Paradigma
Gesine Doernberg: Paradigmabegriff und Postmoderne

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema „Die Frage nach der Wahrheit“ anlässlich der Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 1997)


In seinen beiden Büchern „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962) und „Die Entstehung des Neuen“ (1977) hat der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn (geb. 1929) ein Modell wissenschaftlicher Weltdeutung entwickelt, das einen sehr großen Einfluss auf die verschiedensten Bereiche modernen Denkens gewinnen sollte. Ich möchte Ihnen das Modell Kuhns zunächst in seinen wichtigsten Aspekten vorstellen und dann auf seine Auswirkungen in unserer Zeit eingehen.
Kuhn untersucht zunächst, was das Charakteristische einer normalen Wissenschaft ist. Er stellt fest, dass jede Wissenschaft auf einem Paradigma beruht. Ein Paradigma ist das System von Begriffen und Methoden, das von einer Wissenschaft zur Zeit anerkannt ist. Alle Probleme, die von der Wissenschaft in Angriff genommen werden, werden durch das Paradigma bestimmt. Das Paradigma ist in wissenschaftlichen Lehrbüchern für Anfänger und Fortgeschrittene im einzelnen geschildert. Diese Lehrbücher legen das anerkannte Theoriegebäude, das Paradigma, dar, erläutern seine Anwendung und vergleichen sie mit Experimenten. Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, und nur ihnen, gemeinsam ist. Umgekehrt macht der Besitz eines gemeinsamen Paradigmas aus einer Gruppe sonst unverbundener Menschen eine wissenschaftliche Gemeinschaft.
Der innerhalb eines Paradigmas forschende Wissenschaftler geht davon aus, dass die Natur oder die Wirklichkeit den durch das Paradigma vorgegebenen Strukturen entspricht, ja, das Paradigma bestimmt die Realität der betreffenden Wissenschaft. Es werden darum auch selten völlig neue, im Paradigma nicht vorgesehene Fakten gefunden; dazu ist die Wissenschaft nach Kuhn auch gar nicht angelegt.
Trotzdem kann es vorkommen, dass z.B. bei Experimenten Fakten auftreten, die dem Paradigma widersprechen: Die Natur verhält sich anders, als sie dies nach den Regeln des Paradigmas tun dürfte, d.h. die Struktur der Wirklichkeit weicht an dieser Stelle von dem Modell ab, das sich die betreffende Wissenschaft von ihr gemacht hatte.
Das Auftreten solcher Unregelmäßigkeiten nennt Kuhn Anomalien. Anomalien sind Tatsachen, die dem Paradigma der normalen Wissenschaft widersprechen. Wie verhält sich nun der Forscher beim Auftreten einer Anomalie?
An dieser Stelle pflegt Kuhn bei seinen Studenten ein praktisches Experiment einzuschalten, und ich denke, auch wir sollten zum Verständnis des weiteren dasselbe Experiment durchführen. Am besten wäre es natürlich, wenn alle Anwesenden durch das Experiment die Bedeutung von Kuhns Theorie persönlich erfahren könnten; da dies jedoch zu lange dauern würde, sollten wir das Experiment mit zehn Freiwilligen durchführen.


SPIELKARTENEXPERIMENT


Die eben gemachten Erfahrungen sollen verdeutlichen, wie sich Wissenschaftler beim Auftreten von Anomalien verhalten. Das Kartenspiel fungiert dabei als Modell für ein Paradigma mit festgelegten Regeln und Strukturen, die in einer bestimmten systematischen Beziehung zueinander stehen. Tritt nun in der Wirklichkeit eine Anomalie auf, etwa ein schwarzes Herz oder ein rotes Pik, so ist die erste Erfahrung die, dass diese Unregelmäßigkeit gar nicht wahrgenommen wird, weil ja nur das erwartet wird, was im Paradigma vorgesehen ist. Gelegentliche Anomalien treten also oft gar nicht in das Bewusstsein des Forschers. Tritt die Anomalie wiederholt auf, so wird dem Forscher vage bewusst, dass etwas nicht stimmt. Hören wir hierzu Kuhn selbst:

„In einem psychologischen Experiment wurden Versuchspersonen aufgefordert, eine Reihe von Spielkarten nach kurzer Darbietung zu identifizieren. Viele der Karten waren normal, aber einige waren verändert worden, zum Beispiel eine rote Pik Sechs oder eine schwarze Herz Vier. Bei den normalen Karten waren die Identifizierungen gewöhnlich richtig, aber die abgeänderten Karten wurden fast immer, ohne sichtbares Zögern oder Überraschung, als normale Karten bezeichnet. Die schwarze Herz Vier wurde beispielsweise als Pik Vier oder Herz Vier identifiziert. Ohne jedes Bewusstsein von
Schwierigkeiten wurde sie sofort in eine der von vorangegangenen Erfahrungen bereitgestellten Begriffskategorien eingeordnet. Bei einer weiteren Verlängerung der Darbietungszeit für die nicht normalen Karten begannen die Versuchspersonen zu zögern und zeigten, dass sie sich der Anomalie bewusst wurden. Als ihnen beispielsweise die
rote Pik Sechs vorgelegt wurde, sagten sie: Das ist die Pik Sechs, aber etwas stimmt damit nicht. Eine weitere Verlängerung der Darbietungszeit ergab noch mehr Zögern und Verwirrung, bis schließlich, und manchmal recht plötzlich, die meisten
Versuchspersonen die richtige Identifizierung ohne Zögern nannten. Einige Versuchspersonen waren allerdings überhaupt nicht in der Lage, die erforderlichen Korrekturen an ihren Kategorien vorzunehmen. Diese Versuchspersonen empfanden oft
starke Frustration. Eine rief: „Ich kann die Farbe nicht erkennen, gleichgültig, welche es ist. Diesmal sah es nicht einmal wie eine Karte aus. Ich weiß nicht, ob es jetzt Rot oder Schwarz ist, und ob es Pik oder Herz ist. Ich bin jetzt nicht einmal mehr sicher, wie ein Pik aussieht. Ach, lieber Gott!““ .

Nachdem die Anomalie als solche innerhalb der Wissenschaft von mehreren Forschern anerkannt ist, versuchen diese das Paradigma so zu verändern, dass die Anomalie integriert werden kann. Diese Versuche werden unterschiedlich ausfallen, so dass verschiedene Paradigmamodifikationen zu gleicher Zeit veröffentlicht werden. Nicht jede Modifikation wird von allen Vertretern der Wissenschaft anerkannt. Wenn es der Gemeinschaft der Wissenschaftler gelingt, sich auf eine Modifikation zu einigen und das Paradigma um diese zu erweitern, wird das Paradigma in dieser neuen Form weiter bestehen. In vielen Fällen aber findet stattdessen eine zunehmende Zersetzung des Paradigmas statt. Besonders wenn es sich um eine Anomalie handelt, die in mehreren Bereichen des Paradigmas Änderungen erfordert, wird das Paradigma mehr und mehr in eine Krise geraten. Dieser Zustand wird von Kuhn wie folgt beschrieben:

„ Durch die Wucherung divergierender Paradigmaartikulationen werden die Regeln der normalen Wissenschaft in zunehmendem Maße aufgeweicht. Obwohl es noch immer ein Paradigma gibt, zeigen doch nur wenige Fachleute Übereinstimmung darüber, worin es besteht. Sogar frühere Standardlösungen bereits geklärter Probleme werden in Frage
gestellt. Wenn diese Situation akut wird, wird sie häufig von den betroffenen Wissenschaftlern als starke Unsicherheit empfunden. Einstein schrieb in diesem Zusammenhang: „Es war, als wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wäre, ohne dass sich irgendwo fester Grund zeigte, auf den man hätte bauen können.““

Die durch die Anomalie ausgelöste Krise kann lange dauern. Aus einigen Modifikationen können eigene Schulen entstehen, die einander bekämpfen. Oft ist nicht zu entscheiden, ob es sich bei einzelnen Lösungen nicht sogar schon um völlig neue Paradigmata handelt.
Es kann aber auch vorkommen, dass, oft aus Randgebieten der Wissenschaft von Forschern, die das herkömmliche Paradigma nicht so stark internalisiert haben, ein völlig neues Paradigma entwickelt wird. Da neue Paradigmata aus alten geboren werden, schließen sie gewöhnlich vieles vom Vokabular des alten Paradigmas ein. Selten aber verwenden sie diese geborgten Elemente im traditionellen Sinne. Innerhalb des neuen Paradigmas treten alte Ausdrücke, Begriffe und Experimente in ein neues Verhältnis zueinander, woraus sich zwangsläufig Missverständnisse zwischen den konkurrierenden Paradigmen ergeben.
Kuhn beschäftigt sich nun ausführlich mit dem Problem, ob und wie weit es den Vertretern eines bestimmten Paradigmas möglich ist, ein anderes Paradigma zu verstehen. Es sind diese Gedanken Kuhns, die weit über die Wissenschaftstheorie hinaus in der gesamten Pluralismusdiskussion und bei den Vertretern der sogenannten Postmoderne eine starke Auswirkung gehabt haben, ja man kann sagen, dass Kuhn durch diese Ausführungen geradezu zum Begründer postmoderner Vorstellungen wurde.
Kuhn versucht das Verhältnis konkurrierender Paradigmata durch ein Beispiel zu veranschaulichen, und ich denke, wir sollten ihm hierin folgen, weil seine Theorie hierdurch deutlicher wird. Ich zeige Ihnen jetzt ein Bild und bitte diejenigen, die dieses Bild kennen, sich zunächst zurückzuhalten, um das Ergebnis dieser Veranschaulichung nicht zu verfälschen.

FOLIE: JUNGE FRAU / ALTE FRAU

(Was sehen Sie auf dieser Zeichnung? Diskussion etc.)

Die Kippfigur ist ein Modell für die Welt, die im Lichte zweier konkurrierender Paradigmata gedeutet wird. Die Linien, d.h. die Konturen der zugrundeliegenden Wirklichkeit, sind in beiden Fällen gleich, doch das System, das erst eine sinnvolle Deutung ergibt, ist ein unterschiedliches. Kuhn vergleicht nun den Vertreter eines Paradigmas mit dem Betrachter einer Kippfigur, der nur die eine Gestalt sieht. Er wird einem Betrachter, welcher z.B. behauptet, das Auge der Frau sei ihre Nase, mit völligem Unverständnis begegnen und sein Gegenüber für verrückt halten oder den Verdacht hegen, dass dieser ihn lächerlich machen wolle. Denn, so wird er verzweifelt sagen, es muss doch jeder sehen, dass dies das Auge der Frau ist! Es handle sich doch hier um eine ganz evidente Tatsache! Wenn es nun dem Betrachter schließlich gelingt, die Figur zum Kippen zu bringen und die andere Gestalt zu sehen, so befindet er sich gleichsam in der Situation des Wissenschaftlers, der die Welt im Lichte des neuen Paradigmas sieht. Die Wissenschaftler, die das neue Paradigma vertreten, stehen zwar derselben Konstellation von Objekten gegenüber wie die herkömmliche Wissenschaft, aber trotzdem scheint ihnen die Welt in vielen ihrer Einzelheiten durch und durch umgewandelt. Es ist fast, sagt Kuhn, als wäre die Fachgemeinschaft plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt worden, wo vertraute Gegenstände in einem völlig neuen Licht erscheinen.
Das Modell der Kippfigur eröffnet noch einen anderen Aspekt. Es ist nämlich nicht möglich, beide Deutungen der Kippfigur gleichzeitig zu sehen, da hierfür eine unterschiedliche Zuordnung der Linien nötig ist. Entsprechend stellt Kuhn die These auf, dass Vertreter eines Paradigmas nicht zugleich das Gegenparadigma auffassen können. Es gibt zwar, so sagt Kuhn, das Phänomen der Konversion, d.h. dass ein Wissenschaftler die Tatsachen in der Sprache und im System des konkurrierenden Paradigmas sehen lernt und dann, ähnlich wie der Betrachter der Kippfigur, zwischen beiden Systemen wechseln kann, doch kann er sie nie gleichzeitig auffassen, und überhaupt sind solche Wechsler sehr selten. Natürlich hofft man, dass die Gegner sich bemühen, die Strukturen des jeweils anderen Paradigmas zu verstehen - von Kuhn selbst gibt es einen Text, in dem er seinen Kontrahenten Popper zu einem Verständnis seiner eigenen Denkstrukturen zu führen versucht - aber die Chancen sind relativ gering. Man muss schon froh sein, wenn beide Kontrahenten die Tatsache akzeptieren, dass es sich bei ihrem Streit um einen Pardigmengegensatz handelt. Diese Erkenntnis kann zur Toleranz helfen, da beide Partner ihre Gegner nun nicht mehr der Böswilligkeit oder Dummheit beschuldigen müssen, sondern erkennen, dass der andere das Problem von einem anderen Blickwinkel aus sieht.
Noch ein anderer Aspekt der Paradigmatheorie wird an dem Modell der Kippfigur deutlich. Wie jede der beiden Seiten, die Gestalt der jungen und der alten Frau, in sich die gleiche Gültigkeit beanspruchen kann und eine in sich stimmige Deutung der vorgegeben Linien gibt, so vermitteln auch gegensätzliche Paradigmen jeweils in sich stimmige Modelle der Wirklichkeitsinterpretation. Die gesamte Arbeit der Wissenschaft ist darauf gerichtet, das eigene Paradigma stimmig zu erhalten und immer wieder der Wirklichkeit anzupassen. Innerhalb des eigenen Paradigmas ist also durchaus ein Fortschritt möglich. Dagegen ist es aber nach Kuhn für den Anhänger eines Paradigmas unmöglich festzustellen, ob ein anderes Paradigma einen Fortschritt gegenüber dem eigenen Paradigma darstellt, wie es eben überhaupt nicht möglich ist, ein anderes Paradigma zu beurteilen, da man nur nach den Kriterien des eigenen Paradigmas urteilen könne, und diese seien dem anderen Paradigma nicht angemessen.

Mit diesem Hinweis möchte ich die Darstellung der Theorie Kuhns abschließen und auf die Bedeutung seiner Gedanken für die weitere philosophische Diskussion eingehen. Schon bald nach dem Erscheinen des ersten Buches von Kuhn wurde der Paradigmabegriff in seiner Rezeption aus seinem ursprünglichen Stellenwert innerhalb der Wissenschaftstheorie herausgelöst und für Weltdeutungsmodelle allgemein verwendet. Man erkannte, dass die von Kuhn beschriebenen Phänomene grundsätzlich immer da auftreten, wo festgelegte Begriffssysteme zur Erklärung von Bereichen der Wirklichkeit verwendet werden. Pradigmen müssen demnach keine wissenschaftlichen Systeme sein, sondern auch jede Religion und jede Weltanschauung stellt ein Paradigma dar, und vor allem kann jede Sprache als Paradigma aufgefasst werden, weil sie eine Weltdeutung vorgibt, die die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft verbindet und sie von anderen trennt.
Im folgenden möchte ich die Auswirkungen der Paradigmatheorie anhand von zwei berühmten Kontroversen darstellen, und zwar dem Streit zwischen Kuhn und Popper und demjenigen zwischen Lyotard und Habermas.

Schon bald nach der Veröffentlichung von Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ wandte sich der kürzlich verstorbene englische Philosoph Karl Popper (1902-1994) in seinem Buch „Objektive Erkenntnis“ (1972) gegen Kuhns Thesen. Popper knüpft in seinen Gedanken an die erkenntnistheoretischen Vorstellungen der Aufklärung an, dass nämlich alle Menschen grundsätzlich ein gleich strukturiertes Erkenntnisvermögen besitzen und dass aufgrund dieser Vernunftstruktur eine kontinuierliche Fortentwicklung der Wissenschaft stattfinde, an der alle Menschen gemeinsam arbeiten. Dieser weltweite Wissensfortschritt wird dadurch erzielt, dass alle wissenschaftlichen Ergebnisse durch jeden Wissenschaftler nachprüfbar sein müssen, so dass ein ständiger Prozess von Verifikation und Falsifikation innerhalb der Wissenschaft stattfindet. Indem falsifizierte Ergebnisse korrigiert oder ausgeschieden, verifizierte aber weiterentwickelt werden, schreitet die Wissenschaft weltweit voran. Das Vorstellungssystem der Welt, an dem die Wissenschaftler arbeiten, ist allen gemeinsam, so dass zwischen allen Wissenschaften alle Ergebnisse kommunizierbar sind, wie denn auch grundsätzlich alle Menschen aufgrund ihrer Vernunftstruktur Zugang zu dem wissenschaftlichen Weltbild haben. - Demgegenüber ist Kuhn der Ansicht, dass alles, was Popper darstellt, nur innerhalb eines bestimmten Systems der Wissenschaft, eben eines Paradigmas gilt. Dass die heutige Naturwissenschaft und Technik, die aus westlich- abendländischen Vorstellungen hervorgegangen ist, sich über die ganze Welt verbreitet hat, zeigt nach Kuhn, dass dieses Paradigma sehr erfolgreich ist, sagt aber nichts darüber aus, ob die Ergebnisse anderer Paradigmen, die neben ihr bestehen - etwa ganzheitlicher chinesischer Naturmedizin o.ä. - richtig oder falsch sind. Denn die westliche Naturwissenschaft kann Ergebnisse anderer Paradigmen nur mit ihren eigenen Maßstäben messen, aber diese Maßstäbe sind eben einem anderen System unangemessen, und dies gilt umgekehrt genauso. Der Streit zwischen Kuhn und Popper blieb bis zum Tode Poppers unentschieden, und Kuhn hat diesen Streit selbst als einen Paradigmenstreit verstanden.

Der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard hat in seinem Buch „Der Widerstreit“ (frz.: Le Différend) 1983 die Vorstellungen Kuhns wieder aufgenommen. Lyotard versteht sich selbst als Vertreter der postmodernen Philosophie. Er unterscheidet das postmoderne Denken vom Denken der Moderne und der Neuzeit überhaupt. Die Moderne wie die Zeit davor sieht er von Gesamtdeutungen des Daseins bestimmt, die von der Religion, von der Aufklärung und der Wissenschaft ausgingen und die er „große Erzählungen“ nennt. In der Postmoderne dagegen sieht er eine riesige Mannigfaltigkeit von Deutungen einzelner Bereiche des Daseins, die er als „kleine Erzählungen“ bezeichnet. Diese vielen kleinen Erzählungen sind miteinander unvereinbar, und es besteht der gleiche Widerstreit zwischen ihnen wie zwischen konkurrierenden Paradigmen bei Kuhn. Durch die Bezeichnung „Erzählungen“ weist Lyotard auf die immense Wichtigkeit der Sprache für die Konstituierung von Weltdeutungen hin; Erzählungen sind ungleichförmige Diskursarten, die ein gegenseitiges Verständnis fast unmöglich machen. Genau die Frage, ob es einen allgemeinen Diskurs geben kann, durch den Probleme vernünftig lösbar sind, bezeichnet den Kernpunkt des Streites zwischen Lyotard und Habermas.- Jürgen Habermas (geb. 1929) ist wie andere Diskursethiker der Überzeugung, dass es wegen der allgemeinen Vernunftstruktur der Menschen grundsätzlich möglich sein müsse, kulturspezifisch und letzten Endes auch weltweit zu einem gegenseitigen Verständnis und zu einem Konsens über die anstehenden Probleme der Menschheit zu kommen. Damit rekurriert Habermas ähnlich wie Popper letztlich auf das Menschenbild der Aufklärung von der grundsätzlichen Verständigungsmöglichkeit aller vernunftbegabten Wesen, wogegen Lyotard wie Kuhn eine eingeschränkte Verständigungsmöglichkeit der Menschen vertritt, da die Unterschiedlichkeit der Sprachsysteme der allgemeinen Wirksamkeit der Vernunft Grenzen setzt. Lyotard sieht darüber hinaus noch ein besonderes Problem in der Pluralität der postmodernen Gesellschaft, die sich nicht mehr auf ein allgemeines Wertesystem (große Erzählung) der Religion oder der Wissenschaft stützen kann, sondern in der die unterschiedlichsten Deutungsfragmente aufeinandertreffen. In dieser Situation ist es nach Auffassung Lyotards die Aufgabe der Philosophie, die Inkommensurabilität der Erzählungen aufzuzeigen um zu bewirken, dass die Beteiligten anders mit dem Widerstreit umgehen als bisher. Wolfgang Welsch hat in seinem Buch „Unsere postmoderne Moderne“ (1987) das Anliegen Lyotards wie folgt formuliert:

„Wenn man erkannt hat, dass alle am Widerstreit beteiligten Systeme in ihrem jeweiligen Zusammenhang ihre Berechtigung haben, kann man nicht mehr für eine bestimmte Seite votieren und ihr zur Herrschaft verhelfen wollen. Vielmehr muss man sich auf den Widerstreit einlassen. Das verlangt zunächst, dass man ihn überhaupt empfindet und entsprechenden Wahrnehmungen nicht aus dem Wege geht. Sodann muss man, um Unrecht möglichst zu vermeiden, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Systemen achten und ihre Grenzen wahren. Praktisch kann man versuchen, am Widerstreit zu
arbeiten, indem man sich bemüht, eine Sprache auszubilden, in der er ausgetragen werden kann. Dabei ist es wichtig, auch der durch Unterdrückung in die Sprachlosigkeit gedrängten Partei zur Artikulation zu verhelfen.Selbst mit allen diesen Bemühungen kann es jedoch nicht gelingen, eine Ordnung herzustellen, in der es keinen Widerstreit mehr gäbe - Wohl aber ist es möglich dazu zu helfen, dass der konkrete Widerstreit als solcher wahrgenommen und beachtet und
nicht bloß als Streit abgetan wird. Man kann den Widerstreit nicht aufheben, aber man kann dafür sorgen, dass fortan anders mit ihm umgegangen wird.“

Ich denke, dass diese Gedanken gerade für das Fach Werte und Normen sehr wichtig sind, da die Pluralismusproblematik hier in vielfacher Weise zum Tragen kommt. Nicht umsonst wird schon im Proprium der neuen Rahmenrichtlinien darauf hingewiesen, und auch im Umgang mit den großem Religionen wird man sich diese Problematik ständig bewusst machen müssen. Darum ist es notwendig, dass nicht nur die Lehrperson die erkenntnistheoretischen Grundlagen der pluralistischen Weltsicht durchdacht hat, sondern dass wir sie auch den Schülern vermitteln, damit sie anderen Ansichten gegenüber toleranter werden und den Widerstreit erkennen.

Ich möchte Ihnen jedoch nicht vorenthalten, dass der postmoderne Ansatz in jüngster Zeit wieder kritisiert wird. Die Forderung Lyotards nach dem Aushalten und dem richtigen Umgang mit dem Widerstreit wird immer wieder so verstanden, dass alles erlaubt sei. Die Kritik an der Postmoderne fordert daher eine Zweite oder Andere Moderne, in der sozusagen eine Synthese zwischen Moderne und Postmoderne angestrebt wird. In der Soziologie bedeutet Zweite Moderne, dass nach der Nivellierung herkömmlicher Wertvorstellungen und der Aufhebung der meisten Tabus in der postmodernen Gesellschaft eine Suche nach neuen Verbindlichkeiten zu beobachten ist. Im philosophischen Bereich bezieht man sich u.a. in der Philosophie der Lebenskunst (Wilhelm Schmid) auf den Begriff einer Anderen Moderne, in der den Präferenzen des Subjekts mehr Spielraum gegeben werden soll als in der aufgeklärten Moderne, ohne dabei doch auf gemeinsame Verbindlichkeiten zu verzichten. Auch die philosophische Bewegung des Kommunitarismus versucht liberalistischen und postmodernen Tendenzen entgegenzuwirken, indem der freiwillige Zusammenschluss einzelner Personen zu überschaubaren Gruppen mit gemeinsamen, meist sozialen Zielen propagiert wird.
So notwendig solche Versuche zur Entwicklung neuer Normen und damit einer neuen Verbindlichkeit auch für die Wirklichkeitsbeurteilung unserer Gesellschaft sind, sollten wir doch darüber nicht den Gewinn vergessen, den uns die postmoderne Philosophie gebracht hat, dass wir nämlich auch lernen müssen, den Widerstreit innerhalb pluraler Systeme auszuhalten und angemessen mit ihm umzugehen.

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