Lebenskunst
Gesine Doernberg: Philosophie der Lebenskunst

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema „Die Frage nach dem richtigen Handeln“ anlässlich der Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 2002)

Zur Zeit ist in der philosophischen Diskussion öfter von Philosophie der Lebenskunst die Rede. Bevor ich Ihnen diese Richtung konkreter vorstelle, möchte ich versuchen, sie in einen Zusammenhang zu bringen mit den ethischen Konzepten, die wir in dieser Woche kennen gelernt haben.
Ich möchte dabei vom Kantschen System ausgehen, weil, wie ich auch neulich deutlich zu machen suchte, sich eigentlich alle zeitgenössischen Ethiker in unterschiedlicher Weise auf Kant berufen.

Wir erinnern uns an Kants Unterscheidung hypothetischer und kategorischer Imperative. Dem kategorischen Imperativ ist die deontologische Ethik zugeordnet, auch die christliche Ethik gehört hierher.
Die hypothetischen Imperative gebieten, dass man das situative Umfeld der Handlung berücksichtigen muß. Die auf ihnen aufgebauten Ethiken werden konsequentialistisch oder teleologisch genannt. Nach Kant lassen sich die hypothetischen Imperative in zwei Gruppen unterteilen:

Die größte Gruppe sind die Imperative der Geschicklichkeit, hier geht es um die Frage, welche Handlung in der gegenwärtigen Situation die wünschenswertesten Ergebnisse bringt. Heute bezeichnet man die Ethik, die diesen Schwerpunkt hat, als utilitaristisch.

Die zweite Gruppe der hypothetischen Imperative umfasst nur einen Imperativ,
den Imperativ der Klugheit, und ist gerichtet auf das Ziel des individuellen Glücks. Dieser Zweig der Ethik, der mit der antiken Tugendlehre zusammenhängt, hat längere Zeit in der philosophischen Betrachtung kaum eine Rolle gespielt - es gab nur zwei Hauptrichtungen der Ethik, deontologische und utilitaristische Systeme. In letzter Zeit aber tritt eine Richtung der Ethik stärker in den Vordergrund, deren Imperative Kant treffend „Ratschläge der Klugheit" nennt. Sie setzt sich ab nicht nur von der unbedingten Herrschaft kategorischer Prinzipien, sondern auch von den Kalkulationen des Utilitarismus. Klugheitsethiken gehen aus vom Glücksstreben des Einzelnen - Begriffe wie Lebensqualität oder Tugend werden wieder wichtig.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Philosophie der Lebenskunst, über die ich Ihnen jetzt einen Überblick geben möchte.

Die umfassendste Darstellung der Philosophie der Lebenskunst stammt von Wilhelm Schmid (geb. 1953), der sie im Laufe seiner Erfurter Dozentenzeit entwickelte und seine Ergebnisse in dem Buch „Philosophie der Lebenskunst“ (Suhrkamp 1998) zu Papier brachte. Wie groß das Interesse an dem Thema ist, zeigt die Tatsache, dass das Buch im Jahr 2000 schon seine 6. Auflage erlebte und dass Wilhelm Schmid bundesweit zu Seminaren über dieses Thema eingeladen wird, so auch im vorigen Jahr nach Loccum. Auch die Fachzeitschrift „Information Philosophie“ widmete im vorigen Jahr ein Heft dem Bereich „Philosophie der Lebenskunst“. Worin liegt nun die Faszination an diesem Thema, und was ist unter Philosophie der Lebenskunst zu verstehen?

Viele Menschen suchen Hilfe für ihr Leben. Psychologische und pseudopsychologische Angebote haben starken Zulauf, doch Therapien sind teuer, haben lange Wartezeiten und wenden sich zudem schwerpunktmäßig an Personen mit besonderen psychischen Problemen. Aber auch ganz normale Menschen brauchen Hilfe zur Lebensführung. Früher hat die Kirche diese Aufgabe übernommen, sie hat Werteerziehung und den Umgang mit Grenzsituationen gelehrt. Heute ist die religiöse Bindung vielerorts locker geworden oder nicht mehr vorhanden, besonders in den neuen Bundesländern. Wilhelm Schmid charakterisiert die Situation des modernen Menschen durch die Begriffe „Moderne“, „Postmoderne“ und „zweite Moderne“ bzw. „andere Moderne“ und folgt damit der oft vertretenen These, dass die Befreiung des modernen Menschen durch die Aufklärung in der Postmoderne zu einer Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit geführt habe. Diese Orientierungslosigkeit soll die Philosophie der Lebenskunst nach Schmid durch den Übergang in eine „andere Moderne“ überwinden. Nach Psychologie und Religion soll nun also die Philosophie den Menschen zu einer sinnvollen Lebensführung helfen. Dass dies ihre Aufgabe sei, war in der Fachphilosophie nicht immer selbstverständlich; lange Zeit rümpften die Fachphilosophen die Nase, wenn von Philosophie als Lebenshilfe die Rede war, weil dieser Anspruch zu viele logisch und empirisch nicht erfassbare Unwägbarkeiten enthielt. Erst durch die Bewegung der „Philosophischen Praxis“ wendete sich auch die Fachphilosophie wieder konkreten Lebensfragen zu. Dagegen hat der Philosophieunterricht in der Schule ebenso wie der Werte- und Normenunterricht immer schon das Ziel gehabt, Lebenshilfe zu sein.

Drei Aspekte sind es, die Schmids Gedanken für die breite Öffentlichkeit so attraktiv machen:
dass er die Bewältigung des Lebens als Kunst bezeichnet,
dass er auf metaphysische Voraussetzungen verzichtet, und
dass er bei seinen ethischen Grundsätzen immer vom Individuum und seinen Bedürfnissen ausgeht.

Leben als Kunst - das impliziert zum einen, dass es wie andere Künste lehr- und lernbar ist. Zum anderen enthält dieser Ausdruck einen ästhetischen Aspekt, der das Leben als etwas zu Gestaltendes auffasst, das bei Gelingen schön und harmonisch und in seinen Teilen stimmig ist. Diese Vorstellung ist sehr faszinierend.

Verzicht auf Metaphysik: Die Metaphysik wird von Schmid zwar als die einstige Königsdisziplin der Philosophie angesehen, kann jedoch seiner Meinung nach heute keine Rolle mehr spielen. Die metaphysischen Elemente der marxistischen Philosophie sind mit der Wende überwunden, und religiöse Inhalte haben nach Meinung Schmids in den Schulen nur noch als historische Phänomene oder als Warnung vor esoterischen Sekten einen Platz. Schmid propagiert daher auch das in Brandenburg eingeführte Konzept des LER-Unterrichts. Der Verzicht auf Metaphysik hat zur Folge, dass die Ethik auf die Definition eines obersten Gutes oder absoluter Prinzipien verzichtet und Handlungen stets bezogen auf ihre Nützlichkeit in der konkreten Situation beurteilt. Dieser Ansatz ist übrigens wie die meisten Aspekte des Schmidschen Systems keineswegs originell - seine große Wirkung erklärt sich vielmehr aus der besonderen Kombination und der verständlichen Formulierung der Gedanken.

Ausgehen vom Individuum und seinen Bedürfnissen
Das oberste Ziel einer Philosophie der Lebenskunst ist, dass es mir gut geht. Damit erleichtert die Philosophie der Lebenskunst es dem Menschen, sich ihren Forderungen zu öffnen, indem sie im Gegensatz zu den meisten Ethiken nichts anderes zu fordern scheint, als jeder ohnehin schon will. Sie bietet dem Menschen scheinbar eine Rechtfertigung zu einem egoistischen und lustbetonten Leben und gibt ihm so zunächst das Bewusstsein, dass er sich keinen Stress machen muss. Auch mit diesem Ansatz liegt Schmid voll im Trend, wie die Schlagworte „Nimm dich, wie du bist“ und „Spaßgesellschaft“ zeigen.
Aber nachdem er nun die Menschen neugierig gemacht hat, zeigt er - ähnlich wie seinerzeit Epikur - , dass es eben auch bei dem Spaß nicht ohne Anstrengung und Verzicht geht. „Klugheit der Wahl“ und „Sorge um sich“ sind die Schlüsselbegriffe des vorgestellten Lebensrezepts, wobei betont wird, dass beide Begriffe aus der Philosophiegeschichte entlehnt sind.

a Klugheit der Wahl
Das Problem des postmodernen Menschen besteht nach Schmid darin, dass erdauernd wählen muss, aber nicht gelernt hat, worauf es dabei ankommt, d.h. dass ihm die Klugheit fehlt, die eine Wahl zum Erfolg führt. Zur erfolgreichen Wahl gehört die richtige Wahrnehmung, die Urteilsbildung sowie die Entschei-
dung für Kriterien, Ziele und Werte. So kommt es denn am Ende heraus, dass
die kluge Wahl gerade nicht ein egoistisches und lustbetontes Leben nahelegt,
sondern ein solches der Mäßigung, der Solidarität mit anderen Menschen und
der Rücksicht auf die Umwelt - wie es schon seit eh und je alle Ethiken
gefordert haben.

b Ähnliches gilt für den Begriff der Sorge um sich. Diese knüpft nach Schmid
das Netz der Gewohnheiten, welche die spontanen Lüste in Schach halten, sie
beschäftigt sich mit dem Schmerz und mit dem Problem des Todes. Hier
versucht Schmid seinen Lesern die Technik des Gebrauchs der Zeit und die
Gelassenheit im Umgang mit den Widerwärtigkeiten des Lebens zu vermitteln,
wobei er auf Erkenntnisse der Stoa zurückgreift.

Insgesamt kann man sagen, dass der Autor eine Unmenge von Informationen verarbeitet hat, dass es ihm jedoch meiner Ansicht nach nicht überall gelungen ist, diese zu integrieren. Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck, dass das Buch mit heißer Nadel gestrickt ist. Gelungene und sorgfältig strukturierte Analysen wechseln mit Textstellen von beinah peinlicher Banalität. Trotzdem sollte man es aber zur Kenntnis nehmen, schon wegen seiner großen Popularität.

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