Gesine Doernberg: „Krippenspiel“ 1981


1. Szene: Maria sitzt auf einem Stuhl (Flöten: “Maria durch ein’ Dornwald ging“)

(Es klopft)

Maria: Es klopft. Wer kann das sein? (geht und guckt durch die Türritze) Ein fremder Mann. Was will er von mir? Schade, dass Joseph nicht da ist. (Sie öffnet vorsichtig, bleibt wartend stehen.)
Fremder:

Bist du Maria?

Maria: Ja, was willst du von mir?
Fremder:

(kniet vor ihr nieder. Während seiner Rede weicht Maria immer weiter zurück) Du bist die glücklichste Frau auf der ganzen Welt. Du wirst ein Kind bekommen. Das Kind, das du bekommen wirst, ist ein heiliges Kind. Gott sagt: „Dieses Kind ist mein lieber Sohn. Es soll die Menschen froh machen“ Du sollst es Jesus nennen.(Er steht auf. Im Weggehen hebt er die Hand): Sei gesegnet!

Maria: (aus ihrer Bestürzung erwachend, hinter ihm herlaufend): Halt, halt! Wer bist du? (Pause) Ach, er ist verschwunden. (langsam zurückkommend): Was hat er gesagt? Ich bekomme ein Kind? Mein Kind wird heilig sein? (Schritte draußen) Ach, da kommt Joseph. Das muss ich ihm gleich erzählen.
Joseph: (kommt herein): Du, Maria, ich muss dir eine großen Neuigkeit erzählen.
Maria: Nein, erst will ich dir eine große Neuigkeit erzählen!
Joseph: Wir müssen hier weg.
Maria: Was??
Joseph: Ja, der Kaiser Augustus hat befohlen, dass alle Leute in die Stadt gehen müssen, wo ihre Familie früher gewohnt hat. Da müssen wir nach Bethlehem.
Maria: Aber das geht doch gar nicht, ich erwarte doch das göttliche Kind!
Joseph: Was??
Maria: Ja, denk dir, es war ein Mann hier, der hat gesagt, ich würde ein Kind bekommen, und das Kind wäre heilig und würde alle Menschen froh machen, und ich sollte es Jesus nennen.
Joseph: Was sagst du da? Du bekommst ein Kind?
Maria: So hat es der Fremde gesagt. Und das Kind wäre heilig.
Joseph: Das finde ich ja allerhand. Wenn ich diesen Fremden erwische, kann er was erleben! Und dich kann man auch nicht fünf Minuten alleinlassen, dann fällst du gleich auf den erstbesten Betrüger herein! Ein heiliges Kind! Dass ich nicht lache! Wer war denn der Kerl? Hast du ihm vielleicht auch noch Geld gegeben?
Maria: Nein, er wollte auch gar nichts. Ich glaube, es war ein Engel.
Joseph: Ein Engel! Das glaubst du doch wohl selber nicht! Ein schöner Engel wird das gewesen sein. Außerdem habe ich noch nie einen Engel gesehen. Das ist ja eine schöne Geschichte (geht brummend ab): Ein Engel! Wenn ich so was schon höre.

2. Szene (Nachts. Joseph schläft. Ein Engel tritt zu ihm)

Engel: Joseph!
Joseph: Hier bin ich.
Engel: Du musst Maria gut beschützen. Sie wird ein Kind bekommen. Das Kind, das sie bekommen wird, ist ein heiliges Kind. Gott sagt:“ Dieses Kind ist mein lieber Sohn. Es soll die Menschen froh machen.“ Ihr sollt es Jesus nennen.
Joseph: Bist du ein Engel?
Engel: (im Weggehen): Ja, ich komme von Gott.

3. Szene: (Joseph und Maria unterwegs)

Joseph: Du, ich glaube, es gibt doch Engel.
Maria: Wie kommst du darauf?
Joseph: In der Nacht vor unsrer Abreise habe ich einen gesehen. Er hat mir dasselbe gesagt wie dir. Ich sollte dich gut beschützen.
Maria: Hoffentlich schadet diese anstrengende Reise dem Kind nichts.
Joseph: Wir sind ja bald da.
Maria: Ich bin ziemlich müde.
Joseph: Es ist nicht mehr weit. Dort in dem Gasthaus kannst du dich ausruhen.

(Sie gehen hin und Joseph klopft an die Tür)

Wirt: (öffnet)

Joseph:

Könnten wir hier wohl ein Zimmer bekommen? Wir sind von Nazareth hergereist, und meine Frau ist sehr müde und erwartet ein Baby.
Wirt: Es tut mir sehr leid, aber wir haben keine Zimmer mehr. Ihr werdet auch in den anderen Gasthäusern nichts mehr bekommen. Durch den Befehl des Kaisers sind so viele Leute unterwegs, dass alles überfüllt ist.
Joseph: Das ist aber schlimm. Hast du nicht irgend einen Vorschlag, wo meine Frau sich ausruhen kann?
Wirt: Ihr könntet höchstens einmal versuchen, ob in dem Stall dort drüben noch ein warmes Plätzchen ist. Sonst kann ich euch leider gar nicht helfen
Joseph: Ein Stall! Schämst du dich gar nicht, uns so etwas anzubieten?
Maria: Ach, Joseph, lass uns bloß schnell zu dem Stall gehen, es ist doch wenigstens etwas.
Joseph: Nun gut, Maria, so wollen wir zu dem Stall gehen, damit du dich hinlegen kannst.

4. Szene: (3 Hirten auf dem Felde lagernd)

1. Hirte: Die Nacht ist still.

2. Hirte:

Nur ganz in der Ferne hört man die Hunde von Bethlehem bellen.
3. Hirte: In dieser Woche ist in Bethlehem ziemlich viel los.
1. Hirte: Ja, es sind viele Fremde in der Stadt.
2. Hirte: Der Befehl des Kaisers ist daran schuld.
3. Hirte: Nun sind wir sowieso schon so arm dass wir nicht einmal genug zu essen haben, und doch will der Kaiser noch immer mehr Geld von uns haben.
1. Hirte: Ja, es sind schlimme Zeiten.
3. Hirte: Und immer muss man Angst haben, dass es Krieg gibt.
1. Hirte: Wenn uns doch jemand helfen würde!
2. Hirte: In der Stadt erzählen sie, dass bald ein heiliges Kind geboren werden soll, das die Menschen wieder froh machen wird.
3. Hirte: Ja, der Pfarrer hat das auch gesagt, er hat es in Gottes Buch gelesen.
1. Hirte: Das ist doch nur leeres Gerede. Ich glaube nicht, dass es besser mit uns wird.
3. Hirte: Ich glaube es eigentlich auch nicht. Gott hat uns wohl verlassen.
2. Hirte: Wie kannst du das sagen? Gott verlässt uns nicht!
1. Hirte: Hört auf zu streiten! Lass uns lieber aufpassen, dass die paar Schafe, die wir noch haben, nicht noch vom Wolf gefressen werden.
3. Hirte: Die Nacht ist zu still für Wölfe.
1. Hirte: Es ist auch so seltsam hell.
2. Hirte: Seht nur! Da drüben kommt ein Licht auf uns zu!
3. Hirte: Es wird immer heller!
1. Hirte: Was ist das? Ich habe Angst!
2. Hirte: Ich sehe einen Engel! (wirft sich zu Boden, die beiden anderen machen es genauso)
Engel: Fürchtet euch nicht. Ich bringe euch eine große Freude, eine Freude für alle Menschen. Hier in Bethlehem ist heute ein heiliges Kind geboren. Es heißt Jesus Christus und wird euch helfen. Es kommt von Gott, und wer es ansieht, der wird wieder froh. Es liegt in einem Stall in einer Futterkrippe.
Viele Engel: (kommen von allen Seiten) Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

(Engel verschwinden)

1. Hirte: Was war das?
3. Hirte: Habt ihr es auch gesehen?
2. Hirte: Das waren Engel!
1. Hirte: Meinst du?
2. Hirte: Gott hat uns nicht verlassen.
1. Hirte: Was hat er gesagt? Ein heiliges Kind ist geboren?
3. Hirte: In einem Stall! Wenn das nur kein Schwindel ist! So ein Kind gehört doch in ein Königsschloss!
2. Hirte: Gott wird schon wissen, warum er ihm eine Futterkrippe statt einer goldenen Wiege gibt. Kommt, wir wollen es suchen. Ich kann es gar nicht erwarten, bis ich es sehen kann. Wer es ansieht, der wird froh, hat der Engel gesagt. Ich freue mich schon so darauf.
1. Hirte: Und die Schafe? Wir können doch nicht einfach so weglaufen?
3. Hirte: Wir sperren sie ein und lassen die Hunde da, dann passiert nichts. Ich bin doch sehr neugierig, ob an der ganzen Sache etwas dran ist.
2. Hirte: Ja, macht bloß schnell, ich bin ja so ungeduldig.

5. Szene: (Maria und Joseph mit dem Kind im Stall)

Maria: Ach Joseph, ich bin ja so froh! Findest du nicht auch, dass ich ein ganz wunderbares Kind zur Welt gebracht habe? Wenn ich es ansehe, kann ich nicht mehr traurig sein.
Joseph: Ja, es ist wirklich wunderbar. Eigentlich sind wir doch noch genau so arm wie vorher, und hier in dem zugigen Stall ist es doch wirklich nicht besonders gemütlich, aber wenn ich Jesus ansehe, fühle ich mich froh und frei. Ich habe das Gefühl, als müsste ich alle Menschen lieb haben.
Maria: Ja, mir geht es genauso und dann fühle ich mich so leicht, weil ich kein schlechtes Gewissen mehr habe wegen der Sachen, die ich manchmal falsch gemacht habe. Ich könnte die ganze Welt umarmen, so froh bin ich.
Joseph: Ich verstehe gar nicht, warum wir uns so über den Wirt geärgert haben, der kein Zimmer mehr hatte. Er konnte doch wirklich nichts dafür!
Maria: Da hast du recht, wir wollen so bald wie möglich hingehen und uns bei ihm entschuldigen und ihm das Kind zeigen.
Joseph: Ja, das wollen wir tun.
Maria: Horch, ich höre Schritte. Früher hätte ich Angst gehabt, aber jetzt bin ich so froh, ich kann gar keine Angst haben. Es ist bestimmt ein lieber Mensch, der uns besuchen will.
Joseph: Das glaube ich auch (geht zur Tür) Kommt nur herein ihr lieben Männer. Wir haben hier eine große Freude. Seht nur dieses wunderbare Kind, das Maria geboren hat! Es macht alle Menschen froh.
2. Hirte: Da ist es! Es liegt in einer Krippe, wie der Engel gesagt hat. (Er betrachtet es, sinkt langsam auf die Knie. Die anderen Hirten kommen herein, betrachten es erst im Stehen, dann knien sie auch) (Musik)

6. Szene: (Die 3 Hirten)

1. Hirte: Es ist ein Wunder, ein richtiges Wunder!
2. Hirte: Gott ist groß. Er hat uns nicht verlassen.
3. Hirte: Kommt, wir wollen es allen Leuten erzählen!
1. Hirte: Da kommt schon jemand, dem wir es erzählen können.
Heutiger Mensch: (kommt langsam auf sie zu, in seinem Notizkalender lesend) 24 Dezember.(aktuelles Jahr einfügen): Weihnachtsbaum aufstellen. Geschenk für Tante Lotti abholen. Abends (aktuelle Uhrzeit einfügen) Weihnachtsgottesdienst.
2. Hirte: Hallo, du, wir müssen dir was erzählen!
Heutiger Mensch: (für sich) Die sind bestimmt betrunken oder nicht ganz richtig im Kopf, ich will sehen, dass ich wegkomme (will schnell vorbeigehen).
3. Hirte: (ihn festhaltend, laut) Du Armer, du bist wohl taub, bleib stehen, wir haben eine ganz wunderbare Nachricht für dich!
Heutiger Mensch: (sich hilfesuchend umsehend, leise) O Schreck, jetzt kriegt der Kerl auch noch einen Anfall! Ist denn niemand Normales in der Nähe? (zu dem Hirten:) Schon gut, schon gut, beruhige dich nur, mein Guter. Die Zeiten sind ja wirklich schlimm heute, immer muss man Angst haben, dass es Krieg gibt, da kann ich schon verstehen, wenn jemand mal ein bisschen über den Durst trinkt.
3. Hirte: Jesus ist geboren, der Christus, der uns alle froh macht!
Heutiger Mensch: Ja, ja, ich weiß, aber jetzt lass mich los, ich habe nicht so viel Zeit wie ihr, ich muss noch den Weihnachtsbaum für die Kinder schmücken und die letzten Geschenke kaufen.
3. Hirte: (ihn loslassend) Wovon redest du eigentlich? Wir verstehen dich nicht.
2. Hirte: Hast du nicht gehört, was wir dir für eine große Freude sagen wollen? Denk doch nur, Jesus ist geboren; wenn man ihn ansieht, wird man froh, er wird uns aus aller Angst helfen.
Heutiger Mensch: Ich kann euch leider nicht zuhören, Freunde, ich habe es wirklich eilig. Also macht’s gut und frohe Weihnachten allerseits. (ab)

(Die Hirten sehen ihm köpfschüttelnd nach)

 

 

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