Ordnung
Gesine Doernberg: Gewollte und gewachsene Ordnung

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema „Die Frage nach der richtigen Ordnung“ anlässlich der Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 1999)

Bis jetzt haben wir in dieser Woche über die Ordnung im gesellschaftlich-politischen Bereich nachgedacht. Ich möchte heute in meinem Referat eine Ausweitung der Problematik vornehmen und auf philosophische, religiöse und naturwissenschaftliche Aspekte der Ordnung eingehen.

Der Begriff „Ordo“ war ein zentraler Leitbegriff mittelalterlicher Philosophie. Augustin definierte Ordo als die „Zusammenstellung gleicher und ungleicher Dinge durch Zuweisung des einem jeden zukommenden Standortes“. Wie die Natur ist auch die menschliche Gesellschaft der Ordo verpflichtet; so formuliert Walther von der Vogelweide in einem seiner politischen Gedichte:

„so wê dir, tuitschiu zunge,
wie stêt dîn ordenunge?
daz nu diu mugge ir künec hât,
und daz dîn êre also zergât!
bekêra dich, bekêre!“
(Drum weh dir, Deutschland, wie steht es um deine Ordnung? Selbst die Mücke hat ihren König! Deine Ehre ist bedroht, kehre um!)

Grund und Ziel aller Ordnung liegt nach mittelalterlicher Vorstellung in Gott. Gott ist das Ordnungsprinzip schlechthin.
Diese Vorstellung hat sich im Christentum bis heute erhalten. Sie ist direkt aus der Bibel abzuleiten. Hier wird die Situation zu Beginn der Schöpfung wie folgt beschieben: „Die Erde war wüst und chaotisch (tohuwabohu)“(Gen. 1,2). Erst durch den Geist Gottes werden die einzelnen Bestandteile dieses Durcheinanders getrennt, gleiche Elemente werden einander zugeordnet und das Ergebnis wird benannt und bewertet. So heißt es Gen.1:

Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.
Und Gott schied das Wasser unter dem Firmament von dem Wasser über dem Firmament
und nannte das Firmament Himmel.
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass
man das Trockene sehe. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der
Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.

Zuerst möchte ich nun einige religiöse, philosophische und naturwissenschaftliche Aspekte zur Ordnung in der Natur darstellen.
Die Naturordnung hat, wie wir sahen, nach der Vorstellung der monotheistischen Religionen einen Urheber, ein geistig planendes Subjekt, das Gott genannt wird. Wie der Mensch seine Welt ordnet, wie z.B. nach Kant der Mensch das ungeordnete Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung durch seinen Geist, seine Kategorien und Anschauungsformen zu einer Welt ordnet, so ordnet nach religiöser Vorstellung Gott als geistiges Subjekt die Natur, so dass sie eine sinnvoll zusammenhängende Organisation aufweist. Als Gegenspieler zu der organisierenden und aufbauenden Kraft Gottes wird besonders in dualistischen und gnostischen Ausprägungen der Religionen des westlichen Kulturkreises ein zerstörendes Prinzip (Satan) angenommen, das den Zerfall der sinnvoll organisierten Welt zum Ziel hat. Die offizielle christliche Theologie war aber dem Satansbegriff gegenüber stets kritisch eingestellt, da die Vorstellung eines starken oder gleich mächtigen Antichristen Gottes Allmacht einschränkt und zu einem Weltbild führen kann, das einen Kampf zwischen guten und bösen Mächten mit unentschiedenem Ausgang beinhaltet.

Wurde im Mittelalter Gott als Ursprung und Ziel aller Ordnung als außer- und oberhalb der Welt und ihr gegenüber vorgestellt (Transzendenz), so fällt bei Spinoza das göttliche Schöpfungs- und Ordnungsprinzip mit der Natur zusammen (Immanenz). Die Natur als Einheit ist Schaffensprinzip und Geschöpf zugleich, ist aktiv hervorbringendes Ordnungsprinzip als natura naturans und passives Ergebnis dieses Schaffens- und Ordnungsprozesses als natura naturata. Durch diese Vorstellungen wurde Spinoza zum Vorläufer des modernen Gedankens einer autonomen Natur, einer Materie, deren Selbstorganisationspotential in ihr selber liegt.
Allerdings kommen in dem Naturmodell Spinozas ähnlich wie in der Leibnizschen Vorstellung einer prästabilierten Harmonie die den schöpferischen entgegenwirkenden zerstörerischen Kräfte zu kurz. Dies hat sicherlich seinen Grund in der Ablehnung dualistischer Denkmodelle durch die Kirche.

Erst im Verlauf neuzeitlichen, von der Theologie unabhängigen Denkens wird dieser dualistische Naturbegriff, der ein aufbauendes Ordnungsprinzip und ein abbauendes Unordnungsprinzip als gleicherweise in der Natur wirksam annimmt, wieder aktuell, und zwar in der Entropiediskussion der modernen Naturwissenschaft.
Bei der folgenden Darstellung der Entropieproblematik stütze ich mich auf Jacques Monods Ausführungen in seinem Buch „Zufall und Notwendigkeit“. Entropie ist das thermodynamische Maß für den Energieverfall eines Systems. Misst die Entropiezunahme den Zuwachs an Unordnung in einem System, so entspricht eine Zunahme an Ordnung einer Abnahme der Entropie oder einer Zufuhr negativer Entropie.
Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik sagt nun, dass in einem energetisch abgeschlossenen System die Temperaturunterschiede danach streben müssen sich aufzuheben. In einem System aber, in dem kein Unterschied des thermodynamischen Potentials mehr besteht, kann kein Ereignis mehr stattfinden.
Werden z.B. zwei Behälter mit Systemen unterschiedlicher Temperatur miteinander verbunden, so wird das Gesamtsystem zunächst imstande sein, Arbeit zu leisten, da ein Potentialunterschied zwischen beiden Teilsystemen besteht. Dann aber werden immer mehr warme, d.h. schnellere und kalte, d.h. langsamere Moleküle von einem Behälter in den anderen hinüberwandern, wodurch der Temperaturunterschied zwischen beiden Systemen aufgehoben wird, und es kann sich innerhalb des Systems nichts mehr ereignen.

Faßt man nun das Universum als ein abgeschlossenes System auf, so behauptet der zweite Hauptsatz einen unvermeidlichen Verfall der Energie innerhalb des Universums. Findet also innerhalb des Universums irgendein Ereignis statt, das Energie benötigt, so nimmt dadurch zugleich die Entropie im Gesamtsystem zu. Da nun die Entwicklung hochorganisierter Lebewesen ein sehr energieintensiver Vorgang ist, kann man sagen, dass mit der Evolution zugleich auf der anderen Seite eine ständige Zunahme von Entropie, von Unordnung einhergeht, oder, wie Lorenz es formuliert: „Das Leben frisst negative Entropie.“ Lorenz erläutert diesen Vorgang:

„Alle lebenden Systeme sind so beschaffen, dass sie Energie an sich zu reißen und zu speichern vermögen. Das Leben wirkt im Strom der Weltenergie ähnlich wie eine Sandbank in einem Flusse, die sich quer zur Strömungsrichtung gebildet hat und desto mehr Sand zurückzuhalten vermag, je mehr sie schon angehäuft hat. Ebenso können lebende Systeme um so mehr Energie schlucken, je mehr sie schon geschluckt haben, denn wenn es einem Lebewesen gut geht, so wächst es und es pflanzt sich fort. Viele große Tiere fressen eben mehr als wenige kleine.“

Das bedeutet also: Je differenzierter ein System ist, desto ausgelaugter wird seine Umwelt. Man braucht nur die Umgebung großer Städte anzusehen um zu verstehen, was damit gemeint ist.
Wird also auf der einen Seite in einem System etwas differenziert, organisiert und aufgebaut, d.h. im positiven Sinne geordnet, so zerfällt auf der anderen Seite etwas ohne zusammenhaltende Ordnung in seine Bestandteile, um schließlich ohne Differenzierung in unbewegter Gleichförmigkeit zu erstarren. Es besteht also eine Wechselwirkung zwischen Ordnung, also Aufbau und Unordnung, also Abbau, wobei zumindest unentschieden ist, ob der Aufbau nicht letzten Endes dem Abbau dient.
Es zeigt sich, dass die dualistische Sichtweise der Natur als eines zwischen Ordnung und Unordnung gleicherweise eingespannten Systems das Lebensgefühl des Einzelnen insofern betreffen kann, dass es schwer ist, im eigenen Leben positiv und aufbauend zu wirken, wenn nicht sicher ist, ob das Gesamtsystem nicht dem Abbau zustrebt. Es hat daher zu allen Zeiten Versuche gegeben, das Negative, die Unordnung, die Entropie einem übergeordneten Sinnzusammenhang einzufügen und sie damit abzuschwächen.
So gibt es schon nach Ansicht von Aristoteles keine Unordnung, sondern nur verschiedene Stufen der Ordnung. Es gibt keine ungeformte Materie. Materie an sich ist potentiell; wird sie aktuell, hat sie schon eine Form, ist also schon geordnet. Darüber hinaus gibt es bei Aristoteles noch ein höheres, zusammenhaltendes Ordnungsprinzip, das aus unverbundenen Bestandteilen ein Ganzes macht. Dieses Prinzip, welches er „das Weitere“, manchmal auch Entelechie nennt, bewirkt, dass das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Teile. Aus einem zusammengewürfelten Haufen von Bauelementen niederer Ordnung wird so ein strukturiertes Ganzes höherer Ordnung, dem seine Teile untergeordnet sind.

Auch Henri Bergson lehnt die streng dualistische Sichtweise insofern ab, als er die Existenz von Unordnung überhaupt leugnet. Stattdessen unterscheidet er zwischen zwei unterschiedlichen Arten von Ordnung, nämlich zwischen organisierten Ordnungen, bei denen die Teile durch ein einigendes Prinzip, den Élan vital, dem Zusammenhang untergeordnet werden und Ordnungen, die gerade durch das Fehlen eines solchen einigenden Prinzips zustande kommen. Die differenzierende, durch den Élan vital bestimmte Ordnung nennt er gewollte Ordnung. Hierbei entspricht der Élan vital in Ansätzen der Entelechie oder dem „Weiteren“ bei Aristoteles, obwohl er dynamischer vorgestellt werden muss. Wird der Élan vital schwächer oder fehlt er, so tritt die automatische Ordnung in Kraft, in der die Teile auseinander fallen und in einer Ordnung sich gruppieren, die durch verschiedene, zufällig hier zusammentreffende Kausalstränge zustande kommt. Bergson gibt zwei Beispiele für den Vorgang des Zerfalls von gewollter Ordnung zu automatischer Ordnung durch das Schwächerwerden des Élan vital. Leider sind die Beispiele insofern verwirrend, als in ihnen der Élan vital, der nach Bergson die ganze Natur durchwaltet, gleichnishaft als menschlicher Wille oder menschliche Konzentration dargestellt ist. Ich bringe sie trotzdem, weil sie das Verhältnis der beiden Ordnungen anschaulich machen:

„Was verstehe ich denn darunter, wenn ich in ein Schlafzimmer trete und es als unordentlich bezeichne? Die Lage jedes seiner Gegenstände erklärt sich aus den automatischen Bewegungen der Person, die in dem Zimmer schläft, oder aus den
irgendwie beschaffenen wirkenden Ursachen, die jedes Möbel, jedes Kleidungsstück usw. an die Stelle versetzt haben, die es einnimmt. Hier herrscht also durchaus eine Art automatischer Ordnung. Die Ordnung, die ich erwartete, war aber jene Ordnung, die ein verständiger Mensch seinem Leben bewusst aufprägt, also eine gewollte Ordnung.“

In diesem Beispiel wird der Wille des Menschen als Gleichnis für den nach Bergson in der Natur wirkenden, organische Systeme nach einer gewollten Ordnung organisierenden Élan vital gebraucht.
Zweites Beispiel:

„Liest mir ein Dichter seine Verse, so kann ich seine Inspiration, der die Worte und Sätze des Gedichts untergeordnet sind, mit Interesse und Spannung in einem einzigen ungeteilten Akt nacherleben. Nun aber genügt es, dass meine Aufmerksamkeit nachlasse, dass, was gespannt in mir war, sich abspanne und die bisher in Sinn eingesenkten Töne erscheinen mir gesondert und einzeln. Je mehr ich mich gehenlasse, um so mehr individualisiert sich das Nacheinander der Töne; wie die Sätze in Worte zergingen, so skandieren sich die Worte in Silben, und schließlich sind es einzelne Laute, die sich voneinander lösen und die ich vorübergleiten höre.“

In diesem Beispiel ist die schöpferische Kraft des Zuhörenden dem Wirken des Élan vital in der Natur zu vergleichen. Durch Anspannung und Konzentration wird es möglich, dass in der Imagination des Hörers die Gesamtgestalt des Kunstwerks in einer gewollten Ordnung neu entsteht, der sich die einzelnen Elemente organisch unterordnen. Lässt jedoch die konzentrierende Kraft, die Anspannung, der Élan vital nach, so zerfällt das System in seine Bestandteile in einer unverbundenen automatischen Ordnung.
Auch für Bergson gibt es also zwei die Natur bestimmende Prinzipien, die den Vorstellungen von Evolution und Entropie nahe kommen; dadurch, dass er sie jedoch beide als Ordnung bezeichnet, findet eine positive Umwertung der Unordnung statt.

Bergson begründet seine These, dass auch dem Zerfall eine Ordnung zukommt, mit der Wirkung des Kausalgesetzes. Wenn in einem unaufgeräumten Zimmer ein Kleidungsstück auf dem Fußboden liegt, so befindet es sich, so argumentiert Bergson, nicht zufällig dort, sondern als Ergebnis eines kausalen Vorgangs, dessen Ursachen sich feststellen lassen. Weit davon entfernt, unvorhersagbar zu sein, vollziehen sich nach Bergson Abläufe in der automatischen Ordnung gerade mit strenger mechanistischer Gesetzmäßigkeit und sind daher sogar besser berechenbar als die komplexen Ergebnisse des schöpferischen Élan vital. Wenn Bergson also sagt, es gibt keine Unordnung, so meint er damit, dass alle Vorgänge in der Natur prinzipiell voraussagbar seien.
Damit wird ein neues Kriterium in die Ordnungsdiskussion eingeführt, das besonders in jüngster Zeit bei der Diskussion um die Chaostheorie wichtig geworden ist. Hatte sich die bisherige Definition von Ordnung immer noch an dem Ordobegriff Augustins orientiert, der Ordnung definierte als Zusammenstellung gleicher und ungleicher Dinge durch Zuweisung eines entsprechenden Standortes, also durch Über- und Unterordnung, so wird Ordnung jetzt vor allem verstanden als ein Zusammenwirken prinzipiell voraussagbarer Ereignisse. Dabei geht Bergson noch davon aus, dass der Gesamtzustand eines der automatischen Ordnung unterworfenen Systems voraussagbar sein muss, wenn die Bewegungen seiner einzelnen Teile voraussagbar sind. Das heißt, um bei dem Beispiel zu bleiben, wenn ich für jedes Kleidungs- und Möbelstück in einem unaufgeräumten Schlafzimmer anzugeben vermag, wie sein augenblicklicher Zustand zustande gekommen ist, so vermag ich auch den Gesamtzustand des Zimmers vorauszusagen,.
Gerade diese Folgerung aber hat sich in der Chaosforschung nicht bewahrheitet. Wenn zu viele Ursachen von unterschiedlicher Wirkmächtigkeit beim Zustandekommen eines Zustandes, z.B. des Wetters, mitwirken, kann dieser prinzipiell unvorhersagbar werden, da unter bestimmten Bedingungen kleinste Ursachen größte Wirkungen hervorzubringen vermögen (Schmetterlingseffekt). Als Gegensatz zu der Bergsonschen Definition von Ordnung als eines prinzipiell vorhersagbaren Zustandes ergibt sich demnach in der Chaostheorie die Definition von Unordnung oder Chaos als eines prinzipiell unvorhersagbaren Zustandes. Nach dieser Definition des Chaos können gerade Systeme, die nach der früheren Ordnungsdefinition als besonders geordnet galten, wie Organismen etc. teilweise chaotische Strukturen aufweisen, da die Komplexität eines Systems die Nichtvoraussagbarkeit begünstigen kann.
Andererseits hat sich bei der Chaosforschung gezeigt, dass gerade chaotische Phänomene unter gewissen Bedingungen regelmäßige und voraussagbare, also geordnete Strukturen hervorbringen können. Die Selbstorganisation der Materie scheint auch und gerade „fern vom Gleichgewicht“ (Prigogine), also aus dem Chaos heraus möglich zu sein. Gerade im äußersten Chaos entspringen neue Ordnungen, so dass die Natur die Fähigkeit zu besitzen scheint, durch einen kausal nicht zu fassenden Umschlag einen scheinbar notwendigen Zerfall gleichsam zu überspringen.

Soviel zu Vorstellungen über die Ordnung in der Natur. Zum Schluss möchte ich noch einiges zum Verhältnis zwischen menschlicher Ordnung und Naturordnung sagen.
Otto Friedrich Bollnow unterscheidet zwei grundsätzlich verschiedene Ordnungsbegriffe, hinter denen zwei gegensätzliche Haltungen des Menschen der Natur gegenüber stehen, die, wie wir sehen werden, in unterschiedlichen Menschenbildern ihren Grund haben.
Die erste Ordnungsform, die Bollnow darstellt, bezieht sich auf das aktive Eingreifen des Menschen in die Natur. Da der Mensch mit diesem Eingreifen eine Absicht, ein Wollen verfolgt, nennt Bollnow diese Ordnung gewollte Ordnung, damit den gleichen Begriff wie Bergson in einer ganz anderen Bedeutung gebrauchend. Der Begriff der gewollten Ordnung besagt bei Bollnow, dass es Aufgabe des Menschen sei, die ungeordnete, rohe Natur zu einer höherwertigen, kulturellen Ordnung umzuformen. Diese Auffassung, die besonders im Menschenbild der Aufklärung zum Ausdruck kommt, setzt der wilden, chaotischen Natur in allen Lebensbereichen einen durch Vernunft gebändigten, bewusst gestalteten sittlichen Zustand entgegen, der allein als Ordnung bezeichnet werden kann. Wenn Goethe zu Beginn seiner „Wahlverwandtschaften“ ausführlich beschreibt, wie Eduard die wildgewachsene Natur seines Landgutes in einen Kulturgarten umgestaltet, so ist dies ein Beispiel für die gewollte Ordnung. Auch das künstlerische Schaffen wird oft als bewusste Gestaltung, d.h. als eine willentliche Ordnung rohen Naturmaterials aufgefasst. Auch wenn Hobbes dem chaotischen Naturzustand des Krieges aller gegen alle einen durch Vernunft gebotenen Vertrag des Zusammenlebens gegenüberstellt, steht dahinter die Vorstellung eines durch die Vernunft zu ordnenden Chaos der Natur. Eine zusammenfassende Darstellung dieses Ordnungsbegriffs gibt Schiller in seinem „Lied von der Glocke“:

„Heilge Ordnung, segensreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
frei und leicht und freudig bindet,
die der Städte Bau gegründet,
die herein von den Gefilden
rief den ungesellgen Wilden,
eintrat in der Menschen Hütten,
sie gewöhnt zu sanften Sitten
und das teuerste der Bande
wob, den Trieb zum Vaterlande!“

Ganz im Gegensatz zu diesem Begriff der gewollten Ordnung steht nach Bollnow die besonders von der Romantik vertretene Vorstellung einer gewachsenen Ordnung. Hier wird davon ausgegangen, dass der Natur an sich eine wunderbare und ausgewogene Ordnung innewohnt, die der Mensch durch sein Eingreifen zerstört und in Unordnung bringt. Auch diese Vorstellung ist in allen Lebensbereichen zu finden. Dem nach Vernunftprinzipien überformten Kulturgarten Goethes wird die freie Natur gegenübergestellt, in der alles wachsen kann, wie es will. Der naturwidrige künstliche Gesellschaftsvertrag ist nur ein notwendiges Übel, das durch die vernunftbedingte Entfremdung des Menschen von der Natur notwendig wurde. So lesen wir bei Rousseau:

„Ich stelle mir den Menschen vor, wie er aus den Händen der Natur hervorgegangen ist.
Da sehe ich ein Tier unter Tieren, ich sehe den Menschen, wie er sich sättigt unter einer Eiche, wie er am nächsten Bach seinen Durst stillt, wie er sein Lager am Fuße desselben Baumes findet, der ihm seine Mahlzeit bot. Damit sind seine Bedürfnisse befriedigt. In der Regel gibt der Naturzustand dem Menschen keinen Anlass, sich zu ängstigen, denn
die wilden Tiere, seine einzigen Feinde, flößen ihm keinen sonderlichen Schrecken ein,
weil er sich ihnen gewachsen fühlt. Andere Feinde sind das Greisenalter und die Krankheiten. Aber der Greis stirbt allmählich dahin, er merkt es kaum, wie er aufhört zu sein. Und was die Krankheiten betrifft, so hätten wir sie fast alle vermeiden können, wenn wir die einfache Lebensweise beibehalten hätten, die die Natur uns vorzeichnet. Erst
durch die Reflexion ist der Mensch in einen naturwidrigen Zustand geraten, und der Mensch, der denkt, ist ein entartetes Tier.“

Auch für den Bereich der Kunst gibt es Vorstellungen, denen der Begriff der gewachsenen Ordnung zugrunde liegt. Als Beispiel kann man den amerikanischen Maler Jackson Pollock nennen, der die Auffassung vertritt, dass der Ursprung der Kunst im Unbewussten liege. Die vollkommene Spontaneität ist für ihn das alleinige Schaffensprinzip, aller gedanklich- logischen Kontrolle enthoben. Pollock schuf sogenannte Drip-Paintings, bei denen die Farbe direkt aus der Dose auf die Leinwand getropft oder gespritzt wird. Beim Akt des Malens ist alles Planen ausgeschaltet, der Prozess gewinnt Eigendynamik und wird selbst zum Inhalt. Pollock sagt: „My concern is with the rhythm of nature. I work inside out, like nature” Oder: “Die Methode der Malerei entspricht dem natürlichen Wachstum aus einer Notwendigkeit heraus.“
Im letzten Teil meiner Ausführungen sei nun noch auf das Verhältnis der beiden von Bollnow erwähnten Ordnungsbegriffe eingegangen. Bollnow erwähnt selbst, dass die romantische Vorstellung einer vom Menschen in Unordnung gebrachten Natur wohl ihre Wurzel darin habe, dass der Gedanke der gewollten Ordnung in naturwidriger Weise überschätzt worden sei und der Mensch in seiner Überheblichkeit die Welt als Stoff beliebiger menschlicher Gestaltung angesehen habe. Bollnow findet keine Lösung für das Dilemma, dass der Mensch einerseits die Natur als gewachsene Ordnung respektieren sollte, andererseits aber gewollt in sie eingreifen muss, schon um eine einigermaßen natürliche Ordnung wieder herzustellen.
Ansätze zu einer differenzierten Betrachtung des Verhältnisses zwischen dem, was Bollnow „gewollte“ und „gewachsene Ordnung nennt, finden sich in Heideggers Unterscheidung zwischen „Ding“, „Zeug“ und „Werk“, mit der ich meine Ausführungen schließen möchte.
Heidegger beschäftigt sich zunächst mit der Seinsweise von Naturdingen. Als Beispiel wählt er einen Granitblock. Dieser ist, so sagt Heidegger, ein Stoffliches in einer bestimmten, wenn auch ungefügten Form. Setzt man diese Aussage in Bollnowsche Begriffe um, so bedeutet das: Der Stein als Naturding befindet sich als solches im Zustand der gewachsenen Ordnung. Zu dieser Ordnung gehören auch die Natureigenschaften des Dinges wie die Härte des Steins und die Art seines Eingefügtseins in seine natürliche Umgebung, sein Lasten auf der Erde, wie Heidegger es nennt.
Nun gibt es aber nach Heidegger zwei Arten, wie der Mensch mit diesem Naturding umgehen kann. Beide wären nach Bollnow gewollte Ordnung, aber sie unterscheiden sich nach Heidegger durch den Grad der Überformung und Verfremdung der Natur durch den Menschen. Wird die Natur ausschließlich benutzt, um dem Menschen zu irgendwelchen praktischen Zwecken zu dienen, so wird die Überformung so radikal sein, dass die ursprüngliche gewachsene Ordnung ganz verschwindet und das Naturding in naturwidriger Weise den Bedürfnissen des Menschen angepasst wird. Eine solche radikale Überfremdung nennt Heidegger „Zeug“. Er schreibt:

„Das Zeug nimmt, weil durch die Dienlichkeit und Brauchbarkeit bestimmt, das, woraus es besteht, den Stoff, in seinen Dienst. Der Stein wird in der Anfertigung des Zeuges, z.B. der Steinaxt, gebraucht und verbraucht. Er verschwindet in der Dienlichkeit. Der Stoff für das Zeug ist umso besser und geeigneter, je widerstandsloser er im Zeugsein des Zeuges
untergeht.“

Durch die Umformung zum Zeug wird die Natur zerstört, d.h. das Naturding wird aus seiner natürlichen gewachsenen Ordnung herausgerissen in eine vom Menschen gewollte Ordnung, die nur ihm nützlich ist.
Nun gibt es aber nach Heidegger noch eine andere Art, wie der Mensch mit der Natur umgehen kann, ohne sie als Sklavin für seine Bedürfnisse zu vergewaltigen, und zwar die Möglichkeit, das Naturding in ein Werk umzuformen. Heidegger schreibt:

„Das Werk, z.B. der Tempel, lässt den Stoff nicht verschwinden, sondern allererst hervorkommen: Der Fels kommt zum Tragen und Ruhen und wird so erst Fels. All dies kommt hervor, indem das Werk sich zurückstellt in das Massige und Schwere des Steins. Der Stein lastet und bekundet seine Schwere; aber während diese uns entgegenlastet,
versagt sie sich zugleich jedem Eindringen in sie. Versuchen wir solches, indem wir den Fels zerschlagen, so hat sich der Stein wieder in dasselbe Dumpfe des Lastens und des Massigen seiner Stücke zurückgezogen. So lässt die Natur jedes Eindringen das Werkes in sie zerschellen. Das Werk stellt sich selbst in die Natur zurück. Zwar gebraucht der
Bildhauer den Stein ähnlich wie der Maurer, aber er verbraucht ihn nicht. Das gelungene Werk hat nichts von der Vergewaltigung des Stoffes durch das Zeug.“

Beim Werk ist die Funktion, die es für den Menschen hat - in Heideggers Beispiel etwas als Andachtsstätte oder als Raumschmuck - von untergeordneter Bedeutung. Das Werk strebt vielmehr eine harmonische Synthese zwischen gewachsener Naturordnung und gewollter Menschenordnung an, indem es das Naturding nicht völlig aus seiner natürlichen Ordnung herauslöst, sondern diese be-achtet und sie bei der Umformung berücksichtigt.
Bei Heidegger ist das Werk in erster Linie Kunstwerk, aber ich denke, auch in anderen Zusammenhängen, z.B. bei der Herstellung von Dingen des täglichen Lebens wäre es möglich, der gewachsenen Naturordnung zumindest einen Teil ihrer Autonomie zu lassen; ich denke dabei z.B. an das Ideal der Materialgerechtigkeit bei der Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Auch das Anlegen eines Naturgartens wäre sicherlich in diesem Sinne ein Werk, ebenso wie vieles, was mit dem Begriff Kultur im Gegensatz zu Zivilisation bezeichnet wird. Mir scheint, dass Heidegger mit diesen Gedanken einen gangbaren Weg aus dem Bollnowschen Dilemma zwischen gewachsener und gewollter Ordnung gewiesen hat.

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