Leibniz

Gesine Doernberg: Leibniz in der Schule? Bericht über Versuche, die Monadenlehre im Philosophieunterricht zu behandeln

(Referat auf dem VIII. internationalen Leibnizkongress „Einheit in der Vielfalt“ in Hannover, Juli 2006)

Ziel meiner Ausführungen ist es zu zeigen, in welchem Zusammenhang es möglich sein kann, die Monadenlehre von Leibniz im Philosophieunterricht der gymnasialen Oberstufe zu behandeln und welche Schwierigkeiten dabei auftreten können. Ich beziehe mich dabei auf eigene Erfahrungen, die ich in zwei Kursen gemacht habe.
Die beiden Kurse, die ich vorstellen möchte, wurden 1974 und 1981 im 12. Jahrgang durchgeführt. Da ergibt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Unterrichtsversuche von vor 30 Jahren heute noch zu betrachten, denn die Zeitsituation und die Wissenschaft haben sich seitdem verändert. Aber es ist eine seltsame Sache um philosophische Phänomene: Sie sind, wie mir scheint, zeitbezogen und zeitlos zugleich. Schon dass wir auf diesem Kongress über Leibniz (1646-1716) nachdenken, scheint mir ein Zeichen dafür zu sein, dass philosophische Gedankensansätze immer auch eine gewisse Überzeitlichkeit aufweisen. Ich meine, im Philosophieunterricht der Schule sollten wir versuchen, den Schülern und Schülerinnen gerade diesen nicht zeitgebundenen Aspekt der Philosophie nahe zu bringen, damit sie etwas mitnehmen, das ihnen ihr ganzes Leben und nicht nur die nächsten 5 Jahre eine Hilfe sein kann.

Mit dem ersten Kurs, in dem Leibniz einen Schwerpunkt bildete, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, einige Aspekte der Frage "Wie stehen wir in und zu der Natur?" mit den Schülerinnen und Schülern philosophisch zu bearbeiten. Dabei ging ich von vier unterschiedlichen Möglichkeiten philosophischer Naturbetrachtung aus, die zwar in einer historischen Reihenfolge stehen, aber auch in der Gegenwart für den Einzelnen Bedeutung haben. Es handelt sich um die symbolische, metaphysische, objektive und subjektive Naturbetrachtung.

1. Die symbolische Naturbetrachtung
Diese geht von einer ganzheitlich-mythischen Weltsicht aus. Ernst Cassirer hat in seiner "Philosophie der symbolischen Formen" gezeigt, wie wichtig dieser Aspekt auch für die gegenwärtige Wirklichkeitserfassung des Menschen ist. In meiner Kursbeschreibung nannte ich diese Form der Naturerfassung in Anlehnung an Paul Tillich die "Dimension der Tiefe", weil sie eine starke Affinität zu den Gestaltungskräften des Unbewussten hat. In der Philosophiegeschichte findet sie sich u.a. in den Naturvorstellungen der Vorsokratiker, bei denen die vier Urelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zugleich Ausdrucksprinzipien darstellen, die die Welt und den Menschen durchdringen (z.B. in Form der vier Temperamente). Außerdem wird hier aber auch gefragt nach der Existenz unteilbarer materieller Elementarteilchen, nach den Naturwirkkräften sowie nach Ursprung bzw. Ewigkeit von Bestandteilen der Natur. So ist diese Naturbetrachtung offen für weitere Entwicklungen und bildet die Grundlage für alle folgenden Konzepte.

2. Die metaphysische Naturbetrachtung
Diese Position geht auf Platon zurück, dessen Denkansätze sich später mit der christlichen Philosophie des Mittelalters verbanden. Hier entspringt die philosophische Bestimmung der Natur nicht mehr von unten aus dem Unbewussten der Seele, sondern sie kommt von oben, aus dem Ideenreich bzw. aus der allmächtigen Schöpferkraft Gottes. Deshalb nannte ich in meiner Kursbeschreibung diese Möglichkeit der Naturbetrachtung die "Dimension der Höhe". Hier hat Leibniz seinen Ort. An die Stelle der mythischen Naturauffassung der Vorsokratiker tritt ein abstrakt-begriffliches, in sich schlüssiges philosophisches System der Naturdeutung, das aus der Voraussetzung von Gott als der obersten Monade folgt. Neben der Frage nach unteilbaren geistigen Elementarteilchen steht hier das Problem einer unendlichen Abstufung von Bewusstseinsgraden der Körper im Mittelpunkt. Die Dimension der Höhe ist für den religiös orientierten Menschen auch heute noch aktuell, denn auch ihm erscheint die Welt nur dann sinnvoll, wenn sie als Schöpfung Gottes gesehen wird.

3. Die objektive Naturbetrachtung
Durch die Aufklärung entwickelte sich die Vorstellung, dass der Mensch mittels seiner Erkenntniswerkzeuge die Natur, die ihn affiziert, zu erforschen vermag. Der Wissenschaftler strebt nach Aussagen über die materielle Welt aufgrund von Experimenten und Berechnungen, die von jedem Menschen überall und jederzeit nachvollziehbar sein müssen (empiristisches Sinnkriterium). Psychologische und metaphysische Interpretationen der Ergebnisse werden abgelehnt. Darum nannte ich diese Möglichkeit der Naturbetrachtung "Dimension der Ebene". Der Fortschritt der Wissenschaft ergibt sich durch Verifikation und Falsifikation der Forschungsergeb-nisse (Popper). Dieser Naturbetrachtung ist die Naturwissenschaft heute noch verpflichtet, sie wird auch in der Schule gelehrt, so dass sie den Schülern und Schülerinnen vertraut war und ist. Ein Kollege aus der Physik erläuterte uns den derzeitigen Stand der Forschung in Bezug auf die Qualität der Elementarteilchen.

4. Die subjektive Naturbetrachtung
Diese ist in Ansätzen schon in der aufklärerischen Sichtweise enthalten, denn es ist ja das menschliche Subjekt, von dessen Erkenntniswerkzeugen die Naturerfassung abhängt. Kant unterschied daher noch zwischen dem Ding an sich und dem Ding der Erscheinung - diese Unterscheidung wurde jedoch später als metaphysisch abgelehnt, und die Naturwissenschaft ging mit der Position des kritischen Rationalismus davon aus, dass intersubjektiv nachprüfbare Forschungsergebnisse als objektiv anzusehen seien. Aber es hat sich im Lauf der Entwicklung gezeigt, dass auch die Forderung der Intersubjektivität nicht uneingeschränkt gelten kann. Zum einen gibt es Bereiche der Naturerkenntnis, in denen das empiristische Sinnkriterium nur beschränkt oder gar nicht angewendet werden kann. Außerdem stellt sich das Sprachproblem als hinderlich heraus. Da die Erkenntnisvoraussetzung des individuellen Forschers seine Muttersprache ist, die seine Natursicht prägt, ist schon von daher ein intersubjektives Verständnis von Forschungsergebnissen nur eingeschränkt möglich. (Kontroverse Kuhn - Popper). Schließlich ist Heisenberg bei seinen Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass im Mikrobereich überhaupt keine scharfe Trennung zwischen dem forschenden Subjekt und dem erforschten Objekt stattfindet, da es grundsätzlich nicht möglich ist, die subjektiven Einflüsse ganz auszuschalten. So zeigt sich in unserem Jahrhundert eine Mehrdeutigkeit der Naturerfassung, und ich nannte diese Sichtweise deshalb die "Dimension der Offenheit". Ich versuchte den Schülerinnen und Schülern diese Fragen durch einen Heisenbergtext nahe zu bringen.

Im folgenden werde ich jetzt berichten, wie sich die Phase des Kurses, die sich auf die "metaphysische Naturbetrachtung" bezog und in deren Mittelpunkt Leibniz stand, im einzelnen gestaltete. Zunächst gab ich den Schülern und Schülerinnen einen recht kurzen Auszug aus der Monadologie, der die wichtigsten Aspekte der Leibnizschen Position anriss. Bei der Diskussion bissen sich die Kursteilnehmer sehr schnell an dem Problem der obersten Monade fest. Ich zitiere aus einem Schülerprotokoll:

"Es entspann sich eine Diskussion darüber, ob die Urmonade mit Gott gleichzusetzen sei oder ob sie nur dazu dient, die anderen Monaden zu steuern, da theoretisch jede Monade alles sein kann. Die Meinung, dass die Urmonade nicht gleich Gott sein könne, gründete sich vor allem darauf, dass die Urmonade wie alle anderen Monaden geschaffen sei und auch wieder vernichtet werden könne. Gott aber ist ewig, weder geschaffen noch endbar. Daher könne die Urmonade nicht gleich Gott sein. - Die Argumentation der anderen Seite fußte darauf, dass Gott zwar rein geistig, die Monade aber die materielle Seite Gottes sei. Durch die Rangordnung der Monaden von der höchsten bis zur kleinsten hinab ist gegeben, dass Gott überall und allgegenwärtig ist. In der Urmonade (Gott) spiegelt sich das Weltall. Dieses gilt für alle Zeiten bis in die Ewigkeit. Die Bezugsordnung wird durch das Sein in Gott garantiert."

Um die Diskussion zu vertiefen, gab ich einen Ergänzungstext aus der Monadologie zu dem angesprochenen Problem in den Kurs, dem ich Schlüsselfragen als Wegweiser beifügte. Der Text wurde zunächst in Kleingruppen erarbeitet, die Ergebnisse im Plenum vorgetragen. Die Gruppen hatten teilweise nur die ersten beiden Schlüsselfragen bearbeitet. Hören wir einen Bericht der Gruppenarbeitsergebnisse mit den Worten eines Schülerprotokolls:

"Im Verlauf des Unterrichts bearbeiteten wir den Leibniztext anhand von Leitfragen:
1. Welchen Ansatzpunkt gibt der Text zu dem Problem, ob Gott eine Monade ist?

Unsere Antwort:
Der Text lässt keine direkte Beantwortung dieser Frage zu. Allerdings setzt Leibniz Gott mit der ursprünglichen einfachen Substanz gleich. Da wir nun in der letzten Stunde die Monade mit dem Begriff "einfache Substanz" definierten, können wir annehmen, dass Gott mit einer Monade gleichzusetzen sei.

2. Wie versucht Leibniz die Schöpferkraft Gottes zu erklären?

Auch hier drückt sich Leibniz unserer Meinung nach nicht klar aus. Der Kurs sah aber insofern einen Hinweis auf die
Schöpferkraft Gottes, als die Verbindung der Monaden nur durch die Vermittlerrolle Gottes
möglich sei, d.h. eine Monade könne aus sich heraus nicht verändernd auf eine andere Monade
wirken ohne eine Vermittlertätigkeit Gottes. Eine Schöpferkraft sah der Kurs noch dadurch
gegeben, dass alles zusammengedacht werden könne. Alle Geschehnisse seien vorprogram-
miert. Dieses Festgelegtsein sei auch nicht eingeschränkt durch die Aussage des Textes, nach
dem "jeder Geist in seinem Bereich gleichsam eine kleine Gottheit sei", also die Möglichkeit
hat, nach eigenem Willen zu handeln, was ja das Kennzeichen einer Gottheit ist. Wir meinten
jedoch, dass der Handlungsspielraum der "kleinen Gottheit" eingeschränkt sei, denn sie könne
nur "Proben eigener Systembaukunst" nachahmen und verliere somit das Göttliche."

Eine Gruppe hatte jedoch den ganzen Text gründlich durchgearbeitet und bedacht. Hören wir das Ergebnis der Gruppenarbeit mit den Worten der Schülerinnen und Schüler:

-
Monaden sind Einheiten; sie sind nicht teilbar, haben keine Gestalt und keine Ausdehnung. Diese Eigenschaften einer Einheit hat auch der mathematische Punkt.
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Monaden sind die Elemente der Dinge, die Atome der Natur. Unsere Gruppe bezeichnete sie auch als "materielle Geistteilchen".
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Nur durch eine Urschaffung können Monaden entstehen und nur durch eine Urauflösung verschwinden. Hier Vergleich mit Energie. Energie kann nicht vernichtet werden und nicht entstehen. Materie ist eine Erscheinungsform von Energie und kann in andere Energieformen umgewandelt werden.
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Die Monade ist aus sich selbst heraus also ewig; nur die Dinge, zu denen Monaden zusammengesetzt sind, zerfallen.
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Monaden sind Wesen und in ihrer Wesensart unterscheiden sie sich voneinander, so dass es niemals zwei von derselben Art gibt; sie sind also Individuen.
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Die Monaden bilden durch Anhäufung einen Gegenstand; diese Anhäufung ist aber nur ein vorübergehender Zustand für die Monaden. Indem sie einen Gegenstand bilden, repräsentieren sie die Idee des Gegenstandes. Repräsentation geschieht in Raum und Zeit, ist daher ein vorüber-gehender Zustand. Der vorübergehende Zustand gibt uns eine Vorstellung; es ist uns nur möglich, die Vorstellung wahrzunehmen, nicht die einfache Substanz selbst (Vorstellung = Ding der Erscheinung).
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Jede Monade repräsentiert das gesamte Universum (spiegelt es wider).
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Diese Widerspiegelung ist verschieden deutlich, d.h. es besteht ein qualitativer Unterschied zwischen den Monaden. Niedere Monaden werden dann nur unbewusste Vorstellungen haben, während höheren Bewusstsein inne ist. Wenn man sich die Spiegelung des Universums in der Monade als ihre Seele vorstellt, kann man sagen, sie sind in verschiedenem Grad beseelt.
-
Jeder Körper hat eine herrschende Monade ( = Seele), sie ist die höchste Monade in diesem Körper und hat die meiste Erkenntnis aller Monaden, die in diesem Körper sind, aber natürlich nicht alle Erkenntnis, denn sonst wäre sie eine Gottheit.
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Die Rangordnung schließt nicht aus, dass die Erkenntnis verschiedener Monaden auf einer qualitativ gleichen Ebene liegt.
- Die Urmonade ist vermutlich das auslösende Moment für eine Urschaffung oder Urauflösung der
einfachen Substanzen. Das würde auch bedeuten, dass die Urmonade den Monaden ihr Wesen (Seele) und ihren Standort in dem Ordnungssystem, also ihre Bestimmung eingegeben hat. Alles, was mit ihr geschieht, ist von vornherein in ihr angelegt.

Obwohl nur Einzelaspekte der Lehre von Leibniz in dieser Unterrichtseinheit angerissen werden konnten, war doch durch die Konzentration auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gott und der obersten Monade und die Beziehung auf die "metaphysische Naturbetrachtung" eine gewisse thematische Einheit spürbar, die den Schülern und Schülerinnen eine Einordnung der Leibnizschen Vorstellungen in das Gesamtkonzept des Kurses erleichterte, obwohl noch viele Fragen offen blieben.

Als ich sieben Jahre später wieder einen Kurs anbot, bei dem u.a. Leibniz im Mittelpunkt stand, legte ich den Schwerpunkt nicht auf die verschiedenen Möglichkeiten der Natursicht, sondern diesmal ging es um das Problem von Einheit und Vielheit im Zusammenhang mit Geist und Materie. Der Titel des Kurses lautete "Mensch zwischen Atomen".
Damals Anfang der achtziger Jahre schien es so, als ob sich der das Abendland seit Platon und Descartes beherrschende Dualismus von Geist und Materie zugunsten eines integrativen Monismus auflösen würde. In allen Wissensbereichen waren Ansätze dazu spürbar, von Heisenberg über Portmann, Mandelbrot bis zu Prigogine u.a.. Dabei hatte ich den Eindruck, dass in dieser neuen Welt- und Naturauffassung ähnlich wie beim Modell des sogenannten Welle-Teilchendualismus Geist und Materie als Aspekte ein und desselben Seienden angesehen wurden. In diesem Zusammenhang schien mir die Leibnizsche Vorstellung von Monaden als Kräften oder geistigen Atomen der Dinge bedeutsam.
Mit unterschiedlichen Aspekten zum Problem des Verhältnisses von Geist und Materie während dieser Unterrichtseinheit wollte ich erreichen, dass die Schüler und Schülerinnen Anregungen für die Bewusstmachung und Strukturierung einer eigenen Weltsicht gewinnen könnten. Dieses Anliegen scheint mir heute noch wichtig. Zwar sieht es so aus, als ob in der Philosophie zur Zeit wieder stärker eine materielle Denktendenz, der sogenannte Naturalismus aufkäme, der z.B. freie Willensäußerungen des Menschen auf Nervenimpulse des Gehirns zurückführt. Jedoch könnte aus der zunehmenden Bedeutung ästhetischer Aspekte (Kreativität, Performanz) auch wieder eine Gegenbewegung entstehen. Darum würde ich auch heute noch eine Unterrichtseinheit, wie ich sie seinerzeit durchführte, für sinnvoll halten.
Wie im ersten Kurs ging ich auch diesmal von den ionischen Naturphilosophen aus. Anhand ihrer Texte zeigte sich, dass hier noch keine Trennung zwischen einer Welt der "materiellen" Objekte einerseits und ihrer Sinngebung durch einen ihr gegenüberstehenden "Geist" andererseits stattfindet. Eine erste Differenzierung in einerseits geistige und andererseits materielle Ursprünge der Welt zeigte sich dann für die Schülerinnen und Schüler in der Gegenüberstellung des sogenannten Spiritualismus bei Diogenes aus Apollonia und des sogenannten Materialismus bei Demokrit. Die Position Demokrits als Ausgangspunkt für alle späteren Atomlehren wurde ausführlicher behandelt. Sie wurde durch einen Text E. Schrödin-gers vermittelt, der sie zusammenhängend und in zeitgemäßer Sprache darstellt. Nach der Lektüre wurden die Schüler und Schülerinnen durch einen Kollegen aus der Physik über die wichtigsten Aspekte der modernen Atomlehre informiert und es wurden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Demokrit erarbeitet.
Damit war die Basis für die Behandlung der Leibnizschen Vorstellungen geschaffen. Als Ausgangstext wählte ich einen Auszug aus dem "Neuen System der Natur" von 1714. In diesem Text erzählt Leibniz von seinem persönlichen Verhältnis zur Mathematik bzw. Physik einerseits und Philosophie bzw. Metaphysik andererseits. Leibniz suchte ein Modell der Naturerklärung. Er berichtet, wie er zunächst von dem griechischen Modell der atomaren Struktur der Materie fasziniert war, dann aber erkannte, dass die unendliche Teilbarkeit dieser Bausteine der Natur den Gedanken an ein Ganzes oder eine Einheit unmöglich machte. Deshalb entschloss er sich, ein neues Modell zu entwickeln, welches eine Synthese zwischen der mathematisch-physikalischen Vorstellung der Natur und der metaphysischen Ideenlehre bildete. Als Brücke zwischen der Naturerklärung der beiden Wissenschaften sah er den Begriff der Kraft, der zwar seiner Ansicht nach zur Metaphysik gehört, aber doch physikalisch erschlossen werden kann.
Ich wählte diesen Text als Einstieg, weil sein autobiographischer Stil es den Schülerinnen und Schülern erlaubte, sich stärker mit dem Verfasser als Mensch zu identifizieren, denn sie selbst müssen sich ja in der Schule auch zwischen den ihnen angebotenen natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern einen eigenen Weg suchen.
Nach dieser Hinführung setzte ich dann einen Auszug aus der Monadologie ein, der darstellt, wie Leibniz das Problem der Naturerfassung zu lösen versucht. Es war der gleiche Text, den ich sieben Jahre vorher in dem anderen Kurs benutzt hatte. Ich versuchte den Zugang durch die Formulierung von Schlüsselfragen zu erleichtern, von denen aber nachher nur wenige bearbeitet werden konnten.
Wir begannen mit der Frage: "Wie ist es nach Leibniz erklärbar, dass ein Ganzes mehr ist als die Summe seiner Teile?" Den Ausgangspunkt der Diskussion bildete die Feststellung von Leibniz, " dass jeder lebendige Körper eine herrschende Monade hat, aber die Glieder dieses Körpers sind selbst wieder voll von anderen Lebewesen, Pflanzen und Tieren, deren jedes wiederum seine eigene Monade hat." Im Kurs wurde die Frage gestellt, ob man eine Monade in kleine Monaden aufteilen könne. Hören wir hierzu einen Auszug aus einem Schülerprotokoll:

"Wenn man einen Finger als Teil des Körpers ansieht, hat der Finger keine Monade, aber betrachtet man ihn als vom Körper losgelöst, also als Ganzes (Einheit), so hat er eine Monade. Das heißt, dass eine Monade nicht aus Teilen oder Teilmonaden zusammengesetzt sein kann, die Schwierigkeit liegt hier nur in den verschiedenen Betrachtungsweisen.
Weitere, aus der Diskussion entstandene Fragen waren:

a.
Kann man Monaden zerstören?
Eine Monade kann man nicht teilen und auch nicht zerstören. Dazu ein Beispiel: Ein Haus ist zerstört worden und da, wo es einmal stand, liegen nur noch Trümmer. Die Monade dieses Hauses ist nicht tot. Sie lebt in den Monaden, die das Haus noch als Ganzes gekannt haben, weiter, also ist sie auch nicht zerstört. Auch wird alles, was im Universum geschieht und existiert, von einer göttlichen Monade widergespiegelt und diese Erinnerung wird niemals zerstört.
b.
Entstehen bei Veränderungen von Individuen und Substanzen ganz neue Monaden, oder verändern sich die alten Monaden mit?
Bei der Diskussion fragten sich einige von uns, ob sich, wenn man bei einem Unfall ein Körperteil verliert oder auch nur morgens beim Kämmen einige Haare, die eigene Monade verändert. Das wurde anschließend bejaht, denn die Monade kennzeichnet und spiegelt den gegenwärtigen Zustand der Materie, der sie innewohnt. Dieser Punkt wurde jedoch nicht ganz geklärt.
c.
Entstehen, wenn man eine Apfelsine in zwei Teile teilt, für die jeweiligen Hälften zwei neue Monaden?
Es kommt ganz auf den Standpunkt an, von dem aus man die zwei Hälften der Apfelsine betrachtet. Sieht man jede der beiden Hälften als ein Ganzes (Einheit) an, dann hat jede Hälfte eine eigene Monade. Wenn man sie aber als Teil(e) einer ganzen Apfelsine ansieht, dann hat keine Hälfte eine Monade. Die Hälfte einer Apfelsine als Ganzes anzusehen, wird uns auch durch den Sprachgebrauch erschwert. Wenn wir ein spezielles Wort für Apfelsinenhälften hätten, würde uns das leichter fallen. In der Diskussion ist auch ein Beispiel dafür gekommen. Wir können uns einen Baum mit Blättern als eine Einheit vorstellen, und genauso ein einzelnes Blatt, das vom Baum
gefallen ist. Das können wir nur deshalb, weil wir ein eigenes Wort für den Gegenstand "Blatt" haben. Hätten wir dieses Wort nicht, wäre uns diese Vorstellung schwer gefallen. Damit spiegeln auch die Monaden verschiedener Menschen aus anderen Sprachräumen andere Weltbilder wider."

In der darauffolgenden Stunde wurde das Protokoll verlesen. Es zeigte sich, dass Aspekte offen geblieben bzw. nicht von allen Kursteilnehmern erfasst und durchdacht waren. Hören wir Auszüge aus dem nächsten Protokoll:

"Wenn man einen Gegenstand zerstört, zerstört man dann auch dessen Monade? Diese Frage wurde von uns verneint, da eine Monade unteilbar und demnach auch unzerstörbar ist. Jemand äußerte den Gedanken, dass die Monade des zerstörten Gegenstandes dann im Universum herumfliegt und sich einen neuen Körper zur Verwirklichung suchen würde. Diese Vorstellung wurde jedoch abgelehnt, da hier die Monade als etwas Materielles angesehen wird. Wir einigten uns darauf, dass die Monade im Spiegel der anderen Monaden, zumindest der göttlichen weiterlebt."

Insgesamt musste ich in dieser Unterrichtseinheit sehr viel Struktur in Form von Arbeitsblättern und Zusammenfassungen setzen. Eines dieser Blätter trug den Titel: "Versuch einer Erleichterung des Zugangs zu den Gedanken von Leibniz", wodurch schon klar wird, dass hier Schwierigkeiten aufgetreten waren.

Woran liegt es nun aber, dass die Schülerinnen und Schüler des zweiten Kurses, obwohl sie ganz offensichtlich von den Leibnizschen Vorstellungen fasziniert waren, größere Schwierigkeiten hatten als die Teilnehmer des ersten Kurses? Ich meine, es liegt an dem Themenschwerpunkt, den ich jeweils nahebringen wollte. In dem ersten Kurs ging es um die "Dimension der Höhe", um die metaphysische Naturbetrachtung, und es wurde ja auch schwerpunktmäßig das Problem der obersten Monade diskutiert. Auf diese Weise konnten diejenigen Schüler und Schülerinnen, die noch religiöse Wertvorstellungen hatten, die Leibnizschen Gedanken in ihre eigene Glaubenswelt integrieren, und die übrigen konnten sie als interessante Dokumentation spätscholastischer Philosophie akzeptieren.

Beim zweiten Kurs aber hatte ich den Ehrgeiz, das Leibnizsche Modell gerade in Beziehung zu jener Sichtweise zu behandeln, die ich im ersten Kurs die "Dimension der Offenheit" genannt hatte. Jahrtausendelang war das abendländische philosophische und später christliche Denken durch den Gegensatz von Geist und Materie bestimmt, wobei je nach Hintergrundmetaphysik eines von beiden als dominant angesehen wurde. Unser gesamtes Sprachdenken hat sich im Sinne dieses Dualismus entwickelt. Es handelt sich also um eine echte Denkrevolution, wenn die Wissenschaftler und Philosophen in unserer Zeit zu der Annahme kommen, dass Geist und Materie als zwei Aspekte desselben Seins angesehen werden können oder müssen, dass also ein und das gleiche Phänomen zugleich sich selbst und sein Gegenteil repräsentieren kann. Hier hatte in diesem Kurs die Leibnizsche Vorstellung einer Doppelnatur der Monaden als geistiger Atome der Dinge ihren Platz als ein Modell, das die Gegensätze in einer einzigen Denkfigur umgreift. Es ist klar, dass solche scheinbaren Paradoxien, die schon uns Erwachsene irritieren, gerade Heranwachsenden, die nach festen Stützen für ihr Weltbild suchen, Schwierigkeiten bereiten müssen.

 

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