Gesine Doernberg : Die Flucht nach Ägypten, (1990)


1. Akt: 1900 v.Chr.

1. Szene (an der ägyptischen Grenze. Vier ägyptische Straßenverkäufer bieten ihre Waren an.)

Obstverkäufer: Melonen, Datteln, Feigen zu verkaufen, frisch gepressten Fruchtsaft! Hier ist Ägypten, das fruchtbare Land am Nil, hier braucht niemand Durst zu leiden!
Brotverkäufer:

Brot zu verkaufen! Frisch gebackene Brötchen und süßen Kuchen! Hier ist Ägypten, das fruchtbare Land am Nil, hier braucht niemand zu hungern!

Bettenverkäufer: Decken zu verkaufen! Weiche, hübsch gestickte Kissen! Hier ist Ägypten das sichere Land am Nil, hier kann jeder ruhig schlafen!
Schmuckverkäufer: Ketten und Ringe zu verkaufen! Heilige Käfer aus Gold und Armreifen mit dem heiligen Sonnenzeichen! Hier ist Ägypten, das reiche Land am Nil, wo die heiligen Käfer und die Sonne angebetet werden!

(Abraham und Sara kommen erschöpft und abgelumpt herein)

Abraham: Sieh nur, Sara, endlich haben wir es geschafft! Endlich sind wir in Ägypten! Wie lange habe ich schon kein Obst und kein Brot mehr gesehen!
Sara: Oh bitte, Abraham, kauf mir eine Melone und ein Brötchen, ich habe solchen Hunger und Durst.
Abraham: (kauft, beißt selbst in ein Brötchen und gibt Sara das Verlangte) Hier hast du endlich wieder was zu essen! Wie gut, dass wir der schlimmen Hungersnot bei uns zu Hause im jüdischen Land entkommen sind!
Sara: Wenn Gott dir nicht gesagt hätte, dass wir hierher nach Ägypten fliehen sollen, wären wir umgekommen!
Abraham: Ja, ganz bestimmt. Wir wollen Gott danken.

(Sie knien nieder, um zu beten)

Schmuckverkäufer: He, was macht ihr denn da? Ihr seid hier in Ägypten, da darf man nur den heiligen Käfer oder die Sonne anbeten!
Abraham: (mit Sara erschrocken aufstehend) Oh, entschuldigt, wir wollten euch nicht beleidigen. Aber wir glauben an Gott, den Schöpfer der Käfer und der Sonne.
Schmuckverkäufer: Das lasst bloß nicht den Pharao hören! Es gibt keinen Schöpfer der Sonne, denn die Sonne hat selbst alles geschaffen. Und der heilige Käfer Skarabäus ist fast so mächtig wie sie.
Abraham: Lass gut sein, wir werden uns doch nicht streiten! Wo können wir denn hier wohnen?
Schmuckverkäufer: Wenn ihr euch den Sitten des Landes anpasst, könnt ihr hier euer Zelt aufschlagen.

2. Szene (Abraham und Sara vor ihrem Zelt)

Abraham: Wie gefällt es dir in Ägypten, Sara?

Sara:

Es ist ja alles schön und gut, es gibt reichlich zu essen und zu trinken und man kann auf Kissen schlafen, aber trotzdem fühle ich mich hier unglücklich. Auch dass wir immer heimlich beten müssen, stört mich. Und wenn ich ausgehen will, muss ich immer mit dem Wagen fahren! Zu Hause hatten wir es zwar schwerer, aber wir waren frei.
Abraham: Mir geht es ähnlich. Heute habe ich von einem Reisenden gehört, dass die Hungersnot im jüdischen Land vorbei ist. Was hältst du davon, wollen wir wieder nach Hause ziehen?
Sara: Oh ja, lieber heut als morgen!
Abraham: So komm!

(Sie ziehen los)

(Die vier Verkäufer treten auf)

Obstverkäufer: Was ist denn das? Wollt ihr wieder weg?
Abraham: Ja, wir wollen wieder nach Hause.
Obstverkäufer: Das solltet ihr euch aber gut überlegen, bei euch gibt es nicht solche leckeren Fruchtsäfte!
Brotverkäufer: Und keine süßen Kuchen!
Bettenverkäufer: Und keine gestickten Kissen!
Abraham: Das stimmt, aber bei uns zu Hause sind wir frei, und wir können überall unseren Gott anbeten.
Schmuckverkäufer: Macht bloß, dass ihr fortkommt! Leute, die nicht an unsere Götter glauben, können wir sowieso nicht gebrauchen!
Abraham: (ruhig) Du könntest ruhig etwas liebenswürdiger sein, mein Freund. Die Sonne, die du anbetest, bescheint auch mich, und mein Gott ist auch für dich da. Vielleicht wirst du das später einmal erfahren.

II. Akt: 597 v.Chr.

1. Szene (An der ägyptischen Grenze. Die vier Verkäufer)

Obstverkäufer: Melonen, Datteln, Feigen zu verkaufen; frisch gepressten Fruchtsaft! Hier ist Ägypten, das fruchtbare Land am Nil, hier braucht niemand Durst zu leiden!
Brotverkäufer: Brot zu verkaufen! Frischgebackene Brötchen und süßen Kuchen! Hier ist Ägypten, das fruchtbare Land am Nil, hier braucht niemand zu hungern!
Bettenverkäufer: Betten zu verkaufen! Weiche, hübsch gestickte Kissen! Hier ist Ägypten, das sichere Land am Nil, hier kann jeder ruhig schlafen!
Schmuckverkäufer: Ketten und Ringe zu verkaufen! Heilige Käfer aus Gold und Armreifen mit dem heiligen Sonnenzeichen! Hier ist Ägypten, das reiche Land am Nil, wo die heiligen Käfer und die Sonne angebetet werden!

(Der Prophet Uria kommt atemlos hereingelaufen, sich dauernd umsehend)

Uria: Wo sind sie? Sie sind hinter mir her! Bin ich hier sicher?
Bettenverkäufer: Nur ruhig, mein Freund! Hier in Ägypten tut dir keiner was. Kauf dir ein Kissen und eine Decke und ruh dich aus. Du bist ja ganz abgehetzt!
Uria: Ein Glück, ich habe es geschafft! Ich bin in Ägypten! (Kniet nieder) Ich danke dir, Gott, dass du mich gerettet hast.
Schmuckverkäufer: He, was soll das? Bei uns dürfen nur die Sonne und der heilige Käfer Skarabäus angebetet werden! Steh sofort auf, sonst hole ich die Aufseher des Pharao!
Uria: (erschrocken aufstehend) Was ist das? Hat Gott mir nicht selbst befohlen, hierher zu fliehen? Und nun soll ich ihm nicht danken dürfen?
Schmuckverkäufer: Was du bei dir zu Hause getan hast, ist uns hier egal. Jetzt bist du hier, und wenn du unseren Schutz genießen willst, musst du dich an unsere Gewohnheiten halten.
Uria: (entsetzt) Das ist ja furchtbar! Ich bin ja gerade unter Lebensgefahr meinen Feinden entkommen, und nun muss ich wieder zurück, weil ich meinen Glauben nicht ausüben kann!
Obstverkäufer: (ihn beiseite nehmend) Du darfst das nicht so eng sehen! Er ist etwas fanatisch, was den Glauben angeht, und hat etwas gegen Fremde. Du brauchst ja nicht öffentlich zu beten, um kein Ärgernis zu erregen, aber du musst deinen Glauben nicht ablegen. Ich kenne viele hier, die anders denken als wir Ägypter.
Uria: Ich danke dir, mein Freund, für diese trostreichen Worte. Wo kann ich denn bleiben?
Obstverkäufer: Du kannst hier dein Zelt aufschlagen, aber denk an meine Warnung.
Uria: Das will ich tun.

2. Szene (Uria in Wanderkleidung, die Verkäufer)

Obstverkäufer: Was ist das, willst du etwa wieder fort?
Uria: Ja, ich muss fort. Ich halte es nicht mehr aus.
Bettenverkäufer: Das wirst du aber bereuen. Bedenke, dass du hier sicher ruhen kannst und nicht verfolgt wirst.
Obstverkäufer: Was ist es denn, was dir so unerträglich ist?
Uria: Ich bin ein Prophet des Gottes meines Volkes, und ich halte es nicht mehr aus, meinen Glauben nicht öffentlich bekennen zu dürfen.
Schmuckverkäufer: So mach, dass du fortkommst! Leute, die nicht an unsere Götter glauben, können wir sowieso nicht gebrauchen!
Uria: Als Prophet Gottes sage ich dir: Mäßige deinen Stolz; es kann sein, dass du einmal selbst unseren Gott anbeten wirst.
Schmuckverkäufer: Das wird nie geschehen!

III. Akt: Im Jahre der Geburt Christi

1. Szene (An der ägyptischen Grenze. Die vier Verkäufer. Joseph und Maria, die das Jesuskind hält.)

Joseph: Gott sei dank, Maria, wir haben es geschafft, wir sind in Ägypten! Hier sind wir sicher vor Herodes, der unser Kindlein ermorden wollte.
Maria: Endlich gibt es wieder was zu essen und zu trinken nach der langen Wüstenwanderung. Bitte, Joseph, kauf mir eine Melone, ich habe solchen Durst.
(Joseph tut es)  
Obstverkäufer: Kommt her, erquickt euch, hier braucht ihr keinen Durst zu leiden.
Bettenverkäufer: Kommt her, kauft euch eine Decke und ruht euch aus, hier in Ägypten könnt ihr ruhig schlafen. Wer ist denn dieser Herodes, der eurem Kind etwas tun wollte?
Joseph: Es ist der König des jüdischen Landes.
Bettenverkäufer: Wieso kümmert sich denn euer König um so arme Leute, wie ihr seid?
Maria: Dieses Kind ist ein besonderes Kind. Es ist Gottes Sohn, und Herodes hat Angst, dass es mächtiger werden könnte als er selbst.
Brotverkäufer: Gottes Sohn? Was heißt denn das? Hat denn euer Gott Kinder? Bist du nicht die Mutter von diesem Kind?
Maria: Doch, ich habe es zur Welt gebracht. Ich verstehe es auch nicht, das Ganze ist ein Wunder Gottes. Als ich mit dem Kind ging, erschien mir ein Engel und sagte: „Maria, du bist von Gott auserwählt; das Kind, das du erwartest, wird der Retter der Welt sein.“ In der Nacht, als das Kind geboren wurde, kamen eine Menge Engel vom Himmel, die riefen: „Der Heiland ist geboren, Gottes Sohn, Jesus Christus der Herr!“ Und dann kamen weise Männer aus dem Morgenland, die hatten seinen Stern gesehen und wollten es anbeten. Sie fragten Herodes, wo der neugeborene König wäre. Da bekam Herodes Angst und befahl, alle neugeborenen Kinder in unserem Dorf umzubringen; aber Gott erschien Joseph im Traum und warnte ihn und sagte uns, wir sollten nach Ägypten fliehen.
Obstverkäufer: Das ist ja eine wunderbare Geschichte!
Brotverkäufer: Das muss ja ein wunderbares Kind sein, darf ich es einmal sehen?
Maria: Gern, hier ist es.
Brotverkäufer: (schaut das Kind an, erschrickt, fällt auf die Knie) Mächtiger Gott, Retter der Welt, ich bete dich an!
Schmuckverkäufer: Jetzt ist aber Schluss! Erst führt ihr lästerliche Reden gegen unseren großen Sonnengott und den heiligen Käfer Skarabäus, und jetzt verzaubert ihr auch noch meinen Freund, den Brotverkäufer, dass er ebenfalls öffentlich unsere Götter beschimpft! Ich werde es sofort dem Pharao melden, damit er euch ins Gefängnis wirft!
Brotverkäufer: Du kannst dem Kind nichts tun, schau es nur einmal an.
Schmuckverkäufer: Ich denke gar nicht daran, dann werde ich noch verzaubert, wie du verzaubert bist! Sofort gehe ich zum Pharao!
Brotverkäufer: Das tust du nicht. Ich bin stärker als du und werde dich mit Gewalt daran hindern. Erst musst du das Kind anschauen, dann kannst du tun, was du willst.
Schmuckverkäufer: Also gut, aber ich lasse mich nicht bezaubern. (Er wirft einen Blick auf das Kind) (Erschrocken) Was ist das? (Er fällt auf die Knie) Heiliger Skarabäus, heilige Sonne, verzeiht! Ich wusste nicht, dass ihr diesem Kind beisteht!
Brotverkäufer: Verstehst du jetzt, warum ich es anbetete?
Schmuckverkäufer: Ja, jetzt verstehe ich es. Mit seinen kleinen Händen füttert es einen heiligen Skarabäus-Käfer, und sein Kopf ist umgeben vom Strahlenkranz der Sonne! (zum Jesuskind) Mächtiger Heiland, dem Sonne und Skarabäus dienen, verzeih mir meinen Irrtum!
Maria: (sanft) Es verzeiht dir, schau, es lächelt.
Joseph: Wo können wir denn hier wohnen?
Schmuckverkäufer: Ihr kommt natürlich mit zu mir nach Hause! Wir haben Platz, da könnt ihr wohnen.
Obstverkäufer: Hier, nehmt meine Melonen umsonst, die könnt ihr dem Kind geben, wenn es Durst hat.
Brotverkäufer: Hier, ich schenke euch meine süßen Kuchen, die kann das Kind essen.
Bettenverkäufer: Hier, nehmt Decken und Kissen, damit das Kind weich liegt.
Maria: Habt Dank, ihr guten Leute! Oh Joseph, wie wunderbar hat Gott das alles gefügt!

2. Szene (Joseph und Maria mit Jesuskind, aufbrechend. Schmuckverkäufer dazu)

Schmuckverkäufer: Was ist das? Wo wollt ihr denn hin?
Joseph: Ich habe heute nacht im Traum einen Engel gesehen, der hat mir gesagt, dass Herodes tot ist. So können wir wieder in unsere Heimat zurückkehren.
Schmuckverkäufer: Und ich hatte gehofft, ihr würdet immer bei uns bleiben! Ich habe dieses wunderbare Kind so lieb gewonnen, ich glaube, ich kann gar nicht mehr ohne es leben.
Maria: Ich will dir etwas sagen. Dieses Kind wird erwachsen werden und noch vielen Menschen den Segen bringen, den es dir gebracht hat. Es wird sein Leben für die Menschen hingeben, aber sein heiliger Geist wird sich überall in der Welt ausbreiten. Überall werden Menschen sein, die es anbeten, und sie werden Christen heißen. So bleibe du nun hier in Ägypten als erster Christ, bewahre mit den Deinen den Glauben an dieses Kind, das größer ist als Skarabäus und Sonne, weil es der Sohn Gottes ist, der Himmel und Erde, Sonne und Skarabäus geschaffen hat. Und wenn die Zeit gekommen ist, dass der heilige Geist sich ausbreiten wird, so baue du hier in Ägypten die erste christliche Kirche, wo dieses Kind geliebt und angebetet werden kann.
Schmuckverkäufer: Das will ich tun. Hab Dank für deine Worte. Gott behüte euch.
Maria und Joseph: Behüt dich Gott.

 

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