Gesine Doernberg: Lukas (1991)


1. Szene (Marktplatz von Ephesus, Lukas und Theophilus)

Theophilus: Schau einmal, Lukas, ist das nicht eine herrliche Bildsäule des Herkules?
Lukas:

(betrachtet die Bildsäule lange) Ja, Theophilus, du hast recht, sie ist schön, aber mir fehlt noch etwas.

Theophilus: Was denn? Ich finde, sie zeigt die männliche Kraft des Herkules in vollkommener Weise.
Lukas: Ja, aber wie ist diese Kraft so geworden? Wie war er als Kind? Welchen Ursprung und welchen Sinn hat sein Dasein? Darüber sagt die Bildsäule nichts.
Theophilus: (lachend) Du bist doch immer noch der Alte! Bei allem und jedem musst du nach Ursprung und Sinn fragen! Sag einmal, hast du es vielleicht deswegen aufgegeben, Rechtswissenschaft zu studieren?
Lukas: (betroffen) So habe ich es noch gar nicht gesehen, aber ich glaube, es stimmt, was du sagst. Die Rechtswissenschaft war mir zu spitzfindig und nicht tiefgründig genug, darum bin ich Arzt geworden.
Theophilus: Und bist du nun zufrieden?
Lukas: Es ist auf jeden Fall besser als die Rechtswissenschaft, aber irgendwie fehlt mir doch noch etwas.
Theophilus: Und das wäre?
Lukas: Ich kann das Leben der Menschen, mit denen ich es in meinem Beruf zu tun habe, nicht als ganzes überblicken. Ich weiß nicht, wie sie als Kind waren und wie sie so geworden sind. Ich weiß nicht, welchen Ursprung und welchen Sinn ihr Dasein hat, und ich weiß auch nicht, wo mein eigener Sinn und Ursprung letzten Endes liegt.
Theophilus: Du bist wirklich unverbesserlich und wirst wohl nie richtig zufrieden sein. Komm, lass uns noch ein bisschen hier auf dem Markt umhergehen und das Volk beobachten.

2. Szene (Marktplatz von Ephesus. Lukas und Theophilus, Leute von Ephesus. Paulus tritt auf mit 2 Jüngern)

Die Jünger: (singend) Halleluja, gelobt sei Jesus Christus!
1. Jünger: Achtung, Achtung, hier kommt Paulus, der christliche Missionar!
2. Jünger: Herbei, herbei, ihr Leute! Paulus will zu euch reden! (Er stellt Paulus eine Kiste hin)
Sara: Wenn Gott dir nicht gesagt hätte, dass wir hierher nach Ägypten fliehen sollen, wären wir umgekommen!
Abraham: Ja, ganz bestimmt. Wir wollen Gott danken.

(Lukas, Theophilus und Leute von Ephesus treten hinzu)

Paulus: (besteigt die Kiste) Ihr Leute von Ephesus, hört mich an! Ich bringe euch etwas, das euch fehlt. Ihr habt hier ein schönes Herkulesdenkmal. Aber habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, welchen Ursprung und Sinn das Dasein dieses Helden hatte?
Lukas: (aufgeregt zu Theophilus) Hast du das gehört? Genau das, was ich eben sagte!
Theophilus: Es ist erstaunlich!
Paulus: Habt ihr überhaupt schon einmal gefragt, welchen Ursprung und Sinn euer eigenes Leben und das eurer Mitmenschen hat? Ja, gefragt habt ihr sicher danach, aber habt ihr auch eine Antwort gefunden?
Theophilus: (zu Lukas) Als ob er Gedanken lesen könnte!
Lukas: Still, ich will hören, was er sagt!
Paulus: Der Ursprung und Sinn allen Lebens liegt in Gott. Gott hat die Welt gemacht mit allem, was darin ist, und er hat die Menschen gemacht, damit sie ihn suchen sollten, das war der Sinn ihres Lebens. Aber viele Menschen haben ihn nicht gesucht, sondern wollten selig werden ohne Gott, und sie haben Böses getan und nicht nach Gottes Willen gelebt. Aber Gott hat sie trotzdem geliebt, und darum wollte er sie von ihrer Schuld erlösen.
Die Jünger: (singend) Halleluja, gelobt sei Jesus Christus!
Paulus: Gott ist selbst ein Mensch geworden mit Namen Jesus Christus, der ist für die Sünden der Menschen gestorben und auferstanden, damit alle Menschen, die an ihn glauben, von ihrer Schuld erlöst werden und das ewige Leben haben.
Die Jünger: (singend) Halleluja, gelobt sei Jesus Christus!
1. Epheser: (zum 2. Epheser) Schon wieder eine neue Heilslehre! Sie wird auch nicht besser sein als die übrigen!
2. Epheser: (zum 1. Epheser) Mich interessiert diese Botschaft. Es könnte etwas daran sein.
Lukas: (zu Paulus) Meister, das hat Gott gemacht, dass du mir begegnet bist! Deine wunderbare Botschaft gibt Antwort auf alle meine Fragen. Nimm mich auf bei deinen Jüngern!
Paulus: So komm mit mir!
Theophilus: Hast du dir das auch gut überlegt, Lukas? Willst du denn dein Haus und deine Stellung aufgeben?
Lukas: Ich muss es tun! Nur so finde ich Ruhe.
Theophilus: So leb wohl!
Lukas: Leb wohl! (folgt Paulus und den Jüngern)

3. Szene (im Haus der Jünger. Lukas, Paulus, die beiden Jünger, Titus)

Paulus: Jesus Christus, für uns gekreuzigt und auferstanden, das ist der Kern des Heils.

Die beiden Jünger, Titus und Lukas:

(singend) Halleluja, gelobt sei Jesus Christus!
Lukas: Aber wo kam er her? Wie war er als Kind? Unter welchen Umständen wurde er geboren? Was war sein Ursprung?
Paulus: Das ist unwichtig! Er ist für uns gekreuzigt und auferstanden, das ist das Entscheidende! (Er geht weg)
1. Jünger: (zu Lukas) Nimm es nicht schwer, er ist manchmal etwas barsch! Was meinst du denn mit deiner Frage?
Lukas:

Ich meine, unser Heiland Jesus Christus muss doch auch geboren sein und Kind gewesen sein. Ist denn darüber gar nichts bezeugt.

2. Jünger: Wir haben nur den Bericht von Markus, und der beginnt erst, als Jesus schon erwachsen war. Und auch die Ältesten unter uns, die ihn noch gekannt haben, haben nichts von seiner Geburt erwähnt.
Lukas: Ach, ich könnte mir ihn viel besser als Mensch vorstellen, wenn ich sein ganzes Leben überblicken könnte! Es ist wirklich traurig, dass niemand etwas von seiner Kindheit weiß.
Titus: (Lukas beiseite nehmend) Ich glaube, ich kann dir helfen. Ich kenne einen sehr alten Mann mit Namen Hieronymus, der hat uns einmal eine seltsame Geschichte erzählt, aber keiner hat ihn ernstgenommen, weil er nur ein armer Hirte war. Wenn du willst, führe ich dich einmal zu ihm.
Lukas: Oh ja, damit würdest du mir einen großen Dienst erweisen!

4. Szene (Titus und Lukas auf dem Weg zu Hieronymus. Sie begegnen Theophilus)

Theophilus: Sei gegrüßt, Lukas, ich freue mich, dich wiederzusehen! Bist du noch bei dem Christenprediger?
Lukas: Ja, ich bin noch bei ihm und bin sehr glücklich dort. Dies ist Titus, einer der Brüder.

(Titus und Theophilus begrüßen sich)

Lukas: (zu Theophilus) Ich bin so froh, dass ich jetzt viel mehr über Sinn und Ursprung des menschlichen Lebens erfahre. Aber ich möchte doch auch so gerne etwas über den Ursprung des Lebens Jesu Christi wissen, auf dessen Tod und Auferstehung der christliche Glaube beruht.
Theophilus: (lachend) Dacht ich mirs doch, dass du nicht aufhören wirst, nach den Ursprüngen zu fragen! Siehst du denn einen Weg zu einer Antwort auf deine Frage?
Lukas: Ja, wir sind gerade auf dem Weg dorthin. Titus kennt einen alten Mann, der angeblich etwas darüber weiß.
Theophilus: Das ist ja interessant! Wenn du etwas erfahren hast, musst du es mir schreiben, versprichst du mir das?
Lukas: Ja, gern, ich verspreche es dir.

(Theophilus ab)

(Lukas und Titus gehen weiter bis zur Tür von Hieronymus’ Hütte. Titus klopft)

Frau: (öffnet die Tür auf einen Spalt) Wer ist da?
Titus: Gelobt sei Jesus Christus!
Frau: (öffnend) Gott sei gelobt, es sind Christen! Hast du es gehört, Hieronymus?
Hieronymus: (langsam von innen) Seid willkommen

5. Szene (Hütte des Hieronymus. Der alte Hieronymus in einem einfachen Lehnstuhl, eine Bank, ein primitives Kreuz an der Wand. Lukas und Titus eintretend, die Frau)

Frau: (auf die Bank deutend) Bitte nehmt Platz.

(Lukas und Titus setzen sich nebeneinander, die Frau bleibt stehen)

Titus: (zu Hieronymus) Verehrter Hieronymus, ich bringe dir hier einen Bruder, der so gern etwas über die Geburt unsres Herrn Jesus Christus wissen möchte. Keiner konnte ihm etwas darüber sagen. Da fiel mir deine Geschichte wieder ein, und ich bitte dich, sie ihm zu erzählen.
Hieronymus: Ihr wolltet sie ja nicht hören, die Geschichte! Jetzt erzähle ich sie nicht mehr.
Lukas: Würdiger Bruder Hieronymus, es ist mein Herzenswunsch, sie zu hören! Du versündigst dich, wenn du ein Wissen mit ins Grab nimmst, das ein Licht auf den Ursprung unsres Herrn Jesus Christus werfen kann.
Hieronymus: Nun gut, so hört zum letzten Mal, was ich als Kind erlebte.

(Die Frau geht leise hinaus)

Hieronymus: Ich verbrachte meine Jugend in Bethlehem im jüdischen Land und war als Hütebube tätig. Wir mussten mit den Hirten nachts draußen auf der Weide bei den Schafen bleiben. In einer dunklen Nacht geschah es: Wir schliefen bei unseren Tieren, als mich mein Nachbar anstieß und nach oben zeigte. Vom ganzen Himmel strahlte ein wunderbares und schreckliches Licht, so dass die Wiese taghell erleuchtet war. Wir warfen uns zu Boden, denn wir dachten, dass das Ende der Welt gekommen sei. Da erschien mitten aus dem Licht heraus eine helle Gestalt.

(Ein Engel tritt in die Hütte)

Lukas: Was ist das?
Titus: Heiliger Gott!

(Sie werfen sich zu Boden. Hieronymus bleibt starr mit aufgerissenen Augen in seinem Stuhl sitzen)

Engel: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist geboren Jesus Christus, der Heiland, in der Stadt Bethlehem. In einem Stall ist er geboren und wurde in eine Krippe gelegt. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!

(Der Engel verschwindet)

Titus: (zu Lukas) Hast du es auch gesehen?
Lukas: Ja, Titus, ich habe es auch gesehen. Komm, lass uns beten!
(Sie knien nieder)  
Lukas: Wir danken dir, Herr Jesus Christus, dass du uns deinen heiligen Engel geschickt hast, damit wir erkennen, dass die Geschichte von Hieronymus wahr ist. Amen.

(Sie setzen sich wieder auf die Bank)

Hieronymus: (zu sich kommend) Wie ist mir? War mir doch, als sähe ich den Engel leibhaftig vor mir! (wendet sich wieder an Lukas) Als wir uns gefasst hatten, machten wir uns auf, das Kind zu suchen. In der Nähe war ein Stall, dort sahen wir ein Licht schimmern. Als wir eintraten, lag eine Frau auf dem Stroh, ein Mann war da und in einer Krippe ein neugeborenes Kindlein, höchstens eine Stunde alt. Wir erzählten den Leuten von der Erscheinung des Engels und beteten das Kind an.
Lukas: (ehrfürchtig) So hast du ihn leibhaftig als neugeborenes Kind gesehen?
Hieronymus: Ja, ,mit diesen Augen. Doch im Jahr darauf zogen wir aus Bethlehem fort, und nach und nach dachte ich nicht mehr an das Erlebnis.
Titus: Und wodurch wurdest du dann wieder daran erinnert?
Hieronymus: Als ich schon lange hier in Ephesus war, traten einmal Wanderprediger auf dem Marktplatz auf, und ich hörte zu. Ich traute meinen Ohren nicht: sie sprachen von Jesus Christus, demselben, dessen Geburt der Engel damals verkündet hatte. Sie erzählten, dass er für die Sünden der Menschen gestorben sei und dass Gott ihn auferweckt habe, damit alle, die an ihn glauben, gerettet würden. Es wunderte mich gar nicht, was die Missionare erzählten, denn ich hatte ja schon von dem Engel gehört, dass er der Heiland aller Menschen sei. So wurden ich und meine Familie Christen.
Lukas: Das ist alles ganz wunderbar und eine große Fügung Gottes! Wie froh bin ich, dass ich jetzt das ganze Leben von Jesus Christus betrachten kann. Denk nur, Titus, so klein und hilflos in der armseligen Krippe im schmutzigen Stall! Wie sehr muss Gott die Menschen geliebt haben, dass er sich so erniedrigte! Weißt du was, Titus? Ich will es nicht nur für Theophilus aufschreiben, sondern für alle Christen, damit die Menschen auch in 2000 Jahren noch diese wunderbare Botschaft lesen können.
Titus: Ja, das sollst du tun.

 

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