe nur Namen oder Bezeichnungen sind, die von dem wahrhaft existierenden Einzelnen abgeleitet wurden.

In der zeitgenössischen Philosophie ist der Universalienstreit im Konflikt zwischen Strukturalismus und Konstruktivismus neu entbrannt.

Dabei kann der Strukturalismus in der Nachfolge des Platonismus bzw. des mittelalterlichen Realismus gesehen werden, weil er davon ausgeht, dass es ein System von Strukturen gibt, das das menschliche Denken schon immer beherrscht hat und bei der Beurteilung von Einzelphänomenen vorausgesetzt werden muss. In der Philosophie wird diese Richtung von Foucault und Derrida vertreten, wobei die Lehre Derridas auch „Poststrukturalismus“ genannt wird, weil auch die Strukturen selbst wieder hinterfragt werden. Jedoch neigen die meisten philosophischen Richtungen heute eher dem Konstruktivismus zu. - Aber in einem Bereich des zeitgenössischen Denkens ist der Strukturalismus sehr wichtig, und das ist die Philosophie der Mathematik. In der Mathematik gibt es nämlich grundlegende Strukturen („Axiome“), die nicht als von individuellen Erscheinungen abgeleitet betrachtet werden können. Sie bilden vielmehr gerade umgekehrt die unverzichtbaren Voraussetzungen für alle weiteren immer mehr ins einzelne gehenden Folgerungen. Eine der grundlegenden Voraussetzungen der (klassischen) Mathematik ist die Annahme reeller Zahlen. Wären aber, wie es der Konstruktivismus in der Nachfolge des Nominalismus fordert, nur individuelle Erscheinungen wahrhaft existent, so wäre nur gültig, was konkret konstruierbar wäre. Daher könnte man nur natürliche Zahlen als Grundlage zulassen, und alle mathematischen Operationen müssten von natürlichen Zahlen aus aufgebaut werden. Das heißt, die ganze Mathematik müsste mengentheoretisch umgearbeitet werden. Einige Mathematiker haben dies versucht, aber im ganzen vertritt die Mathematik doch eher den strukturalistischen Standpunkt.

Als Gegenposition zum Strukturalismus ist der Konstruktivismus anzusehen. Diese philosophische Richtung geht wie der auf Aristoteles zurückgreifende mittelalterliche Nominalismus davon aus, dass die direkt und konkret erfahrene lebensweltliche Praxis den Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen bilden muss. Diese subjektiven Erlebniserfahrungen müssen intersubjektiv nachprüfbar gemacht werden, wozu eine Wissenschaftssprache konstruiert werden muss (z.B. Erlanger Schule). Hier wird schon deutlich, dass der Konstruktivismus viel mit Sprachphilosophie zu tun hat. Der amerikanische Sprachphilosoph Searle, der die Sprechakttheorie Austins zu einer allgemeinen Sinntheorie ausbaute, hat in seiner bekannten Kontroverse mit Derrida seine konstruktivistische Ansicht verdeutlicht und begründet. Er ist der Auffassung, dass schwerpunktmäßig die besonderen individuellen Sprechakte untersucht werden müssen, um Gesprochenes verstehen zu können. Dazu besitze jeder Mensch ein ihm selbst unbewusstes System von Regeln, das aber lediglich konstitutiver Art sei. Searle hält die Vorstellungen Derridas für ahistorisch und kritisiert, dass bei Derrida die empirischen Tatsachen vernachlässigt würden und die Wirklichkeit durch bedeutungslose Abstraktionen ersetzt werde.

Mein Referat hieß: „Das Menschenbild der Antike“. Aber wie wir sahen, gab es in der griechischen Antike nicht nur ein, sondern mindestens drei Menschenbilder, und dann blieben diese Vorstellungen auch nicht auf die Antike beschränkt. Die monistische Vorstellung Demokrits und seiner Schüler lebt weiter im Menschenbild der heutigen Naturwissenschaft. Der Dualismus der Ideenlehre Platons wurde u.a. von vielen durch das Christentum beeinflußten Philosophen, z.B. von Kant fortgeführt, und die aristotelische Vorstellung von der Wichtigkeit des Individuellen findet, wie wir gesehen haben, in der modernen Philosophie und Psychologie ihre Fortsetzung. - Als ich meinem Mann diesen letzten Satz vorlas, meinte er, dass die Probleme der Menschen doch immer dieselben blieben. Ist das nicht ein schöner Schlusssatz für dieses Referat?

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