Gesine Doernberg: Der gute Hirte (1989)


1.Szene

(Feld. 2 Hirten, Stephen und Andreas am Feuer schlafend, 4 Schafe)

1.Schaf: Ach, es ist schon ein Elend! Wir haben doch wirklich ein trauriges Leben, findet ihr nicht?
2. Schaf:

Ja, das ist wahr, wir haben es wirklich schlecht getroffen, Andreas, unser Hirte, achtet nicht darauf, ob wir genug zu fressen haben. Oft habe ich Durst, weil er uns nicht ans Wasser führt. Wenn es kalt ist, müssen wir frieren, weil er uns kein Stroh gibt. Und zweimal ist schon der Wolf in unsere Herde eingebrochen und hat mehrere von uns getötet, weil Andreas nicht aufgepasst hat.

3. Schaf: Ach, ihr Armen, ja, ich sehe immer, wie schlecht es euch geht, und ihr tut mir so leid. Wir haben es ja sehr gut bei unserem Hirten Stephen, er hat wirklich Verständnis für uns, auch wenn er nicht unsere Sprache spricht. Als ich mich neulich verlaufen hatte, hat er drei Stunden nach mir gesucht und hat mich aus der Felsspalte befreit, in die ich gefallen war.
2. Schaf: Sowas würde Andreas nie tun, ihm ist es egal, ob wir verrecken oder nicht.
1. Schaf: Ach, wenn wir doch einen so guten Hirten hätten wie ihr! So, wie es ist, bin ich ganz verzweifelt. Es ist wirklich kein Leben mehr.
3. Schaf: Es tut mir auch so leid für euch, und es ist so hoffnungslos, weil man es gar nicht ändern kann.
4. Schaf: Einmal habe ich gehört, wie Stephen den anderen am Feuer aus einem Buch vorgelesen hat. Was er da las, hat mir so gut gefallen, dass ich es mir gemerkt habe. Es ging so: „Gott der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führtet mich zum frischen Wasser.“
1. Schaf: Na und, was soll das? Es ist ein schönes Gedicht, zugegeben, aber es macht die Lage eher schlimmer.
2. Schaf: Was soll denn das heißen: Gott der Herr ist mein Hirte? Wer ist denn Gott?
4. Schaf: Das weiß ich auch nicht, aber er muss sehr mächtig sein, denn Stephen ist sein Diener. In dem Buch steht über ihn geschrieben.
2. Schaf: Glaubst du denn, dass Gott uns in unsrer Lage helfen könnte?
1. Schaf: Dumme Frage, er ist doch bloß ausgedacht. Nein, es gibt keinen Ausweg.
4. Schaf: Ich glaube nicht, dass er bloß ausgedacht ist, sonst würde Stephen ihn doch nicht seinen Herren nennen. Und wenn er Stephens Herr ist, müsste er doch auch Andras’ Herr sein.
2. Schaf: Ich habe aber noch nie gehört, dass Andreas von so etwas gesprochen hat, er lacht immer, wenn Stephen das Buch hervorholt.
3. Schaf: Trotzdem wäre es vielleicht eine Möglichkeit. Wenn dieser Gott so ein guter Hirte ist, wie es das Gedicht sagt, kann er euch vielleicht doch helfen. Aber wie soll man herausbekommen, wo er ist? (zum 4. Schaf) Hast du ihn schon einmal gesehen?
4. Schaf: Ich glaube trotzdem, dass es eine Möglichkeit gibt. Stephen ist nicht dumm, und wenn er an diesen Herrn glaubt und ihm dient, muss es ihn auch geben, auch wenn er ihn noch nicht gesehen hat.

(Die Hirten erwachen)

Stephen: Die Nacht ist kalt.
Andreas: Ja, und dunkel dazu. Das einzig Gute daran ist, dass man die blöden Schafe nicht mehr sieht.
Stephen: Ich verstehe gar nicht, was du gegen die Schafe hast.
Andreas: Schafe sind dumm und stinken, ich hasse sie. Was ist das für ein elendes Leben, hier Tag für Tag draußen im Dreck zu liegen und auf diese abscheulichen Viehcher aufzupassen! Und was bringt es ein? Es reicht kaum für das Allernotwendigste. Zu essen gibt es immer nur Hammelfleisch, das hängt mir schon zum Hals raus. Ich möchte es auch mal so schön haben wie die Leute, die in den vornehmen Häusern wohnen.
Stephen: Du bist undankbar. Es geht uns doch ganz gut. Sicher sind wir oft kalt und nass und schmutzig bei unserer Arbeit, aber wir haben doch wenigstens abends ein warmes Feuer und Schaffelljacken, durch die das Wasser nicht durchdringt. Und wenn auch unser Speisezettel etwas eintönig ist, so haben wir doch immer genug zu Essen. Wie viele Leute müssen heutzutage hungern und haben nichts anzuziehen! Und dann mag ich auch die Schafe gern. Sie sind so geduldig, und ich merke richtig, wie sie sich freuen, wenn ich ihnen das Futter bringe.
Andreas: Du hast ne Meise, das sag ich ja immer. Ich würde am liebsten die ganzen ekligen Schafe abschlachten.
Stephen: Versündige dich nicht! Die Schafe sind Gottes Geschöpfe und sind uns anvertraut.
Andreas: Fang nur nicht wieder mit dem Quatsch an! Dein heiliges Gelaber geht mir auch maßlos auf die Nerven. Es gibt keinen Gott, denn ich habe ihn noch nie gesehen, und Schafe sind nichts als stinkige Wollfabriken und Fleischfabriken.
Stephen: Pst, hörst du nichts?
Andreas: Was denn ? Ich höre nur die Schafe im Stroh rascheln.
Stephen: Nein, das meine ich nicht. Es klingt wie ganz leise Musik.
Andreas: Es ist der Wind, der in den Bäumen heult.
Stephen: Nein, nein, es ist viel feiner, hör doch nur!
Engelchor: (von Ferne) Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Andreas: Was ist das? Habe ich Fieber?
Stephen: Sei still. Sieh nur dort! Ein Licht, es wird immer heller!
Andreas: Ein Stern ist geplatzt, die Welt geht unter!

(Er bedeckt das Gesicht mit den Händen und wirft sich nieder)

Stephen: Wie wunderbar ist dieses Licht, es muss von Gott sein!

(Er wirft sich auf die Erde)

1. Schaf: Was ist das?

2. Schaf:

Ich habe Angst!
3. Schaf: So was habe ich noch nie gesehen!
4. Schaf: Es ist ein Wunder Gottes, des guten Hirten!

(Die Schafe werfen sich auf die Erde)

(Der Engel tritt auf, hinter ihm der Engelchor)

Engel: Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Helfer geboren, Jesus Christus, Gottes Sohn. Ihr werdet ihn finden in Wickeln gewickelt und in einer Krippe liegend.
Engelchor: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! (Die Engel verschwinden langsam)
Andreas: Was war das? Habe ich geträumt?
Stephen: Gott, ich danke dir, dass du mich das erleben lässt!
2. Schaf: Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für uns?
1. Schaf: Oder war es Einbildung?
4. Schaf: Gott der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
3. Schaf: Oh, wie schön!
Stephen: Los, Andreas, lass uns hingehen und das Kind suchen, von dem der Engel gesagt hat. Die Schafe nehmen wir mit, damit sie der Wolf nicht frisst.
Andreas: Ich denke gar nicht daran! Die liegen hier ganz gut, und wenn nachher ein paar fehlen, macht es auch nichts.
Stephen: Nein, so geht das nicht, wir machen es anders. Wir lassen unsre treuen Hunde um unsere beiden Herden kreisen, dann passiert nichts.
Andreas: Meinetwegen.
4. Schaf: Habt ihr gehört, was er gesagt hat? Schnell, kommt mit mir hinter das Gebüsch; wenn erst mal die Hunde die Herde umkreisen, kommen wir nicht mehr weg.
1.-3. Schaf: Ja, los, schnell weg! (Sie verschwinden im Gebüsch)

2. Szene (Im Stall. Joseph und Maria, Kind in der Krippe)

Joseph: Horch, was ist das?
Maria: Es ist was draußen.
Joseph: Es hört sich an wie ein Tier.
Maria: Geh du nachsehen, ich will noch ein bisschen schlafen.
Joseph: Ja, das tu, ich sehe inzwischen nach. (er öffnet die Tür, die vier Schafe stehen davor) Nanu, was wollt ihr denn hier? Habt ihr euch verlaufen?

(Die Schafe drängen an ihm vorbei zur Krippe)

4. Schaf: (zum Jesuskind) Der Engel hat uns gesagt, dass du Gottes Sohn bist und uns helfen kannst. Wir bitten dich, sei du unser guter Hirte!
2. Schaf: Seht nur, es nickt! Es versteht unsere Sprache !
3. Schaf: Seht nur, es lacht! Es nimmt uns an!
1. Schaf: Wir wollen hierbleiben. Oh, wie wunderschön ist auf einmal das Leben!
Die 4 Schafe zusammen: Gott der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Maria: (aufwachend) Denk nur, Joseph, was ich geträumt habe! Ein Engel ist mir erschienen und hat gesagt, dass wir vier Schafe zu uns nehmen sollen!(Sie erblickt die Schafe) Oh, da seid ihr ja! Ihr könnt bei uns bleiben.

(Die Schafe legen sich in die Ecke)

(Es klopft)

Joseph: Horch, es klopft, wer mag das sein?
Maria: Sieh doch einmal nach. Dies ist eine seltsame Nacht.

(Joseph öffnet die Tür, Stephen und Andreas treten ein, Andreas bleibt an der Tür stehen.)

Stephen: (voll Begeisterung) Oh wie wunderbar, endlich haben wir gefunden, was der Engel verkündet hat! (Er wendet sich dem Kind zu) Und du bist der Sohn Gottes, unser Helfer! (Er kniet an der Krippe nieder) Ich danke dir, dass du zu uns gekommen bist. Nun können alle Menschen dich sehen, und keiner braucht mehr zu zweifeln. (Er wendet sich zu Andreas um) Sieh nur, es nickt! Es versteht mich! Oh wie wunderbar ist das alles! Aber etwas habe ich ja vergessen! Ich wollte ja eine Gabe mitbringen! Oh ich Dummer, nun habe ich gar kein Gastgeschenk! - Aber was sehe ich? Da liegen ja zwei von meinen Schafen! Das nenne ich einen Zufall! Wie seid ihr denn hierher gekommen? Den Hunden könnt ihr doch nicht entwischt sein! Na, egal, jedenfalls seid ihr hier. (Zu Joseph) Darf ich euch diese beiden Schafe als Gastgeschenk hierlassen?
Joseph: Herzlichen Dank.
Stephen: So, und nun wollen wir nicht länger stören, das Kind und seine Mutter brauchen Ruhe. Willst du nicht mitkommen, Andreas ? (Andreas rührt sich nicht) Na ja, dann gehe ich schon vor. Auf Wiedersehen (ab)
Maria: (zu Andreas) Komm nur herein, du möchtest doch sicher auch mein Kind sehen.
Andreas: (tritt langsam zur Krippe, wirft einen Blick hinein und verdeckt entsetzt die Augen mit den Händen)
Maria: Was hast du?
Andreas: (stöhnend) Es ist ein Lamm!

(Der Engel tritt hinter der Krippe hervor und deutet auf das Kind)

Engel: Siehe, dies ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. (Engel verschwindet)
Andreas: (wirft sich zu Boden) Oh, ich schlechter Mensch! Immer habe ich die Schafe gehasst und verachtet, und nun ist Gott selbst ein Lamm! Oh dass mich doch die Erde verschlingen möge! Was soll ich nur tun?

(1. und 2. Schaf kommen aus der Ecke hervor, bleiben vor ihm stehen.)

Maria: (sanft) Sieh nur, du armer Mann, ich glaube, diese beiden Tiere wollen dir etwas sagen. Gehören sie dir vielleicht?
Andreas: (den Kopf hebend und die Schafe ansehend) Ja, und ich habe ihnen oft nichts zu fressen gegeben und sie frieren lassen.
Maria: Aber jetzt tut es dir leid, nicht wahr?
Andreas: Ja, sehr, aber jetzt ist es zu spät.

(1. und 2.Schaf berühren seine Hände)

Maria: Das denke ich nicht. Fühlst du, was sie dir sagen wollen? Sie verzeihen dir. Hast du nicht gehört, was der Engel eben sagte? Dies (sie zeigt auf das Kind) ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Es kann auch deine Sünde hinwegnehmen. Schau noch einmal in die Krippe.
Andreas: (steht langsam auf, schaut das Kind an) Es ist ein Menschenkind!
Maria: Ja, es ist ein Menschenkind. Es ist dir nur in der Gestalt eines Lammes erschienen, damit du erkennen solltest, dass alle Tiere Gottes Geschöpfe sind.
Andreas: Mir wird so leicht. Wie wunderbar ist Gottes Fügung! Jetzt erkenne ich, dass alle Geschöpfe Geschwister sind! (Er umarmt die beiden Schafe) Oh, ihr lieben Brüder, wie freue ich mich! Ich will euch belohnen für eure große Güte gegen mich. Ihr sollt immer bei diesem wunderbaren göttlichen Kind bleiben dürfen. Nun will ich schnell zu meinen Schafen zurückgehen und sie versorgen.

(Alle Spieler versammeln sich auf der Bühne und sprechen den 23. Psalm)

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