Kant
Gesine Doernberg: Der Kategorische Imperativ Kants

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema „Die Frage nach dem richtigen Handeln“ (Ethik) anlässlich der Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 1999)


Was ich Ihnen heute vortragen möchte, wird die Grundlage bilden zu den meisten weiteren Referaten dieser Woche. Die Thematik ist schwierig und vielseitig.
Den Ausgangspunkt der Theorie des Kategorischen Imperativs bildet das Problem der Kausalität, das ich Ihnen in meinem Referat zu Aristoteles in der ersten Woche dieser Maßnahme erläutert hatte. Sie erinnern sich: Jedes Ereignis hat seinen Grund in den ihm zeitlich vorausgehenden kausalen Ursachen und bekommt seinen Sinn durch den finalen Zweck, der ihm gesetzt ist. Wie für Aristoteles liegt auch für Kant der Daseinszweck jedes Lebewesens und besonders jedes Menschen in ihm selbst, so dass er in seiner Individualität einen Wert an sich darstellt. Diese Individualität, dieses Wesen des Einzelnen ist durch Zergliederung in seine kausalen Bestandteile nicht erfassbar, weil, wie Aristoteles sagt, das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Nun kann aber jedes Ganze wiederum Teil eines anderen Ganzen sein, so dass es stets auf den Blickpunkt ankommt, ob ich etwas als Ganzes, als einzigartiges Wesen, Substanz, Entelechie usw. oder als Teil, als einem anderen dienend, funktional, ohne eigenen Wert, sondern seinen Wert durch die Funktion im Ganzen erhaltend auffasse.

Nehmen wir z.B. dieses Blatt. Betrachte ich es als Ganzes, so nehme ich es in seiner Einzigartigkeit um seiner selbst willen wahr, ich freue mich an seiner besonderen Färbung, Form und an der Schönheit, die in ihm selbst liegt. In der Kunst ist solche Betrachtungsweise oft anzutreffen. Hier wird also das Blatt nicht bewundert, weil es wichtig für den Baum ist, dessen Teil es ist, sondern um des Wertes willen, den es an sich selbst hat, als „Zweck an sich“, wie Kant sagt. Betrachte ich das Blatt dagegen als Teil des Baumes, so bewundere ich es als Mittel zu einem übergeordneten Zweck.
Dieser Doppelaspekt jedes Gegenstandes und Ereignisses als Ganzes oder Zweck und als Teil oder Mittel spielt auch bei Kant eine zentrale Rolle und hat, wie wir gleich sehen werden, unmittelbar etwas mit dem Kausalitätsproblem zu tun. Betrachte ich nämlich das Blatt um seiner selbst willen als Ganzes, so sehe ich es sozusagen un-bedingt, d.h. ich abstrahiere quasi von seiner Gewordenheit durch andere, nicht mit ihm identische Ursachen, und ich abstrahiere ebenfalls von durch es bewirkten, nicht mit ihm identischen Folgen. Das heißt aber: ich löse es gleichsam aus dem Kausalgeflecht, in das es eingebunden ist, heraus und erfasse es in seiner Besonderheit, indem ich es so ansehe, als ob es frei von nicht zu seinem Wesen gehörenden Bestimmungen wäre. Auf diese Weise erhebe ich es durch meine Wertschätzung sozusagen in den Bereich des Ideellen, in dem es nicht in seiner naturkausalen Funktion (als Mittel), sondern in seiner Freiheit (als Zweck an sich) wertvoll ist.
Die gleiche Doppelheit der Betrachtungsweise, die für Gegenstände wie z.B. das Blatt möglich ist, wird bei Kant auch für menschliche Handlungen gefordert und bildet die Grundlage für die Möglichkeit der ethischen Bewertung. Wie nämlich jeder Gegenstand als Teil eines größeren Ganzen gesehen werden kann, so kann jede menschliche Handlung als Mittel zu einem übergeordneten Zweck aufgefasst werden. Wie aber zugleich jeder Gegenstand um seiner selbst willen als Ganzes betrachtet werden kann, so kann auch jede menschliche Handlung unabhängig von dem durch sie zu bewirkenden Ziel als eine eigenständige Aktion in sich bewertet werden. Zur Zeit taucht dieses Problem in der Krebstherapie auf. Bestrahlung und Chemotherapie werden als Mittel zum Zweck der Verlängerung des Lebens, also im Kausalgefüge akzeptiert. Für sich genommen aber bringen sie oft eine solche Einschränkung der Lebensqualität mit sich, dass viele Menschen sie ablehnen.

Die beiden Betrachtungsweisen von Handlungen als Mittel und als Zweck nennt Kant „hypothetisch“ und „kategorisch“ und unterscheidet entsprechend hypothetische Imperative und den kategorischen Imperativ. Hypothetische Imperative gebieten die Zweckdienlichkeit einer Handlung. Mit der hypothetischen Betrachtungsweise fragt man, ob eine bestimmte Handlung als Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks am geeignetsten sei. Die Handlung wird also nicht an sich betrachtet, sondern ausschließlich in Bezug auf ihre voraussichtlichen Folgen, wobei die Folgen ebenfalls nicht bewertet werden, sondern es wird nur die Zweckdienlichkeitsrelation festgestellt. Kant gibt das Beispiel vom Giftmischer und vom Arzt. Der eine will sicher töten, der andere sicher heilen. Der hypothetische Imperativ beurteilt nicht, ob der Zweck gut oder böse sei, sondern nur, ob das gewählte Mittel zur Erreichung des Zwecks dienlich sei. Da zu allen Zwecken irgendwelche Mittel nötig sind, werden überall hypothetische Imperative angewendet, nicht nur in moralisch relevanten Zusammenhängen. Auch die Anweisung „Wenn du einen Nagel einschlagen willst, benutze einen Hammer“ stellt einen hypothetischen Imperativ dar, ebenso Kochrezepte oder Bastelanleitungen. Hypothetische Imperative heißen bei Kant auch „Regeln der Geschicklichkeit“ oder „technische Imperative“, und es gibt deren unendlich viele, da sie stets inhaltlich (Kant sagt „material“) in Bezug auf bestimmte zu erreichende Zwecke formuliert werden.
Im Zusammenhang der Ethik, d.h. der moralischen Bewertung von Handlungen, spielen aber die hypothetischen Imperative trotzdem eine große Rolle, und zwar weil die hypothetische Sichtweise dazu verführt, Handlungen nur in Bezug auf den durch sie zu ereichenden Zweck bzw. in Bezug auf ihre Folgen zu beurteilen. Wer es gewohnt ist, seine Handlungen immer nur auf die Folgen auszurichten, entwickelt eine Haltung, die als Taktik oder als Befolgung des Sprichworts „Der Zweck heiligt die Mittel“ gesehen werden kann. Dabei wird zwar der Zweck moralisch bewertet, d.h. es wird gefragt, ob er an sich wünschenswert sei; dagegen wird die Handlung, mit der man den Zweck erreichen will, anhand des entsprechenden hypothetischen Imperativs nur auf ihre Tauglichkeit als Mittel geprüft (Beispiele: Lüge als Mittel zum Gewinn einer Wahl; Atomenergie als Mittel zur Arbeitsbeschaffung; Terrorismus als Mittel zur Lösung von Nationalitätenproblemen). Alle konsequentialistischen Ethiken leben von der hypothetischen Betrachtungsweise von Handlungen, da sie nicht eine Handlung an sich bewerten, sondern immer in Bezug auf die Nutzen-Schaden-Relation ihrer Folgen.
Die Betrachtungsweise einer Handlung unabhängig von den durch sie bewirkten Folgen nennt Kant kategorisch. Der kategorische Imperativ fordert, dass man, wenn man wissen will, ob eine Handlung moralisch gut ist, diese gleichsam in Gedanken aus dem Kausalgeflecht herauslösen und so betrachten soll, als ob ihr Zweck in ihr selber läge. Diese isolierte Handlung soll dann daraufhin befragt werden, ob ich meine, dass jedes vernünftige Wesen dem Prinzip dieser Handlung zustimmen könnte, d.h. ob ich wollen kann, dass die der Handlung zugrundeliegende Maxime ein allgemeines Gesetz werden kann. Eine solche Prüfung ist natürlich nur für moralisch relevante Handlungen sinnvoll, d.h. für solche Handlungen, die die Freiheit vernunftbegabter Wesen beeinträchtigen könnten. Auf diese Voraussetzung werden wir später noch zurückkommen. Zum Schluss dieses Vorspanns möchte ich noch einmal betonen, dass die Betrachtung eines Gegenstandes als Teil oder als Ganzes oder die Betrachtung einer Handlung als Mittel oder als Zweck in der Realität nie voneinander zu trennen ist. Jeder einmalige Gegenstand ist immer sowohl Teil als auch Ganzes, und jede moralisch relevante Handlung ist immer zugleich Mittel und Zweck.

Jeder Mensch trägt, so meint Kant, in sich die gemeine Menschenvernunft, die ihn treibt, das Gute zu wollen. Diese gute Absicht oder gute Gesinnung, oft auch der gute Wille genannt, ist nach Kant das einzige, das an sich gut genannt werden kann. Dieser gute Wille stellt gleichsam in reiner Allgemeinheit die Grundlage für die Individualisierung und Realisierung dar. Führt dann der gute Wille zu einer bestimmten Handlung, so kann diese, wie wir gesehen haben, nicht mehr an sich gut sein, sondern nur noch relativ gut, weil sie ja in die Materie, in das Kausalgefüge eingegangen ist. Das Prinzip des guten Willens aber ist nach Kant eben die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlung, d.h. der kategorische Imperativ, der mir gebietet, nur so zu verfahren, dass ich auch wollen kann, dass meine Maxime ein allgemeines Gesetz werde.

Diese Gedanken Kants haben in der Folge und auch in der heutigen Philosophie große Auswirkungen gehabt. Da die Interpreten je nach ihrem eigenen Ausgangspunkt verschiedene Aspekte der Kantschen Vorstellungen in den Mittelpunkt ihrer Erwägungen stellen, ergeben sich ganz unterschiedliche Interpretationsansätze. Im Großen und Ganzen kann man bei der Kant-Rezeption vier Gruppen unterscheiden:
1.die formallogische Interpretation;
2.die vernunftzentrierte Interpretation;
3.die religiöse Interpretation;
4.die metaphysische Interpretation.

Die formallogische Interpretation wird z.B. von Professor Trapp aus Osnabrück vertreten, den wir dieses Mal allerdings nicht hören werden. Für die vernunftzentrierte Interpretation ist die Diskursethik von Habermas ein Beispiel. Die religiöse Interpretation wird uns Dr. Witschen in seinem Referat über die christliche Ethik vortragen. Meine eigene Interpretation ist dem metaphysischen Ansatz zuzuordnen.
Die formallogische Interpretation des kategorischen Imperativs geht davon aus, dass Kant für seinen ethischen Grundsatz drei Forderungen aufstellt: Der Grundsatz soll formal, nicht material sein, er soll die Allgemeinheit eines Gesetzes haben, und er soll verbindlich sein. Die Anwendung soll dazu führen, dass er nicht in Widerspruch zu sich selber gerät. Kant gibt selbst wiederholt Beispiele für solche Anwendungen, wobei ich allerdings dazu sagen möchte, dass Beispiele nicht Kants Stärke waren; viele berücksichtigen nicht alle Aspekte, wie es ja überhaupt, wie wir sehen werden, in der Ethik oft schwierig ist, die Theorien auf Fälle anzuwenden. Um zu zeigen, was er mit seiner Forderung der Widerspruchsfreiheit meint, gibt Kant folgendes Beispiel: Jemand verspricht, geborgtes Geld zurückzugeben, weiß aber, dass er es nicht zurückgeben wird. Er fragt nun: Ist diese Handlung ethisch gut, d.h. kann ich wollen, dass diese Maxime meines Willens ein allgemeines Gesetz werde? Kant antwortet:

„Da sehe ich nun, dass meine Maxime niemals als allgemeines Gesetz gelten und mit sich
selbst zusammenstimmen könne, sondern sich notwendig widersprechen müsse. Denn die
Allgemeinheit eines Gesetzes, dass jeder versprechen kann, was ihm einfällt, mit dem
Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen selbst unmöglich machen, da
niemand glauben wird, was ihm versprochen sei.“

Die Forderung, dass der kategorische Imperativ formal und nicht material sei, bedarf der Erläuterung. Zunächst ist diese Forderung im Gegensatz zu sehen zu den hypothetischen Imperativen. Diese sind immer material, d.h. sie geben das beste Mittel an zu einem bestimmten Zweck, z.B.: Wenn du einen Nagel einschlagen willst, benutze einen Hammer. Darum gibt es auch unendlich viele hypothetische Imperative. Der kategorische Imperativ dagegen ist nur ein einziger. Er befragt die vielen situationsgebundenen Maximen immer nur daraufhin, ob sie allgemeingültig und verbindlich gewollt, d.h. Gesetz sein könnten. Um diese strenge Enthaltung von jeglichem Inhalt durchzuhalten, hat Kant sogar auf den Glücksbegriff zur Definition des Guten verzichtet, weil diesem auch etwas Materielles anhaftet; wir werden darauf zurückkommen. - Wegen seiner Formalität ist der kategorische Imperativ nicht veränderbar, denn jede Veränderung würde die strenge Formalität durchbrechen, indem zusätzliche inhaltliche Bestimmungen eingeführt würden. - Die beiden anderen Forderungen der Allgemeinheit und der Verbindlichkeit sind im Begriff des Gesetzes zusammengefasst, Gut ist, was der gute Wille oder die gemeine Menschenvernunft aller Menschen - d.h. jedes einzelnen - als allgemeinverbindlich akzeptieren kann. Diese Forderungen zusammen bilden die Grundlage für die formallogische Interpretation des kategorischen Imperativs, wobei allerdings zu fragen ist, ob diese Interpretation der inhaltlichen Vielfalt Kantschen Denkens gerecht wird.

Die vernunftzentrierte Interpretation des kategorischen Imperativs, wie sie von Habermas und z.B. auch von Patzig („Ethik ohne Metaphysik“) vertreten wird, legt ihr Schwergewicht darauf, dass Ethik an die Vernunft der Menschen appellieren können muss und dass ethische Prinzipien vernünftig einsehbar sein müssen. Sie lehnt daher Aspekte der Kantschen Ethik ab, die dem metaphysischen Bereich angehören.

Die religiöse Interpretation stützt sich auf bestimmte Teile der Kritik der reinen Vernunft und der praktischen Vernunft, die den Gottesbegriff mit einbeziehen. Es ist allerdings auch aus Kants eigenen Äußerungen zu entnehmen, dass er Glaube und Ethik trennen wollte. In der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“,einer seiner wichtigsten ethischen Schriften, lehnt Kant den Gottesbegriff als Grundlage für eine Ethik ab, da durch ihn die Entscheidungsfreiheit des Menschen eingeschränkt werde. An anderer Stelle kritisiert er Leibniz, welcher die materielle Welt als Ergebnis eines Zusammenspiels geistiger Substanzen (Monaden) auffasst, das durch Gott geregelt wird (prästabilierte Harmonie). Kant lehnt dieses Modell ab, da der Mensch hier nichts weiter sei als ein „automaton spirituale“, ein geistiger Automat, der durch Gott aufgezogen wurde und dann abläuft. Kant verzichtet darum in der Ethik weitgehend auf den Gottesbegriff.


Ich selbst möchte Ihnen nun eine Interpretation vortragen, die die metaphysischen Voraussetzungen mit einbezieht, die Kant in seinen ethischen Schriften darstellt. Diese Voraussetzungen beziehen sich, wie wir sehen werden, in erster Linie auf die Doppelnatur des Menschen, die nach Kant erst Freiheit möglich macht. Wir werden auf diesen Aspekt zurückkommen. Kants Ethik lässt sich m.E. nur schwer von seinem Menschenbild trennen. Ich möchte daher dieses Menschenbild zunächst darstellen. Kant ist davon überzeugt, dass die Natur, die dem Menschen die Vernunft gegeben hat, mit dieser Gabe einen Zweck verfolgte. Dieser Zweck aber kann - so meint Kant - nicht in der Selbst- oder Arterhaltung allein liegen, denn dazu sind die Triebe oder Instinkte der Tiere viel besser geeignet. Vernunft und damit Freiheit und Selbstbestimmung kann dem Menschen nur gegeben sein, damit er die durch Naturkausalität determinierte Realität nach und nach in eine dem Sittengesetz angenäherte bessere Welt umgestaltet. Dabei sieht Kant die Vernunft durchaus als eine Eigenschaft an, die allen Menschen qua Menschen unabhängig von ihrer individuell unterschiedlichen Intelligenz zukommt, weshalb auch alle Menschen für Kant Personen sind.

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die dem Menschen durch die Vernunft gegeben ist, ist die Fähigkeit sich in bestimmten Situationen zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu entscheiden, d.h. selbst zu bestimmen, wie man sein Leben gestalten möchte. Diese Fähigkeit nennt Kant Freiheit. Freiheit in diesem Sinne ist nicht Befreiung von Zwängen. Das wäre negative Freiheit, denn eine solche Befreiung wäre Illusion, weil aufgrund der Naturkausalität an die Stelle der abgeschafften Zwänge gleich neue Zwänge treten würden. Fasse ich z.B. den Entschluss, mich aus einer unerträglichen Partnerschaft zu befreien, so werde ich nach diesem Schritt doch wieder merken, dass andere, ebenfalls unangenehme Notwendigkeiten mich daran hindern, meine ersehnte Freiheit zu genießen. Darum sagt Kant, die Freiheit, die dem Menschen mit der Vernunft gegeben ist, ist positive Freiheit, d.h. die Freiheit, mir mein eigenes Gesetz zu geben. Er legt also nicht den Schwerpunkt auf das, wovon ich mich befreien möchte, sondern darauf, welche Lebensform ich stattdessen anstrebe, oder wie er es ausdrückt, welches Gesetz ich mir selbst gebe. Diese Fähigkeit vernunftbegabter Wesen sich selbst zu bestimmen und sich selbst Gesetze zu geben, nennt Kant Autonomie. Autonomie ist das, was den eigentlichen Wert und die Würde der Vernunftwesen ausmacht und sie über die übrige Natur hinaushebt.
Wie ist es aber überhaupt möglich, dass vernunftbegabte Wesen diese wunderbare Fähigkeit der Freiheit besitzen, wo doch die gesamte Realität der Naturkausalität unterworfen ist? Hier führt Kant nun die Lehre von den beiden Naturen des Menschen ein: Insofern der Mensch ein geistiges, ein vernunftbegabtes Wesen ist, ist er frei und bestimmt sich nur durch die Gesetze, die er selbst sich gibt - sofern er aber ein materielles, ein Naturwesen ist, ist er von der Naturkausalität determiniert und unterliegt deren Gesetzen. Es handelt sich, wie man deutlich sieht, um eine Entsprechung zu der oben erläuterten doppelten Auffassungsmöglichkeit eines Gegenstandes als Teil, d.h. bedingt, und als Ganzes, d.h. an sich, - bzw. zu der doppelten Auffassungsmöglichkeit einer Handlung als Mittel (hypothetisch) und als Zweck (kategorisch). Man könnte die ganze paradoxe Existenz des Menschen nach Kant auf die Formel bringen:„Der Mensch ist frei und unfrei zugleich und beides ganz“.
Kants Grabmal in Königsberg trägt die Inschrift: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Mit diesen beiden Bildern versucht Kant im letzten Abschnitt der „Kritik der praktischen Vernunft“ die Doppelnatur des Menschen einzufangen. Er stellt fest, dass beide Phänomene „das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen“ und erläutert anschließend, dass beide Bilder Gleichnisse für das Bewusstsein der menschlichen Existenz sind. Der gestirnte Himmel geht von dem Ort aus, den wir in der äußeren Sinnenwelt einnehmen und erweitert diesen über Welten und Zeiten hinaus in ein System unendlicher kausaler Bedingtheiten und „vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit als eines tierischen Geschöpfes, das die Materie, aus der es ward, nach einer kurzen Zeit wieder zurückgeben muss.“ Das moralische Gesetz in mir dagegen setzt „bei einem unsichtbaren Selbst an und erhebt meinen Wert unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges freies Leben offenbart.“

Beide Seiten der menschlichen Natur sind immer zugleich da, aber oft ist uns nur eine der beiden bewusst. So gibt es Situationen, in denen wir davon überzeugt sind, dass wir keine Freiheit haben. Irgendwann ist einmal etwas angestoßen worden durch unsere Eltern oder sonst eine Ursache, und dann hat sich alles konsequent weiterentwickelt, andere Einflüsse sind dazugekommen, und all dies hat schließlich notwendig zu der Entscheidung geführt, die wir jetzt getroffen haben. Unsere angebliche Freiheit ist von hier aus gesehen keine andere als die eines Bratenwenders (das Beispiel stammt von Kant), der, einmal angestoßen, seine automatischen Bewegungen vollführt. Diese Sichtweise, sagt Kant, ist durchaus zutreffend, es ist die Sichtweise vom Aspekt der Naturkausalität aus. Trotzdem aber ist auch die gegenteilige Sichtweise, und zwar zugleich, richtig, die davon überzeugt ist, dass die durch Naturkausalität voll erklärbare Entscheidung trotzdem frei gefällt wurde. Sie ist, von hier aus gesehen, ein Akt autonomer Selbstbestimmung, für den wir uns verantwortlich fühlen und für den wir zur Verantwortung gezogen werden können.

Immer wieder begegneten wir bei unseren Betrachtungen über die Freiheit dem Begriff des Gesetzes. In welchem Verhältnis stehen bei Kant Freiheit und Gesetz? Wir haben schon vorher gesehen, dass die Freiheit bei Kant positive Freiheit ist, d.h. Freiheit ,die mir hilft, mich selbst zu bestimmen, mir selbst mein Gesetz zu geben. Geht man nun wie Kant davon aus, dass diese Fähigkeit, sich selbst zu bestimmen, diese Autonomie den Wert des Menschen als Person ausmacht, so ist hiermit ein Kriterium für ethisch gute Handlungen gegeben: Gut ist eine Handlung, die die eigene Autonomie und die aller anderen Menschen nicht einschränkt. Genau das bedeutet die Formel des kategorischen Imperativs: Überlege dir, ob die von dir beabsichtigte Handlung so beschaffen ist, dass jeder einverstanden sein könnte, sich ihrem Grundsatz wie einem Gesetz zu unterwerfen. Zu Gesetzen taugen nur Vorschriften, die die Erhaltung der Autonomie aller zum Ziel haben. Es kann zwar jemand aus subjektiven Gründen mit einer Handlung einverstanden sein, aber er kann trotzdem nicht wollen, dass ihr Grundsatz Gesetz wird. Wird z.B. gegen jemanden aus meinem Bekanntenkreis ein übler Streich geplant, so finde ich dies vielleicht ganz gut, weil ich den Betreffenden auch nicht ausstehen kann, trotzdem aber kann ich nicht wollen, dass es ein Gesetz werde, unangenehme Zeitgenossen zu ärgern. Und zwar kann ich es deshalb nicht wollen, weil ich weiß, dass es die Autonomie des Betroffenen einschränkt; er wird Mittel zur Belustigung der anderen und wird nicht in seiner Würde als Zweck an sich selbst ernst genommen. Das moralische Gesetz in mir, der kategorische Imperativ, gebietet mir also, gegenüber mir selbst und gegenüber allen anderen Menschen so zu handeln, dass die Freiheit zur Selbstbestimmung und damit die Menschenwürde erhalten bleibt. Nur von solchen Handlungen kann ich wollen, dass sie ein allgemeines Gesetz werden, und nur solche Handlungen sind als moralisch gut zu bezeichnen, weil sie das oberste Gut, das den Menschen erst zum Menschen macht, seine Freiheit, seine Autonomie erhalten.
Wieso ist dann überhaupt eine Ethik nötig, da die Freiheit doch ein Interesse daran haben muss, sich selbst zu bewahren? Das stimmt zwar, aber die Freiheit ist eben Freiheit und kann sich auch für die Unfreiheit entscheiden. Die Triebe, Instinkte und Neigungen, die den Menschen als Naturwesen bestimmen, sind durchaus attraktiv, und er lässt sich gern gehen, weil es anstrengend ist, sich immer selbst zu bestimmen. So verzichtet er gern auf die Anstrengung der Freiheit und entscheidet sich frei für den bequemeren Weg, sich von den Umständen bestimmen zu lassen. Dadurch wird er aber seiner Ausnahmestellung als vernünftiges Wesen nicht mehr gerecht. Möglicherweise hat er jedoch in sich das moralische Gesetz, das ihn immer wieder ermahnt, seine Freiheit zur Selbstbestimmung zu gebrauchen. Diese Mahnung nennt Kant „Pflicht“: „Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung für das Gesetz.“ Der Mensch fühlt sich verpflichtet, seine eigene Autonomie und die eines jeden anderen zu befördern, und zwar nur um der guten Sache selbst willen und nicht aus Neigung, weil er sich etwas Angenehmes davon verspricht. Gesetzt den Fall, jemand geht gerne schwimmen, weil er das angenehme Körpergefühl schätzt, das durch diese Sportart hervorgerufen wird. Seine Handlung widerspricht nicht dem kategorischen Imperativ, weil niemand dadurch in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird. Aber seine Handlung nimmt ihre Legitimation nicht aus dem Bedürfnis, sich selbst und andere als autonome Wesen zu achten, sondern sie nimmt ihre Legitimation aus dem Bedürfnis, sich körperlich, d.h. als Naturwesen wohlzufühlen; d.h. er handelt nicht aus Pflicht, sondern aus Neigung. Aus Pflicht dagegen würde er handeln, wenn er, obwohl wasserscheu, einem anderen zuliebe, der vielleicht aus medizinischen Gründen schwimmen müsste, sich aber nicht allein traute, schwimmen gehen würde.
Diese Unterscheidung zwischen Pflicht und Neigung hat Kant den Vorwurf des Rigorismus eingetragen, so als ob es die Moralität einer guten Handlung schmälern würde, wenn man sie gern tut. In der Tat kann man einige Passagen der „Grundlegung“ in diesem Sinne verstehen. Man muss es aber wohl so sehen, dass es Kant darum ging, das Prinzip seines kategorischen Imperativs so eindeutig und unmissverständlich wie nur möglich darzustellen. Wir werden noch sehen, dass er an den Stellen, wo es um die Anwendung des kategorischen Imperativs in der Realität geht, der Neigung durchaus ihre Rechte zugebilligt hat.
Durch die strenge systematische Trennung der beiden Auffassungen des Menschen als intelligibles Vernunftwesen und als materielles Naturwesen ergibt sich noch eine weitere Schwierigkeit, mit der Kant sich intensiv auseinandergesetzt hat. Man muss nämlich fragen: Welches Interesse kann denn jeder Mensch überhaupt daran haben, sittlich zu handeln? Dass er ein Interesse daran hat, seinen Neigungen zu folgen, ist klar, denn es macht ihm ja Spaß, etwas zu tun, wozu er Lust hat. Aber die reine Achtung für das Gesetz, also die Pflicht, wird wohl kaum Triebfeder genug sein, um den Menschen dazu zu bringen, etwas zu verändern. Irgendein Interesse muss er doch daran haben, sich sittlich zu verhalten. Kann es die Hoffnung sein, glücklich zu werden? Diesen Gedanken, den Aristoteles noch vertrat, lehnt Kant ab, denn das materielle Glück, von Kant auch Glückseligkeit genannt, ist nicht abhängig vom sittlichen Verhalten. Dies war übrigens einer der Gedanken Kants, der auf Schiller so stark gewirkt hat, dass dieser ihn in Gedichtsform brachte; in den „Worten des Wahns“ von Schiller heißt es:
„Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,
im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
so lang er die Schatten zu haschen sucht,
so lang er glaubt, dass das buhlende Glück
sich dem Edlen vereinigen werde -
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
nicht dem Guten gehöret die Erde;
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
und suchet ein unvergänglich Haus.“

Diese letzte Schlussfolgerung Schillers, dass nämlich der Gute erst nach seinem Tode für sein moralisches Verhalten belohnt werde, wird bei Kant eher kritisch betrachtet, weil ja eine solche Hoffnung auf eine Seligkeit nach dem Tode wieder dazu führen könnte, dass man das Gute nicht um des Guten willen tut. Kant meint vielmehr, dass der Antrieb des Menschen, sich ethisch zu verhalten, darin liegt, dass ich, indem ich dem kategorischen Imperativ folge, das angenehme Gefühl habe, mit mir selbst als intelligiblem Wesen in Einklang zu stehen, und diese Zufriedenheit, mir selbst treu geblieben zu sein, ist die Triebfeder für das sittliche Handeln. Diese Zufriedenheit ist keine materielle Glückseligkeit, aber sie kann insofern etwas mit dem Glücksbegriff zu tun haben, als sie das angenehme Bewusstsein einschließen kann, dass ich das Gefühl habe, eines möglichen Glückes würdig zu sein. In dem Kapitel über die Antinomie der Praktischen Vernunft setzt sich Kant ausführlich mit diesem Problem auseinander.

Im Laufe seiner Darlegungen hat Kant in unterschiedlichster Weise versucht, die Auswirkungen der Grundformel des kategorischen Imperativs durch sogenannte Konkretisierungen zu verdeutlichen und ihre Anwendung in der Praxis zu zeigen. Die berühmteste dieser Konkretisierungen ist die sogenannte Mensch-Zweck-Formel. Sie lautet:
„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner eigenen Person als auch in der
Person eines jeden anderen immer auch als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“

Der Weg von der Grundformel des kategorischen Imperativs zu seiner Konkretisierung entspricht dem Weg von der Idee der Pflanze bei Aristoteles zur individuellen Realisation. Sowohl für die reale Pflanze als auch für die reale Handlung bedeutet der Prozeß der Realisation Gewinn und Verlust zugleich.
Das Eintreten in den Bereich der Zeit, des Werdens, der vielfältigen Naturkausalitäten macht aus der allgemeinen Idee der Pflanze ein einmaliges Individuum. Diese seine Individualität macht seinen nur ihm eigenen Wert aus. Aber dieser Wert, diese Individualität besteht andererseits gerade in der Abweichung von der Idee, quasi in der Verunreinigung derselben; denn erst, wenn man von der realen Pflanze alles abzieht, was nicht allen Pflanzen zukommt, gewinnt man die Idee. Andererseits aber ist die Idee unerlässlich, um immer wieder das Leben der Pflanze zu erkennen und sich nicht in Nebensächlichkeiten zu verlieren.
Entsprechendes gilt nach Kant von ethisch guten Handlungen. Die Idee der ethisch guten Handlung ist ein autonomer Akt des guten Willens, den jeder Mensch als intelligibles Wesen hat. Darum kann auch nur der gute Wille als uneingeschränkt gut bezeichnet werden. Wie die Formidee der Pflanze nur das enthält, was das Pflanzenhafte an sich ausmacht, so enthält die Formidee der guten Handlung nur das, was das Gute an sich ausmacht, nämlich die Erhaltung der Autonomie, d.h. der Fähigkeit des Geistes, sich selbst sein Gesetz zu geben. Das sagt die Grundformel des kategorischen Imperativs aus. Wird nun die Idee der guten Handlung, das Prinzip, durch eine situationsbezogene Maxime konkretisiert, so führt diese Maxime dann in der Welt zu einer Hand-lung, d.h. zu einem mit den Händen, dem Körper oder sonst mit materiellen Mitteln durchgeführten Eingreifen in das schon vorhandene Kausalgeflecht der Natur. Es entsteht die konkrete Handlung. Sie ist einmalig wie die konkrete Pflanze, weil jede Situation, die ihre Bedingungen und Folgen bestimmt, anders ist. Die konkrete gute Handlung ist aber auch nur noch relativ gut, weil sie eben diese Bedingungen und Folgen berücksichtigen muss.
Jede gute Handlung ist, wie wir gesehen haben, darauf gerichtet, die Autonomie „des Menschen“ zu erhalten. In der Realität aber gibt es nicht „den Menschen“, sondern nur einzelne, mich selbst und andere. Jeder dieser einzelnen ist der Idee nach autonom. Jeder hat seinen Freiheitsanspruch, und jeder dieser Ansprüche soll bei der guten Handlung berücksichtigt werden. Es ist klar, dass sich die Selbstbestimmungsansprüche gegenseitig einschränken müssen. Bei jeder ethisch relevanten Handlung, bei der es um Erhaltung der Autonomie vernünftiger Wesen geht, sind ja mindestens zwei Personen beteiligt, die Autonomieansprüche haben, nämlich der Handelnde selbst und die Person, auf die die Handlung gerichtet ist. Berücksichtige ich nur meinen eigenen Autonomieanspruch, nicht aber den der anderen Person, so behandle ich die andere Person als Mittel zum Zweck der eigenen Selbstverwirklichung. Berücksichtige ich nur den Autonomieanspruch der anderen Person und nicht meinen eigenen, so lasse ich mich zum Mittel degradieren für die Zwecke anderer. Die relativ gute Handlung, d.h. die Handlung, die unter den gegebenen Umständen die ethisch wünschenswerteste ist, ist die, bei der keine Person nur als Mittel behandelt wird. Auf anderer Ebene kehren hier die Aspekte des Hypothetischen und des Kategorischen wieder und gehen eine untrennbare Verknüpfung ein. Wie ich meine Handlung, um sie ethisch bewerten zu können, auch als Zweck an sich (kategorisch) betrachten muss und nicht nur als Mittel zu einem anderen Zweck (hypothetisch), so muss ich jeden Menschen auch als Zweck an sich achten (nach dem kategorischen Imperativ) und darf ihn nicht nur als Mittel zu einem anderen gebrauchen (nach dem hypothetischen Imperativ).
Jetzt könnte man ja sagen: Wenn ohnehin in der Realität relativ gute Handlungen möglich sind. - warum begnügt sich Kant nicht mit der Mensch-Zweck-Formel? Wozu dann überhaupt noch die Grundformel, die Idee des kategorischen Imperativs? Als Antwort auf diese Frage führt Kant den Begriff des regulativen Prinzips ein. Die Idee des kategorischen Imperativs ist ein regulatives Prinzip, eine Richtschnur, die dem Handelnden in der verwirrenden Vielfalt der Kausalbezüge der Realität immer wieder das Ideal quasi als Leitstern vor Augen hält.

Diese Funktion des kategorischen Imperativs wird besonders deutlich, wenn man die dritte Konkretisierung hinzuzieht, mit deren Betrachtung ich meine Ausführungen beschließen möchte. Sie lautet:
„Handle so, als ob du ein Glied im Reich der Zwecke wärest.“
Das Reich der Zwecke ist ein ideales Reich, in dem jeder den gleichen Anspruch auf Autonomie hat, da jeder im gleichen Maße Gesetzgeber und Gesetzbefolger, Zweck und Mittel ist. In dieser Konkretisierung hat Kant, wenn man so will, ein inhaltliches Ideal der realen Gesellschaft geschaffen. Es unterscheidet sich von dem rein formalen Ideal der Grundformel des kategorischen Imperativs dadurch, dass jedes Glied im Reich der Zwecke nicht nur Gesetzgeber, also autonom ist, sondern auch wie in der Realität die Gesetze der andern autonomen Wesen berücksichtigen muss. Das Reich der Zwecke ist aber trotzdem ein ideales Reich, weil jeder darin so gut wie möglich handelt, d.h. kein vernünftiges Wesen braucht ein anderes nur als Mittel, sondern jedem steht ein bestimmtes Maß an Autonomie zur Verfügung.

Wenn ich dieses Ideal des Reichs der Zwecke im Unterricht behandele, verbinde ich es gern mit einem psychologischen Experiment. Es gibt ein Spiel mit dem Titel „Mein Platz in der Gruppe“. Die Teilnehmer sitzen im Kreis. Es darf nicht gesprochen werden. Jeder zieht seinen rechten Schuh aus, dieser Schuh repräsentiert ihn selbst; er darf nur seinen eigenen Schuh bewegen. Jeder stellt nun seinen Schuh irgendwo in den Kreis, wo er sich wohlfühlt. Dadurch, dass die anderen ihre Schuhe auch irgendwohin stellen, entstehen Beziehungen, Nähe, Enge, Distanz und Isolierung. Immer wieder wird die Position einzelner Schuhe verändert, es ergeben sich Interaktionen. Schließlich haben alle ihren Platz in der Gruppe gefunden. Ich notiere mir unauffällig die Positionen der Schuhe. Über die Erlebnisse während des Spiels wird dann gesprochen. In der nächsten Stunde bringe ich ein Papier mit der Position der Schuhe mit, auf dem die Schuhe als Punkte, die Freiräume dazwischen als Kreise bezeichnet sind. Natürlich sind die Abstände sehr unterschiedlich, die Freiräume sind verschieden groß. Darüber lege ich eine durchsichtige Folie des Reichs der Zwecke, in dem alle Punkte gleich weit voneinander entfernt und alle Freiräume gleich groß sind. So wird erkennbar, dass das Reich der Zwecke ein Korrektiv darstellt, das dazu dient, Gefahrenpunkte in der Realität zu bezeichnen. Wo die Abstände zwischen den Individuen zu eng sind, muss gefragt werden, ob die Beteiligten auf Dauer noch genügend eigenen Freiraum haben. Wo die Abstände zu groß sind, muss gefragt werden, ob die Betroffenen auch genügend Verbindung zu den anderen haben, so dass sich eine Gemeinschaft, ein Reich entwickeln kann.
Auf diese Weise wird klar, dass das Reich der Zwecke ein Ideal, ein regulatives Prinzip ist, an dem man sich immer wieder orientieren kann, das aber keinesfalls den Anspruch auf wirkliche Realisierung erhebt. Würde es als Realutopie missverstanden, so würde es einerseits eine völlig unsinnige Überforderung beinhalten, andererseits aber wie andere Realutopien, z.B. die staaten- und klassenlose Gesellschaft des Marxismus, gerade zu einer Einschränkung der Autonomie des einzelnen führen. Um diese Verwechslung von Ideal und Utopie zu vermeiden, formuliert Kant die Konkretisierung in der Form des Als ob: „Handle so, als ob du ein Glied im Reich der Zwecke wärest.“ Als ob - d.h. du bist es nicht, aber orientiere dich an diesem Ideal und korrigiere die Realität in Richtung auf diese Vorgabe.

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