Gesine Doernberg: „Der Morgenstern“ 1983

 

Vorspiel:

Vater: Ich bin der Vater. Ich bin Physikprofessor von Beruf. Ich schreibe Bücher über die Sterne und wie man sie erforschen kann.
Bruder:

Ich bin der älteste Sohn. Ich bin Astronaut von Beruf. Ich fahre sehr gern im Raumschiff.

Mutter: Ich bin die Mutter. Ich bin Hausfrau von Beruf. Ich sorge dafür, dass alle es gemütlich haben.

Erstes & zweites Kind:

Wir sind die Kinder. Wir wissen noch nicht, was wir später werden wollen.

Erster Akt

(Familie am Frühstückstisch)

Mutter: Habt ihr heute früh den Morgenstern gesehen, wie schön hell er geleuchtet hat?
1. Kind: Oh, den möchte ich auch gern mal sehen. Kannst du mich nächstes Mal wecken, Mutti, und ihn mir zeigen, wenn er wieder so hell leuchtet?
Vater: Macht euch doch nicht lächerlich! Heute noch von einem Morgenstern zu reden! Der Stern, von dem ihr sprecht, heißt Venus. Er ist für uns besonders gut zu sehen, weil er nicht sehr weit von der Erde entfernt ist.
Bruder: Was soll dieses Gerede vom Morgenstern? Bald werden wir Raumflüge zur Venus starten können. Ich selbst hoffe, dass ich in einigen Jahren an einem solchen Flug teilnehmen kann.
2. Kind: Ich will auch Astronaut werden.
Mutter: Das ist ja alles sehr interessant. Ich verstehe aber nicht, weshalb ich nicht vom Morgenstern sprechen soll. Oft liege ich in der Nacht wach und habe dunkle Gedanken. Wie freue ich mich dann, wenn es anfängt hell zu werden und die Sterne verschwinden. Zuletzt ist nur noch ein Stern da, der winkt und leuchtet ganz hell und die bösen Gedanken verschwinden. Aber dieser Stern ist für mich nicht die Venus. Es ist mir egal, wie weit er entfernt ist und ob Raumschiffe ihn besuchen. Dieser Stern ist für mich der Morgenstern, der mir einen neuen Tag und neue Hoffnung bringt.
Vater: Aber das ist nicht wissenschaftlich!
Mutter: Meint denn ihr Wissenschaftler, ihr könnt bestimmen, wie man die Welt sehen muss? Unser Pastor hat auch gesagt, dass Gott den Morgenstern gemacht hat.
Vater: Darauf habe ich nur gewartet. Man kann nicht wissenschaftlich beweisen, dass es Gott gibt. Wir denken, dass die Venus von selbst entstanden ist.
Bruder: Ich habe früher auch gedacht, dass es Gott nicht gibt. Aber auf unserem vorigen Mondflug setzte plötzlich das Triebwerk aus. Da merkte ich auf einmal, dass ich zu Gott betete. Und er hat mich gehört. Wir wurden gerettet. Da habe ich gemerkt, dass es Gott gibt, und ich habe versprochen, ihm nicht wieder untreu zu werden.
Vater: Ich meine, der Mensch kann sich nur selbst retten; das hat mit Gott gar nichts zu tun.
1. Kind: Mutti, hast du schon den Weihnachtsbaum geschmückt? Heut ist doch Heiligabend.
Vater: Mein Gott, Kind, gut dass du mich erinnerst, da sitze ich hier und rede und dabei habe ich doch noch gar kein Weihnachtsgeschenk für unseren Astronauten! Da muss ich aber schnell laufen. (ab)
Bruder: Und ich muss auch noch mein Weihnachtsgeschenk für unseren Vater fertig machen. Also Tschüß bis heute abend. (ab)
Mutter: (kopfschüttelnd) Komisch ist das alles. Sie sagen, es gibt Gott gar nicht, und vom Morgenstern zu reden wäre nicht wissenschaftlich. Aber Weihnachten wollen sie trotzdem feiern. Und dabei ist doch Weihnachten der Geburtstag von Gottes Sohn. Jesus hieß er, und die Leute nannten ihn den hellen Morgenstern, weil er uns neue Hoffnung gebracht hat. (zu den Kindern): Kommt, wir wollen die Krippe aufstellen und den Stern über dem Stall anmachen. Dabei will ich euch die Geschichte noch einmal erzählen.

2. Akt

1.Szene (Die drei Weisen aus dem Morgenland, Sterne beobachtend)

1. Weiser: Ewig ziehen die Sterne ihre festen Bahnen. Sie fragen nicht nach Gott oder nach den Menschen. Sie sind sich selbst genug.
2. Weiser: Du irrst, Freund; Gott ist es, der die Sterne lenkt. Er hat sie gemacht und will sie erhalten.
3. Weiser: Und wie der Morgenstern die Menschen froh macht, so haben alle Sterne für uns eine Bedeutung.
1. Weiser: (durchs Glas schauend) Vertraut ist das Bild des sternhellen Himmels. Alles bewegt sich, wie ich es vorausberechnet habe.
2. Weiser: Die Sterne bewegen sich auf den von Gott gesetzten Bahnen.
3. Weiser: Was sagen sie uns? Was bedeuten die Bahnen der Sterne für uns?
1. Weiser: Gerade bemerke ich eine kleine Helligkeit dort hinten hinter der letzten Galaxie. (zum 2. Weisen) Kannst du erkennen, was das ist?
2. Weiser: Ja, ich sehe, was du meinst, aber es ist kaum zu erkennen. Gott hat den Himmel an dieser Stelle etwas erhellt.
3. Weiser: Lasst mich auch einmal sehen! Das ist mehr als nur ein heller Schimmer. Es hat eine Bedeutung. Es wird größer! Es sieht aus wie ein neuer, weit entfernter Stern.
1. Weiser: Du träumst! Alle Sterne haben ihre regelmäßigen Bahnen, und ich habe sie berechnet. Es kann nicht einfach ein neuer Stern auftauchen.
2. Weiser: Aber sieh doch nur, es ist wirklich ein Stern! Er wird größer! Er kommt näher! Gott ist groß, er hat einen neuen Stern geschaffen!
3. Weiser: Ein Stern, ein richtiger neuer Stern! Ein großes Ereignis steht uns bevor! Es muss etwas sehr Wichtiges sein, etwas, das alle Menschen angeht!
1.Weiser: Ich glaube es nicht, es kann nicht sein, es kann nicht sein!
2. Weiser: O Gott, der du die Sterne schaffst und verschwinden lässt, wie groß bist du! Ich bete dich an, du Schöpfer aller Dinge.
1. Weiser: Die Natur stimmt nicht mehr, die Wissenschaft ist am Ende. Alles, was ich gedacht und geforscht habe, stimmt nicht mehr. Woran soll ich mich jetzt halten?
2. Weiser: Verzweifle nicht, Bruder! Gott, der die Natur gemacht hat, kann sie auch verändern. Vertraue auf Gott, er verlässt uns nicht.
3. Weiser: Die Bedeutung, die Bedeutung! Wir müssen die Bedeutung herausbekommen! Gott will uns ein Zeichen geben! Der neue Stern kommt immer näher, was kann das bedeuten?
2. Weiser: Wir wollen jemanden fragen, der den Willen Gottes kennt.

2. Szene (die 3 Weisen bei den Schriftgelehrten.)

1. Weiser: Die Wissenschaft stimmt nicht mehr, ein neuer Stern ist am Himmel erschienen.

2. Weiser:

Gott ist groß, er hat einen neuen Stern erscheinen lassen, der immer heller wird.
3. Weiser: Was bedeutet diese Erscheinung? Was will Gott uns sagen?
Schriftgelehrter: So steht geschrieben bei Mose im 24. Kapitel, Vers 10: „Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob und ein Zepter aus Israel; aus Jakob wird der Herrscher kommen.“ Und abermals steht geschrieben bei Micha im 5. Kapitel: „ Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas, denn aus dir soll mir kommen der Herrscher, der über mein Volk ein Herr Sei.“ So gehet denn hin nach Bethlehem im jüdischen Land und betet an den neugeborenen König, von dem euch der Stern kündet.
3.Weiser: Das muss ein wunderbarer König sein, dass Gott für ihn einen Stern erscheinen lässt.
2. Weiser: Gott ist groß, wir wollen dem Stern folgen und nach Israel gehen.
1. Weiser: Was kann das für ein König sein, dessen Geburt die Natur verändert?
Alle 3 Weisen: Wir wollen hingehen und ihn sehen.

3. Szene (die 3 Weisen vor Bethlehem)

1. Weiser: Ich sehe den Stern nicht mehr, ob alles Trug war?

2. Weiser:

Gott hat uns hierher geführt, er betrügt uns nicht.
3. Weiser: Dieses neugeborene Kind ist sicher sehr wichtig für uns, aber wo ist es?

(Mann aus dem Volk kommt vorbei)

3. Weiser: He, du, bist du von Bethlehem?
Mann: Ja, ich habe schon immer hier gewohnt.
3. Weiser: Dann kannst du uns sicher sagen, wo hier der König geboren ist.
Mann: König? Du spinnst wohl. Der König ist in der Stadt, und seine Kinder sind schon groß.
1. Weiser: Seht ihr, es war alles Täuschung.
2. Weiser: Es kann keine Täuschung gewesen sein, wir haben doch alle den Stern gesehen
Mann: Was für einen Stern?
2. Weiser: Der uns hergeführt hat.
Mann: (abseits): Die spinnen sicher. (laut): Hier gibt es keinen Stern.
1. Weiser: Seht ihr, es war eine Luftspiegelung, wir haben uns täuschen lassen. Es war alles ein Traum.
2. Weiser: Da! Ich sehe den Stern wieder.
3. Weiser & Mann: Wo?
2. Weiser: Dort drüben über dem Feld, er ist ganz nah und hell!
3. Weiser: O ja, jetzt sehe ich ihn auch! Lasst uns schnell hinrennen!
Mann: Ich komme mit.

(2. und 3. Weiser und Mann rennen vorweg, 1. Weiser folgt langsam)

2. Weiser: Was ist denn das, ein alter Stall? Da wird doch kein König geboren!
3. Weiser: Wirklich komisch. Aber es muss seine Richtigkeit haben, der Stern ist über dem Stall stehen geblieben.
2. Weiser: Wir wollen hineingehen und dem König unsere Geschenke bringen.

(2. und 3. Weiser und Mann gehen hinein)

1. Weiser: Was ist das alles? Da ist der Stern. Er funkelt. Er ist heller als alle anderen Sterne. Er ist da, wo nach den Naturgesetzen kein Stern sein kann. Er steht über einem schäbigen Stall, wo nach menschlichen Gesetzen kein König sein kann. Was ist das alles? Ein übernatürlicher Stern - ein übermenschlicher König? Ein Stern ohne Sternbild - Ein König ohne Königreich?

(Pause)

(2. und 3. Weiser und Mann kommen wieder heraus; Mann ab):

2. Weiser: Wo bleibst du denn? Wir sind so froh, dass wir das neugeborene Kind gesehen haben. Es heißt Jesus, und die Engel, die im Stall waren, haben gesagt, es ist Gottes Sohn und wird die ganze Welt erlösen. Darum ist auch bei seiner Geburt ein Stern aufgegangen. Geh schnell hinein; wenn du es ansiehst, verschwinden alle deine Sorgen.
1. Weiser: Wie soll das zugehen? Es ist arm. Es hat kein Königreich.
3. Weiser: Sein Reich ist nicht von dieser Welt, er erlöst uns von innen her. Wir können das nicht erklären, du musst selbst reingehen.
1. Weiser: Also gut (geht langsam hinein)

3. Akt

(Vater, Mutter, Bruder, 2 Kinder feiern Weihnachten)

1. Kind: Sieh nur, der schöne Morgenstern (zeigt auf den Stern über der Krippe)
Vater:: Geht das schon wieder los! Da siehst du, was du mit deinem Gerede bei dem Kind anrichtest!
2. Kind: Das ist kein Morgenstern, das ist die Venus. Wenn ich groß bin, werde ich hinfliegen.
Bruder: (lacht) Siehst du, Vater, das kommt davon, wenn du die Kinder mit wissenschaftlichen Erklärungen vollstopfst! Jetzt wollen sie schon den Weihnachtsstern bereisen!
1. Kind: Es ist der Morgenstern!
2. Kind: Nein, es ist die Venus! (streiten sich)
Mutter: Ihr braucht euch nicht zu streiten, Kinder. Ihr habt beide nicht recht. Ihr habt ja eben gehört, was der Bruder gesagt hat: Es ist der Weihnachtsstern.
Vater: Wissenschaftlich gesehen gibt es ihn nicht.
Bruder: Aber er ist doch da.
Vater: Wenn er da wäre, müsste er auch zu einem Sternbild gehören, aber er hat keinen Platz am Himmel.
1. Kind: Armer Weihnachtsstern, hat keinen Platz am Himmel! Aber bei uns hat er einen Platz.
Bruder: Ja, und die drei Weisen aus dem Morgenland haben ihn auch gesehen.
Vater: Vielleicht haben sie geträumt?
Bruder: Sie sind ihm gefolgt und haben dem neugeborenen Gottessohn ihre Geschenke gebracht.
Vater: Es gibt keinen Gottessohn.
Bruder: Aber ich habe ihn gespürt, er hat mir geholfen.
Vater: Wenn es ihn gäbe, müsste er auch ein irdisches Reich haben. Aber er hat keinen Platz auf der Erde.
2. Kind: Armer Gottessohn, hat keinen Platz auf der Erde! Aber bei uns hat er einen Platz.
Mutter: Ja, wir feiern heute seinen Geburtstag. Auch wenn er kein irdisches Reich hat, kann er uns doch den Weg zur Wahrheit zeigen.
Vater: Was soll das heißen? Die Wissenschaft ist die Wahrheit.
Mutter: Seine Wahrheit schließt die Wissenschaft ein. Denkst du noch an unsern Streit von heute morgen? Jetzt wird mir klar, wie es ist: Der Morgenstern ist die Venus, auch wenn ich es heute früh nicht gespürt habe - der Morgenstern Venus.
Vater: Der Morgenstern Venus! Das hast du gut gesagt. Jetzt erkenne ich es auch: Die Venus ist der Morgenstern, auch wenn es nicht wissenschaftlich ist, denn die ganze Wahrheit ist mehr als die Wissenschaft.
1. Kind: Und der Weihnachtsstern?
Bruder: Der Weihnachtsstern ist ein ganz wunderbarer Stern. Auch wenn er zu keinem Sternbild gehört, hat er uns doch den Weg zur Wahrheit gezeigt.

 

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