Maeterlinck
Gesine Doernberg : Die Hummel und der Bienenstaat oder: Das Individuum im Staat zwischen Selbstsein und Teilsein.

(Arbeitsgruppe auf dem AIPPh-Kongreß in Banz 1994)

Im folgenden möchte ich Ihnen Teile einer Unterrichtseinheit vorstellen, die ich im vorigen Jahr in Klasse 12 zum Thema Staatsphilosophie gehalten habe.
Es wurde zunächst ein Auszug aus Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gelesen und besprochen. Dann wurden die Vor- und Nachteile, die Popper in dem Text für die beiden Gesellschaftsformen, die offene und die geschlossene Gesellschaft angibt, auf Karten geschrieben. So ergab sich ein Kartenset mit möglichen Vorteilen von Gesellschaftsformen, einer mit möglichen Nachteilen. Beide Sets enthielten Eigenschaften sowohl der offenen als auch der geschlossenen Gesellschaft. Der erste Set enthielt die Begriffe: Fortschritt, Freiheit, Sicherheit, Verantwortung, Selbstverwirklichung, Geborgenheit. Der zweite Set enthielt die Begriffe: Unmündigkeit, Unsicherheit, Selbstentfremdung, Konkurrenzkampf, Einsamkeit. Es wurden Kleingruppen gebildet, in denen die Schüler Karten der einzelnen Sets in eine Reihenfolge brachten. Ich stellte die Frage: Was soll euch der Staat, den ihr euch wünscht, vermitteln bzw. ermöglichen? Bitte stellt den Begriff, der euch am wichtigsten ist, an oberste Stelle, den nächsten an die zweite usw. Bei den Nachteilen sollte der am stärksten abgelehnte Begriff oben stehen.
Die Schüler kamen zu folgenden Ergebnissen: Es besteht Konsens darüber, dass Geborgenheit
das zweitwichtigste Bedürfnis überhaupt in einer Gemeinschaft sein sollte.
An erster Stelle rangieren Freiheit und Verantwortung. (Bei den Gruppen, die Freiheit an die erste Stelle setzen, rangiert Verantwortung auf Platz drei; Gruppen, die Verantwortung als das wichtigste ansehen, verweisen die Freiheit auf den dritten Platz).
Als unwichtigstes Bedürfnis wird allgemein der Fortschritt angesehen.
Bei der Platzierung der Sicherheit ergeben sich stärkere Differenzen. In der Diskussion wird darauf hingewiesen, dass Geborgenheit mehr ist als Sicherheit, sie schließt eine Identifikation mit dem Staat ein.
Als negativstes Ergebnis einer Gesellschaftsordnung werden Selbstentfremdung und Einsamkeit angesehen.
Die stärksten Differenzen ergeben sich bei der Einschätzung von Konkurrenzkampf, Unmündigkeit und Unsicherheit.

Die Ergebnisse wurden eingehend diskutiert. Es schloss sich die Lektüre eines Textes von Paul Tillich aus „Der Mut zum Sein“ an, in dem der Mut, man selbst zu sein dem Mut, als ein Teil zu sein gegenübergestellt wird; beide Formen des Mutes sind nach Tillich für das Individuum notwendig. Als nächstes kam eine marxistische Stimme zu Wort: In einem Text des tschechischen Philosophen Josef Muzik stellt dieser einen durch ein wissenschaftliches Kollektiv gelenkten Staat vor. Schließlich wurden die Schüler kurz mit der Staatstheorie Rousseaus vertraut gemacht.
Danach wurde die Klausur geschrieben, die ich in den Mittelpunkt meiner Ausführungen stellen möchte: Sie gründete sich auf einen Textauszug aus Maurice Maeterlinck: Das Leben der Bienen von 1901, den ich Ihnen vorlesen möchte.

„Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es recht oder unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen, das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral.
Vielleicht ist es von Interesse, den Willen der Natur zu diesem Problem in einer anders gearteten Welt zu belauschen. Gerade bei den Bienen tritt dieser Wille der Natur sehr deutlich zutage. Er trachtet sichtlich nach Veredelung der Art, aber er zeigt auch, dass er diese nur auf Kosten der individuellen Freiheit und des individuellen Glückes erreichen
will oder kann. In dem Maße, wie die Gesellschaft sich organisiert und erhebt, wird dem Sonderleben eines jeden ihrer Glieder ein immer engerer Kreis gezogen. Wo ein Fortschritt eintritt, geschieht dies durch ein immer vollkommeneres Opfer der persönlichen zugunsten der allgemeinen Interessen. Zunächst muss ein jedes Individuum auf eigenmächtige Laster
verzichten. Noch auf der Entwicklungsstufe, die den Bienen vorausgeht, nämlich bei den Hummeln finden sich Zustände, die unseren Menschenfressern zu vergleichen sind: Die ausgewachsenen Arbeiterinnen stellen nämlich unaufhörlich den Eiern nach, und die Mutter muss sie mit aller Energie dagegen verteidigen.
Ferner muss sich jedes Individuum, nachdem es die gefährlichsten Laster abgelegt hat, eine Anzahl von immer strenger gefassten Tugenden zu eigen machen. So lassen es sich bei den Hummeln die Arbeiterinnen noch nicht einfallen, der Liebe zu entsagen, während unsere Hausbiene in unbedingter Keuschheit lebt. Dies und noch viel mehr gibt sie im Tausch für
das Wohlbefinden, die Sicherheit, die architektonische, ökonomische und politische Vollkommenheit des Bienenstockes.“

In diesem Auszug geht es Maurice Maeterlinck um die Frage, ob der Mensch von seiner Freiheit Gebrauch machen soll oder nicht. Maeterlinck bezweifelt, dass es moralisch gut ist, die individuelle Freiheit auszuleben, weil dies im Grunde dem Willen der Natur widerspricht, welche die Veredelung der Art immer nur auf Kosten der individuellen Freiheit zustandebringt. Als Beispiel dafür bringt Maeterlinck den Bienenstaat, der gegenüber den ungeselligen Wildhummeln eine Höherentwicklung darstellt. Während die Hummeln ihre individuellen Laster (Auffressen der Eier der Artgenossen) und Freuden (Sexualität bei den Arbeiterinnen) frei ausleben, verzichten die Bienen auf individuelle Freiheit und Glück zugunsten des Wohlbefindens, der Sicherheit und der Vollkommenheit der Gemeinschaft (des Bienenstockes).
Der von Maeterlinck beschriebene Bienenstaat weist deutliche Parallelen zu dem von Muzik beschriebenen Staatsideal auf. Auch hier soll der einzelne auf individuelle Werte verzichten und sich dem Gemeinwohl unterordnen; der angestrebte „neue Mensch“ trachtet nicht mehr nach persönlichem Glück, sondern geht ganz in der Solidarität mit der Gemeinschaft auf.
Zu der „geschlossenen Gesellschaft“ Poppers bestehen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Wie die geschlossene Gesellschaft kann auch der Bienenstaat mit einem Organismus verglichen werden, dessen einzelne Glieder dem Ganzen untergeordnet sind und auf eigenmächtige Entscheidungen zugunsten der gemeinsamen Sicherheit verzichten. Andererseits aber ist die „geschlossene Gesellschaft“ Poppers im Gegensatz zum Bienenstaat der Familie nachgebildet. Hier hat ein Oberhaupt das Sagen, dem alle Glieder mit Vertrauen und Ehrfurcht gehorchen; hierdurch entsteht ein Gefühl der Geborgenheit, wie es weder durch den von Muzik beschriebenen Staat, noch durch die Bienengemeinschaft Maeterlincks vermittelt wird.
Die „offene Gesellschaft“ Poppers steht im Gegensatz zu dem von Maeterlinck beschriebenen Staat der Bienen, denn sie ist gerade auf der Freiheit und Verantwortung ihrer individuellen Mitglieder aufgebaut. Die in ihr angelegte Gefahr der Isolation der einzelnen Mitglieder kann in den dem Bienenstaat entsprechenden Gesellschaften zwar nicht auftreten, andererseits aber gibt die offene Gesellschaft ihren Bürgern die Möglichkeit, ihr Leben mit Hilfe ihrer eigenen Vernunft verantwortlich zu gestalten, was ein sehr großer Vorteil dieser Gesellschaftsform gegenüber den vorher beschriebenen ist.
Die Hummeln befinden sich nach Maeterlinck auf einer niedrigen Entwicklungsstufe. Sie benehmen sich wie Kannibalen, indem sie Eier der eigenen Art fressen, und es herrscht ein ständiger Kampf zwischen den gierigen Arbeiterinnen und den Müttern, welche ihre Eier zu verteidigen gezwungen sind. Außerdem leben die Arbeiterinnen nach dem Lustprinzip und gehen lieber ihrem Vergnügen nach, als dass sie der Gemeinschaft nützen. Der Zustand, in dem sich nach Maeterlinck die Hummeln befinden, gleicht in manchen Zügen dem Naturzustand nach Hobbes bzw, Rousseau. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch das Recht des Stärkeren und führt zu einem Kampf aller gegen alle. In diesem Zustand gibt es keine Sicherheit, und nur die stärksten können sorgenfrei leben, indem sie alle anderen unterdrücken; werden sie aber alt und schwach, so nehmen Stärkere ihre Stelle ein. Einen Ausweg aus diesem Zustand sieht Rousseau in dem Gesellschaftsvertrag, dem alle sich freiwillig anschließen, weil er vernünftig ist und gleiches Recht für alle garantiert

Nach einigen Vergleichsaufgaben zu dem Maeterlinck-Text stellte ich den Schülern die folgende Frage: Welche Kriterien müßte ein Staat erfüllen, in dem Sie persönlich sich wohlfühlen könnten?
Hierzu möchte ich Ihnen einige Schülerantworten vortragen:

1) “Ein Staat, in dem ich mich wohlfühlen könnte, müsste mich vor allem frei sein lassen, wobei ich die bürgerliche Freiheit und meine eigene Freiheit zu einem Begriff zusammenfasse, da ich als Mitglied einer offenen Gesellschaft die starren Zwänge und die Bewegungslosigkeit der geschlossenen Gesellschaft sicherlich nicht ertragen würde. Ich gehe nicht davon aus, dass eine Gemeinschaft eine Leitung braucht, die ihr vorschreibt, was sie zu tun oder gar, was sie zu sein hat, um nicht in einen „Kampf aller gegen alle“ zu eskalieren. Der Mensch ist instinktreduziert, was ihn frei sein lässt, und vernunftbegabt, was ihn die Vorteile einer Gemeinschaft erkennen lässt. Dies wäre in Einklang zu bringen durch eine Gemeinschaft, die auf Selbstbestimmtheit beruht, deren Mitglieder ihre Freiheit jedoch nicht auf Kosten anderer ausleben. Persönliche Selbstkontrolle sollte es möglich machen, an die Freiheit die Verantwortung zu binden und aus Rücksichtnahme und Verstand eine Gemeinschaft entstehen zu lassen.
Ich bin mir bewusst, dass ein reibungsloses und konfliktfreies Funktionieren einer solchen Gesellschaft, die sicher viel Feingefühl erfordert, utopisch ist. Daher ist es schon notwendig, egoistische oder verantwortungslose Menschen durch die Gesellschaft zu zügeln oder den durch sie angerichteten Schaden auf sie zurückfallen zu lassen, um die Sicherheit, die eine Gemeinschaft gibt, zu erhalten. Aber ich halte es für freiheitsberaubend, im Voraus durch eine „Leitung“ oder ein Unterscheiden in objektive und subjektive Bedürfnisse alle einzuschrän-ken, um das „Querschießen“ einiger weniger zu verhindern.
Es wäre ein Gemisch aus unserer offenen Gesellschaft und einer vielleicht anarchistisch zu nennenden Gemeinschaft (wobei die Selbstverantwortung (!) an höchster Stelle steht), die mir am meisten zusagen würde, wobei der „Staat“ auch die materielle Sicherheit (soziales Netz) sichern sollte, während ich es für möglich halte, die menschliche Sicherheit und Geborgenheit aus Familien und Freundschaften zu beziehen. Letzteres würde erleichtert, wenn die Verantwortung die Menschen dazu erziehen würde, nicht mehr allein nach dem Leistungsprinzip rücksichtslos vorzugehen und anderen zu schaden und auch, wenn in der Gesellschaft nicht mehr „das Ziel den Weg heiligte“, sondern menschliche Werte das Ansehen bestimmten.“

2) „Der Staat, in dem ich mich wohlfühlen würde, müsste erstens klein und überschaubar sein, so z.B. ein Dorf von 1000 bis 2000 Menschen. Dann müsste Freiheit unter humanistischen Gesichtspunkten das wichtigste Recht bzw. die wichtigste Pflicht sein. Es sollte direkte Demokratie herrschen:
Alle haben das gleiche Wahlrecht.
Für Probleme, welche bewältigt werden müssen, werden jederzeit wieder abwählbare Beauftragte gewählt.
Über Gesetze und andere große Entscheidungen stimmt das Dorf ab. Geborgenheit muss auch gegeben sein. Die Sozialpolitik sollte die wichtigste und die mit dem größten Haushalt sein. Die Wirtschaft müßte als Kreislaufwirtschaft mit der Natur betrieben werden, nicht gegen sie. Dieser Staat wäre als kleine abgeschiedene autonome Kommune zu realisieren. Die ganze Welt kann man so nicht gestalten, auch nicht das ganze Land. Ansonsten wäre ich gerne in eine Organismusgesellschaft geboren worden. Dann würde ich den Begriff Freiheit nicht kennen, hätte glücklich meinen Platz und meine Arbeit und würde nicht so viel nachdenken.“

3) “Ich stelle mir einen Staat vor, den ich, auf die Philosophen bezogen, die wir behandelt haben, als Synthese von Rousseau und Muzik bezeichne mit den Zielen: Solidarität, kollektives Denken und Handeln. Und nur auf dieser gesellschaftlichen Basis ist die Freiheit des Einzelnen und die Ausbildung des individuellen Ichs erst möglich. Dieser Staat muss aber parallel zum fortschreitenden Entwicklungsprozess seiner BürgerInnen Stück für Stück immer mehr Verantwortung an die BürgerInnen abgeben. Denn es darf nicht länger der Fall sein, dass die BürgerInnen regelrecht zur Passivität in allen Lebensbereichen erzogen werden. Das bedeutet auch: Verantwortung wird nicht mehr in Form von Wahlen delegiert, sondern jede Bürgerin/jeder Bürger muss sich seiner persönlichen Verantwortung stellen und sie übernehmen. Dies muss einhergehen mit einer allumfassenden Ausbildung aller Menschen, so dass ein Wissenspotential entsteht, auf dessen Basis das Übernehmen von Verantwortung leicht fällt. Somit kann auch die bisherige Form der Regierung abgeschafft werden, und an ihre Stelle tritt die Versammlung der Bürger, wobei parallel dazu eine besondere Instanz geschaffen wird: Der wissenschaftliche Rat, der nicht Entscheidungsbefugnis hat, auch nicht Exekutivorgan ist (wie bei Muzik), sondern dessen Aufgabe die Bewahrung der objektiven Werte ist, bzw. dieser Rat muss darauf bedacht sein, sich den objektiven Werten überhaupt erst einmal anzunähern. Darüber hinaus hat dieser Wissenschaftsrat nur eine beratende Funktion gegenüber der Versammlung der Bürger, in der Beschlüsse (wie bei Rousseau) solange diskutiert werden, bis eine Konsensentscheidung gefällt wird.
Ich denke, nur mit diesem Modell ist eine menschenwürdige Gesellschaft überhaupt erst möglich, in der soziale Gerechtigkeit und keinerlei Klassenunterschiede mehr herrschen. Dieses politische Modell muss parallel einhergehen mit einer veränderten Wirtschaftsweise.“

4) „Das wichtigste Kriterium für meinen persönlichen Idealstaat wäre die persönliche Freiheit und der Individualismus, wobei ich sofort die Einschränkung anführen will, dass durch die Freiheit der einen die Freiheit der anderen nicht beeinträchtigt werden dürfte, also kein Kampf entstehen sollte. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir bei den Kriterien selbst nicht so einig bin, denn meine Wunschvorstellungen und Ideale stehen teilweise im Widerspruch zueinander. So denke ich auch, dass die Geborgenheit innerhalb einer Gemeinschaft und auch eine gleichberechtigte Stellung der einzelnen äußerst notwendig wären. Mein Freiheitsideal würde auch eingeschränkt durch meine Vorstellung, dass nicht alle Handlungen subjektiv auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet sein sollten. Jeder Einzelne müßte ein politisches Bewusstsein haben, sich seiner Verantwortung gegenüber anderen bewusst werden und auch gewisse allgemeine objektive Werte anerkennen. Als Beispiel ließe sich die heutige Verantwortlichkeit vieler Menschen im Bereich des Umweltschutzes, der Arm-Reich-Problematik oder das Verhalten gegenüber Ausländern anführen. Sehr viele Menschen denken nur an sich ohne Rücksicht auf irgendwelche Verluste. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang auch die gegenseitige Respektierung bzw. die Toleranz untereinander. Alle Handlungen sollten wirklich auch auf lange Frist sinnvoll sein und nicht nur auf kurzfristige Bedürfnisse ausgerichtet sein, so z.B. die aktuelle Frage der Asylproblematik. Man löst das Problem, indem eigentlich nur versucht wird, durch Abschottung die Wirkung einer Ursache zu stoppen. Auf längere Frist ist dabei aber die eigentliche Ursache überhaupt nicht beseitigt, noch nicht einmal ausdiskutiert, nämlich das meiner Meinung nach schlimmste Verhalten einer Masse von Menschen, auf dem Rücken einer viel, viel größeren Masse Menschen und der Umwelt zu leben, ohne sich auch nur klar zu machen, dass dies langfristig nicht haltbar sein wird. Gerade von diesem Standpunkt aus habe ich mir die Frage gestellt, ob die wirklich wissenschaftliche Staatsführung nicht sinnvoll wäre. Mit dem jetzigen Staatssystem bin ich auf jeden Fall zunehmend unzufrieden und unglücklich.“

5) „Der Staat, in dem ich momentan lebe, erfüllt durch sein Sozialwesen schon ein wichtiges Kriterium zum Wohlbefinden. Durch das Sozialwesen wird auch den Schwächeren und Alten in unserem Staat geholfen. Das halte ich für mein Utopia für sehr wichtig. Ein Problem in Deutschland ist der Hang zum Materialismus und Konsum um jeden Preis. Hier sollte die Vernunft in den Köpfen aller Menschen einsetzen. Ich persönlich habe nichts gegen Konsumgüter; die persönlichen Bedürfnisse eines jeden Menschen können ruhig bestehen bleiben, aber nicht auf Kosten der Umwelt. Durch die permanente Ausbeutung der Erde und deren Verschmutzung gefährden wir unser eigenes Überleben. Hier muss ein Umdenken erfolgen, das Überleben der Menschen und der Erhalt der Erde mit ihrer Flora und Fauna müsste oberstes Ziel der Menschen sein. In meinem Utopia muss ein Kreislauf vorhanden sein, in dem die Menschen von den Erträgen der Erde leben und nicht von ihr selbst.
Als letzter Punkt muss das Konkurrenzprinzip abgeschwächt werden und damit das Bedürfnis, unbedingt erfolgreich zu sein. Das Konkurrenzprinzip steht nicht im Einklang zum vernünftigen Handeln und zur Humanität. Hier gilt wieder das Recht des Stärkeren, ein Überbleibsel des menschlichen Naturzustandes.
Wenn die Punkte Sozialwesen, umweltverträgliches Handeln und ein Leben miteinander zutreffen, könnte ich mich doch eigentlich in diesem Staat wohlfühlen.“

6) „Das wichtigste an dem Staat, in dem ich leben möchte, wäre, daß ich ausreichend persönliche Freiheit genieße. Dass diese Freiheit durch Gesetze, die mein und das Leben meiner Mitmenschen schützen, eingeschränkt ist, ist selbstverständlich. Eine noch größere Einschränkung allerdings, die etwa eine annähernde Angleichung von Eigentum oder Bildungsstand vorsähe, lehne ich ab. Das einzelne Individuum sollte von der Verfassung her so wenig, wie es für die persönliche Sicherheit, die Ökologie und Ökonomie nötig ist, eingeschränkt werden. Die Verfassung sollte von einer vom gesamten Volk gewählten, durch Bildung, Engagement für das Gemeinwohl und fachspezifische Kenntnisse ausgezeichneten Gruppe erstellt werden, die nach der Verfassungsgebung jedoch sofort wieder aufgelöst und zu evtl. notwendigen Verfassungsänderungen neu gewählt wird.
Die Geborgenheit, die mir persönlich auch wichtig ist, kann meines Erachtens nicht durch eine Zwangsgemeinschaft, deren Zusammenhalt aus Angst vor der eigenen Verantwortung besteht, gegeben werden. Vielmehr sollte sich jedes Individuum je nach Bedarf einen Freundeskreis o.ä. aufbauen, der ihm trotz der großen Eigenverantwortung das Gefühl von Geborgenheit geben wird.
Eine gewisse Verantwortung für die Mitmenschen oder für die Allgemeinheit kann, denke ich, durch eine insgesamt hohe Bildung und verantwortungsvolle Erziehung erreicht werden. Zwar wird es immer so sein, dass jeder sich selbst der Nächste ist, aber, wie man heute ja sehen kann, kann eine Moral, die von Anfang an anerzogen wird, diesen Egoismus ein wenig eindämmen.
Ein Problem, über das ich mir selbst nicht ganz im klaren bin, ist eine eventuelle soziale Absicherung für die Menschen, die als Individuen nicht zurechtkommen. Diese Absicherung würde aber sofort auch die Bequemen anziehen und somit eine Ungerechtigkeit den anderen gegenüber bedeuten. Außerdem wäre das erhebende Gefühl der absoluten Eigenverantwortung verloren, denn ich muss mich ja nicht selbst über Wasser halten. Andererseits würden wir andernfalls dem Naturgesetz der natürlichen Auslese sehr nahe kommen, was eine völlige Verrohung der Menschheit zur Folge hätte.“ .

7) „Der Staat, in dem ich mich wohlfühlen könnte, müsste den Gesellschaftsvertrag zumindest ausprobieren, es müsste die Möglichkeit der Unterredung gegeben sein. Dieses Prinzip muss den absoluten Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben, denn Glück ist auch ohne dauerndes Konsumieren möglich.
Allerdings sehe ich die Gefahr, dass ein Staat von der Größe der Bundesrepublik diese Forderung nicht erfüllen kann. Wegen der Unübersichtlichkeit dieses Staatsgebildes bliebe die Gefahr einer zunehmenden Entfremdung, und eine Identifizierung mit dem Staat wäre schwierig.
Darum halte ich eine Provinzialisierung für dringend notwendig. Das bedeutet, ich stelle mir kleinere Einheiten (Kommunen) vor, in denen sowohl direkte Bezüge zur Politik als auch der Diskurs möglich sind.
Meiner Meinung nach leisten heute die Medien einen entscheidenden Beitrag zur Ohnmächtigkeit der Bevölkerung zu politischen Fragen. Diese Rolle der Medien wäre in einer Kommune von selbst beschränkt, und die Möglichkeit des einzelnen, den einzelnen zur Verantwortung zu ziehen, wäre weitaus größer.
Das Argument, einzelne seien benachteiligt, käme es zu diesem Diskurs, lasse ich nicht gelten, weil die Kultivierung dieses Diskurses das Problem beseitigt.“

8) „Mein Traumstaat müsste erst einmal sehr klein sein, denn sonst wären die nächsten Kriterien, die ich gleich anfügen möchte, nicht erfüllbar. Nehmen wir also an, er umfasst eine Anzahl von 2000 Menschen. Das Gebiet meines Staates wäre in mehrere Gebiete unterteilt, nicht mit Grenzen o.ä., sondern durch Interessengruppen oder praktische Gegebenheiten, wie z.B. Industrie am Fluss wegen des Verkehrsweges. Jedes dieser Gebiete, nehmen wir an, es sind zwölf, haben ein Gebietstreffen, an dem jeder teilnehmen kann, wenn er möchte. Die Termine sind untereinander verschieden und pro Abend werden ein oder maximal zwei Probleme, wenn es welche gibt, besprochen, damit sich jeder auf diese bestimmten Probleme vorbereiten kann, wenn er dazu etwas sagen möchte, außerdem kann er bei der Festlegung des Themas schon sehen, ob es ihn interessiert oder nicht, also ob er hingeht oder nicht.
Die Themen bei diesen Treffen können sowohl nur das Gebiet, als auch den ganzen Staat betreffen. Je nach Größe des Problems bestünde eine Anwesenheitspflicht für diejenigen, die es betrifft.
Wenn es ein Problem des Staates im allgemeinen ist, wird es in der Vollversammlung des Staates diskutiert.
Für den Bereich der Wirtschaft gäbe es zwei verschiedene Versammlungen: die der auswärtigen Wirtschaft und die der Geldverteilung im Staatsinneren mit Fragen zu Steuern etc.
Handel mit Immobilien und Grundstücken wäre per Gesetz verboten. Außerdem würde jeder, der mehrmals durch gewalttätige Ausschreitungen oder durch anderes die Gemeinschaft schädigendes Verhalten auffiel, nach einer Beratung in der zuständigen Versammlung mit letzter Instanz der Vollversammlung des Staates verwiesen. Es würde also nicht viele Gesetze geben, nur so viele, wie notwendig sind, auf einer gewissen Basis über Recht und Unrecht zu diskutieren.
Noch eine weitere Abstufung der Versammlungen würde ich einführen, und zwar die Nachbarnversammlung. Diese würde sich aus einem noch kleineren Kreis zusammensetzen und würde eventuell auftretende Konflikte zwischen Nachbarn lösen .Sie wären auch für ihren Müll und dessen Versorgung primär zuständig, d.h. sie würden ihn sammeln und gemeinsame Komposthaufen etc. anlegen. Der nicht verwertbare Müll würde dann zu einem Platz gebracht, wo er gelagert werden kann. Diesen Platz müsste es in jedem Gebiet geben, damit nicht nur ein Gebiet mit einem riesigen Müllberg belastet ist.
In diesem Staat hätte jeder seine individuelle Freiheit und wäre trotzdem geborgen; nur schade, dass es bislang nur ein mir bekanntes Beispiel für so einen Staat gibt.“

9) „ In dem Staat, in dem ich mich am wohlsten fühlen würde, müssten Geborgenheit und Freiheit, die Möglichkeit, ein Teil zu sein und die Möglichkeit , man selbst zu sein, also Gemeinschaft und Individualität in Einklang stehen.
Ich wünsche mir einen Staat, der übersichtlich ist und in dem es keine Klassengegensätze gibt. Die Menschen sollen frei sein und sich trotzdem nicht fremd werden, sondern ihre sozialen Bedürfnisse befriedigen können. Alle Menschen sollen sich gleich verantwortlich gegenüber ihren Mitmenschen und der Natur fühlen.
Ich denke, es müsste ein Kompromiss zwischen der offenen und der geschlossenen Gesellschaft gefunden werden, da ein Extrem, wie auch schon Kant sagte (der Mensch ist frei und gebunden zugleich) nicht ausreicht.
Das wichtigste für den Staat wäre ein gemeinsamer Wert, der die Gemeinschaft zusammenhält. Dieser Wert dürfte aber nicht von oben diktiert werden (so wie es im Kommunismus gemacht wurde), noch dürfte er durch Mehrheiten festgelegt werden. Der Wert müsste ohne Verfälschung durch den Verstand aus den natürlichen Wünschen der Menschen entstehen. Die Menschen sollen noch Individuen sein dürfen, doch diese Individualität würde in meinem Staat nicht destruktiv werden, da sie auf einem gemeinsamen Lebenssinn aufbaut.
Ich glaube, wenn ich einen Staat gründen könnte, sähe er so aus: Es gibt kleine Kommunen, in denen es keinen Privatbesitz gibt und alle materiell wie sozial gleichgestellt sind. Alle arbeiten für ein gemeinsames Ziel (z.B. Erhalt der Natur) und fühlen sich geborgen. Trotzdem beruht dieses Verhalten nicht auf Sklaverei, sondern die Menschen folgen ihrem natürlichen Willen, diskutieren und werden zum kritischen Denken erzogen. Jedes Jahr wird für die verschiedenen Bereiche (Arbeit, Politik....) ein Vertreter gewählt, der die Übersicht hat und den Kontakt zu den anderen Kommunen herstellt. Dieser ist aber nicht höher gestellt als die restliche Bevölkerung. Alle Menschen helfen sich gegenseitig und nutzen ihre Fähigkeiten zugunsten des Staates. Das Leben ist so ähnlich wie im Kibbuz organisiert, und die Menschen legen nicht mehr einen so großen Wert auf materielle Dinge und Selbstverwirklichung, da sie ihre Erfüllung in der Gemeinschaft finden. Kein Mensch fühlt sich allein, aber jeder hat seine Freiheit und darf seine eigene Meinung haben. In dem Staat würde es keine kleinen Familien geben, sondern alle würden wie früher in einer großen Sippe leben, in der schon die Kinder zu Verantwortung und Selbständigkeit erzogen werden.
Ich weiß zwar, dass es schwer ist, eine Geborgenheit zu schaffen, in der sich keiner eingeengt fühlt, und eine Freiheit, die keiner (zum Kapitalismus) ausnutzt; aber ich denke, dass man alles tun muss, um diese Illusion wenigstens teilweise zu verwirklichen, damit die Gesellschaft nicht noch weiter zerfällt und zur abstrakten Gesellschaft wird, in der es nicht mehr möglich ist, gemeinsame Werte zu finden. Wir müssen endlich einsehen, dass jeder Verantwortung haben muss und wir alle aufeinander angewiesen sind und Rücksicht nehmen müssen (A. Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will“), um die Welt zu erhalten.“

Den Abschluss der Unterrichtseinheit bildete der Besuch eines Politikers, der das Buch Poppers kannte. Ihm stellten die Schüler folgende Fragen:
Warum sollten Ihrer Meinung nach die Menschen in einer offenen Gesellschaft leben?
Halten Sie eine offene Gesellschaft für möglich?
Wo ist die Form der offenen Gesellschaft Ihrer Meinung nach am ehesten realisiert?
Wer übernimmt in der offenen Gesellschaft die Führung?
In welcher Form schlagen sich die Ideen Poppers in der deutschen Verfassung nieder?
Ist der Parteienstaat mit der offenen Gesellschaft vereinbar?
Schließt nicht die in der offenen Gesellschaft vorgesehene Eigenverantwortung eine Delegation von Verantwortung aus?
Wo finden die Menschen in der offenen Gesellschaft Geborgenheit?
Wie kann Ihrer Meinung nach die Anonymität und Vereinzelung in unserer Gesellschaft aufgefangen werden?
Ist das in der idealen Form der offenen Gesellschaft möglich?
Warum hat sich Ihrer Meinung nach die sozialdemokratische Partei von der ursprünglichen Idee der geschlossenen Gesellschaft abgewendet und vertritt jetzt eine offene Gesellschaft?
Halten Sie es für möglich, das Modell Rousseaus auf einen größeren Staat zu übertragen?

Die Diskussion mit dem Politiker konnte dann leider doch nicht stattfinden, da dieser kurzfristig verhindert war.

 

Quellennachweis:
Maeterlinck, Maurice: Das Leben der Bienen, Fischer TB 1953
Muzik. Josef: Der objektive Charakter der Bedürfnisse und Werte des Menschen, in:16.
Weltkongress für Philosophie 1978, Sektionsvorträge

Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Teil 1, UTB 472, München 4. Aufl. 1975
Tillich, Paul: Der Mut zum sein, Stuttgart 1962
Rousseau, Jean Jacques: Die Krisis der Kultur (ausgewählte Werke) Stuttgart (Krömer) 1956

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