Herskovits
Gesine Doernberg: Allgemeingültigkeitsanspruch der Menschenrechte einerseits - Kulturabhängigkeit der Menschen andererseits; kann der Kategorische Imperativ Kants zur Lösung dieses Spannungsverhältnisses beitragen?

(Arbeitsgruppe auf dem AIPPh-Kongreß „Menschenrechte im Philosophieunterricht“ 1990 in Amersfoort (Niederlande))

Im Mittelpunkt des Ethiksemesters in 13/I steht in meinem Philosophieunterricht häufig der Kategorische Imperativ Kants. Den Abschluss dieses Semesters bildet meist die Lektüre eines Aufsatzes des Menschenrechtlers N.J.Herskovits, der 1947 in der Kommission mitwirkte, die die Menschenrechtserklärung ausarbeitete. Herskovits betont einerseits die Tatsache, dass die Menschenrechtserklärung überall das Recht des Individuums auf volle Entfaltung seiner Persönlichkeit fordern müsse, sieht aber andererseits die Schwierigkeit, dass sich die Persönlichkeit des Individuums nur im kulturellen Rahmen seiner Gesellschaft entwickeln kann. Einige Sätze aus dem betreffenden Aufsatz mögen die Schwierigkeit verdeutlichen:
„Für den Verfasser einer Menschenrechtserklärung stellt sich als erste Aufgabe die Lösung
des folgenden Problems: Wie kann die beabsichtigte Erklärung auf alle Menschen
Anwendung finden?
Soll der Kern der Erklärung - wie zu fordern ist - darin bestehen, das Recht des Individuums auf volle Entfaltung seiner Persönlichkeit zu betonen, dann muss sie auf der Anerkennung der Tatsache beruhen, dass sich die Persönlichkeit des Individuums nur im kulturellen Rahmen seiner Gesellschaft entwickeln kann. Daher bedingt die Achtung
individueller auch die Achtung kultureller Verschiedenheiten. Die Achtung kultureller Unterschiede folgt aus der wissenschaftlichen Tatsache, dass noch keine Methode zur qualitativen Bewertung von Kulturen entdeckt worden ist.

Hier entsteht jedoch ein Dilemma, da jedes Individuum wegen der sozialen Bedingtheit des Lernprozesses zu der Annahme gezwungen ist, dass seine eigene Lebensweise die wünschenswerteste ist. Ziele, die das Leben eines Volkes leiten, erscheinen diesem Volk unmittelbar evident. Wahrheiten erscheinen uns nur deshalb als ewig, weil man uns
beigebracht hat, sie so anzusehen; jedes Volk lebt im Glauben an Wahrheiten, deren Ewigkeitscharakter für dieses Volk real ist.

Das bedeutet, dass Maßstäbe und Werte relativ auf die Kultur sind, aus der sie sich herleiten. Die Menschenrechte des 20. Jahrhunderts können nicht entsprechend den Maßstäben einer einzelnen Kultur formuliert oder von den Idealen eines einzelnen Volkes diktiert werden, denn Menschen, die nach Werten leben, welche in einer zu eng gefassten
Erklärung unberücksichtigt bleiben, werden dadurch an einer Selbstverwirklichung gehindert, wie sie den Institutionen, Normen und Zielvorstellungen ihrer eigenen Kultur entspricht.
Weltweite Maßstäbe der Freiheit und Gerechtigkeit müssen die Grundlage der Menschenrechte bilden, und man muss ausgehen von dem Prinzip, dass der Mensch nur frei ist, wenn er so lebt, wie seine Gesellschaft Freiheit definiert, und dass er die Rechte erhält, die er als Glied seiner Gesellschaft akzeptieren kann. Jedoch kann eine dauerhafte
Weltordnung nicht anders konzipiert werden als in der Form, dass sie die unbehinderte Persönlichkeitsentwicklung aller Mitglieder der sie konstituierenden Gesellschaften zulässt.“

Im Anschluss an die Lektüre dieses Aufsatzes, den ich auch schon in gekürzter Form für die Abschlussklausur oder für eine Abiturklausur verwendet habe, fordere ich die Schüler auf, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sich der Kategorische Imperativ Kants als Grundlage für eine Menschenrechtserklärung im Sinne von Herskovits eignen würde. Als Antwort wäre etwa folgendes herauszuarbeiten:
Bei seiner Aufstellung des Kategorischen Imperativs geht Kant davon aus, dass alle Menschen vernunftbegabte Wesen sind, die frei sind und sich selbst Gesetze geben können (Autonomie). Aus diesem Begriff des Gesetzes wird nun der Kategorische Imperativ abgeleitet, dessen Grundformel lautet: Handle so, dass du sogleich wollen kannst, dass die Maxime deines Willens ein allgemeines Gesetz werde.
Herskovits geht ebenso wie Kant vom Individuum aus; Ziel einer Menschenrechtserklärung muss die volle Entfaltung der Persönlichkeit des Individuums sein. Jedoch kann sich das Individuum nach Herskovits nicht unabhängig von seiner Kultur entfalten. Und da der Mensch in seiner Kultur befangen ist, erscheint eben auch die Entfaltungsmöglichkeit seiner eigenen Kultur als einzig erstrebenswert sowohl für sich selbst als auch für andere. Wenn dies so ist, kann jeder Mensch nur das als allgemeines Gesetz wollen, was in seiner Kultur als das beste gilt. Das würde bedeuten: Der Allgemeingültigkeitsanspruch des Kategorischen Imperativs scheitert an der Kulturabhängigkeit der Individuen.
Jedoch wird bei dieser Beurteilung die Voraussetzung, die den Kategorischen Imperativ bei Kant erst möglich macht, zu wenig berücksichtigt. Diese Voraussetzung ist die Freiheit des Individuums: Um wollen zu können, das meine Maxime ein allgemeines Gesetz werde, muss ich frei (autonom) sein wollen (sonst könnte ich keine Gesetze geben). Indem ich aber frei sein will, muss ich nach dem Kategorischen Imperativ zugleich wollen können, dass alle anderen auch frei seien. Diese Voraussetzung der Freiheit jedes einzelnen verhindert ein Absolutsetzen der eigenen Freiheit. Meine Freiheit, einen kulturabhängigen Wert für alle zu wollen, ist da zu Ende, wo durch mein Handeln die Freiheit von Individuen anderer Kulturkreise missachtet wird. Ich kann zwar wollen, dass der betreffende Wert ein Gesetz werde, aber ich kann es nur für die wollen, die diesen Wert als Gesetz ebenfalls wollen (z.B. andere Personen meines Kulturkreises). Das heißt, ich kann nicht wollen, dass diese Maxime ein allgemeines Gesetz werde.
Hier ergibt sich jedoch ein neues Problem, das auch Herskovits in seinem Text nicht zu lösen vermag. Wenn alle Werte kulturabhängig sind, so kann man keinen von ihnen als Grundlage für allgemeingültige Menschenrechte benutzen. Gibt es aber „weltweite Maßstäbe der Freiheit und Gerechtigkeit“, wie es bei Herskovits heißt, oder, wie bei Kant, die für alle Menschen gültige Voraussetzung der Freiheit, so schränkt diese Voraussetzung den Herskovitsschen Ausgangspunkt des Kulturrelativismus wieder ein, wie es ja auch am Ende des Textes heißt, dass die unbehinderte Persönlichkeitsentwicklung aller Mitglieder der die Weltordnung konstituierenden Gesellschaften den Kern der Menschenrechte bilden muss. Das allen Menschen gemeinsame Fundament, auf das sich allgemeingültige Menschenrechte stützen können, wäre demnach die Voraussetzung der Freiheit, wie sie Kant auch für seinen Kategorischen Imperativ macht. Dem widerspricht nicht die kulturbezogene Realisierung der Freiheitsidee, wie oben gezeigt wurde.
Wenn man allerdings, wie dies möglich wäre, die Freiheitsvoraussetzung selbst als eine in unserem Kulturkreis entstandene und dann unzulässig verallgemeinerte Wertvorstellung ansieht, werden sowohl der Kategorische Imperativ Kants als auch die Menschenrechte in der Form, wie sie Herskovits zu begründen versucht, hinfällig.

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