Existenz
Gesine Doernberg: Der Mensch in seiner Existenz

(Mehrmals aktualisiertes Referat zum Thema Anthropologie anlässlich der
Weiterbildungsmaßnahme für Werte- und Normenlehrer in Lingen seit 1997)

Als Einstieg möge eine kleine Geschichte aus „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder dienen:
Ein weißes Kaninchen wird aus einem leeren Zylinder gezogen. Weil es ein sehr großes Kaninchen ist, nimmt dieser Trick viele Milliarden Jahre in Anspruch. An der Spitze der Haare werden alle Menschenkinder geboren. Deshalb können sie über die unmögliche Zauberkunst staunen. Aber wenn sie älter werden, kriechen sie immer tiefer in den
Kaninchenpelz. Und da bleiben sie. Da unten ist es so gemütlich, dass sie nie mehr wagen, an den dünnen Haaren im Fell wieder nach oben zu klettern. Nur die Philosophen wagen sich auf die gefährliche Reise zu den äußersten Grenzen von Sprache und Dasein.
Einige von ihnen gehen unterwegs verloren, aber andere klammern sich an den Kaninchenhaaren fest und rufen den Menschen zu, die tief unten im weichen Fell sitzen und sich mit Speise und Trank den Bauch vollschlagen : „Meine Damen und Herren“, rufen sie, „wir schweben im leeren Raum!!!“
Aber keiner der Menschen unten im Fell interessiert sich für das Geschrei der Philosophen. „Himmel, was für Schwätzer“, sagen sie. Und dann reden sie weiter wie bisher: Kannst du mir mal die Butter geben? Wie hoch stehen heute die Aktien? Was kosten die Tomaten?...

Was in dieser Geschichte als charakteristisch für die Philosophen beschrieben wird, nämlich das Hinausstreben aus dem Alltäglichen und Selbstverständlichen, ist für die Vertreter der Existenzphilosophie das Charakteristikum und die Lebensaufgabe des Menschen überhaupt. Existenz heißt übersetzt „das Herausstehen“, d.h., um im Bilde zu bleiben, das Dasein am Ende eines Kaninchenhaares. Die Erfahrung dieses Zustandes kann jeder nur selbst machen, aber die Vertreter der Existenzphilosophie versuchen die Gefühle und Fragen zu beschreiben, die den Zustand der Existenz charakterisieren und die ihrer Ansicht nach das eigentlich Menschliche des Menschen ausmachen:

Das wichtigste und zentralste Gefühl in der Existenz ist die Angst. „Der Mensch ist Angst“, sagt Jean-Paul Sartre. Die Angst hat keinen bestimmten Gegenstand wie die Furcht, sondern ist ein allgemeines Grundgefühl der Unsicherheit und Bedrohtheit. Angst wird von den Vertretern der Existenzphilosophie als notwendiger Schlüssel zum bewussten und existenziellen Leben angesehen. Um im Bilde zu bleiben: Sich verzweifelt an die Spitze des schwankenden Kaninchenhaars anklammernd erblickt das kleine Menschlein um sich her eine große Leere. Von allen Seiten strömt sie auf ihn ein und droht seine unsichere Existenz zu vernichten. Wie unendlich wichtig wird ihm jetzt das dünne Kaninchenhaar seines Daseins! Alles Seiende schaut er in einem neuen Licht, da er es zugleich als der Ver-Nichtung entrissen erlebt. Aber um dieses existentielle Bejahen des Seins zu erreichen, muss er zunächst die Bedrohung durch das Nichts erleben, die unterschiedliche Erscheinungsformen haben kann:

Er kann erfahren, dass es keine Essenz, keinen Sinn gibt, in den seine Existenz schützend eingebettet ist, sondern dass er in das Leben geworfen und gezwungen ist, sich seinen eigenen Sinn immer neu zu schaffen. Er muss sich laufend entscheiden, aber es gibt nichts, wonach er sich entscheiden kann, er ist zu absoluter Freiheit verurteilt (Sartre).
Ein Aphorismus Franz Kafkas fasst diese Erfahrung in ein Bild:
„Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Alle wollten Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des
Diensteides.“

Auch für Albert Camus ist das Bewusstsein der Absurdität des Lebens die wichtigste Existenzerfahrung. Für ihn ist der Zwiespalt zwischen dem Anspruch auf Sinn und dessen fehlender Erfüllung der Motor allen Handelns. Camus fordert die Menschen auf, Widerstand zu leisten, zu revoltieren gegen das Absurde, obwohl oder gerade weil er weiß, dass auch diese Revolte objektiv gesehen sinnlos bleibt.

Die Erfahrung der Sinnlosigkeit ist aber nur eine Möglichkeit, die Bedrohung durch das Nichts zu erleben. Die zweite Möglichkeit ist die Angst vor der Vernichtung, vor der Vergänglichkeit und vorm Tode. Dem Menschen wird bewusst, dass nichts bleibt und dass auch er selbst dem Nichts anheimfallen wird. In jeder Krankheit kommt er ihm näher, und auch alle seine Lebenspläne, die er entwirft, sind von Misslingen und Zerstörung bedroht. Für Martin Heidegger ist gerade dieses Bewusstsein, dass alles durch die Vergänglichkeit, durch das Nichts bedroht ist, eine Quelle der Wertschätzung alles Seienden. Nichts Seiendes ist mehr selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass es auch nicht sein könnte. Die kleinste Reblaus in den Weinbergen wird ihm zum Ausdruck eines Sieges des Seienden gegen das Nichts.

Die dritte Weise das Nichts zu erleben ist die Erfahrung des Bösen und der Schuld. Sie ist wie die beiden anderen Ängste der Sinnlosigkeit und des Todes nicht erst im Existenzialismus thematisiert worden, sondern hat immer schon das menschliche Bewusstsein bewegt. Goethe hat diese Erfahrung in der Selbstcharakterisierung Mephistos im „Faust“ beschrieben. Mephisto sagt:
„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.“

Für die Vertreter der Existenzphilosophie besteht das Böse in der Versuchung, die Nichtserfahrung zu verdrängen. Um noch einmal auf das Bild von dem Kaninchenfell zurückzukommen: das schreckliche Erleben der Existenz an der Spitze eines Haares bewirkt in dem Individuum den Impuls wegzulaufen, zurückzukriechen in das warme Fell und das Angsterlebnis zu ignorieren. Der Mensch hat das dringende Bedürfnis, einfach so zu tun, als ob er nicht absolut frei wäre, sondern unter unausweichlichen Zwängen und Normen stünde, die ihm die Entscheidung abnehmen. Er schiebt körperliche, gesellschaftliche oder religiöse Bedingungen vor, um seine Existenznot zu erleichtern; dies ist es, was Sartre „mauvaise foi“ (etwa: Unredlichkeit) nennt. Aber wer sich einmal im Zustand der Existenz befunden hat, kann nicht mehr zurück in den vorbewussten Zustand der Alltäglichkeit, und wer es versucht, bekommt Schuldgefühle; die Erfahrung des Nichts verfolgt ihn überall. Immer mehr Schutzwälle baut er auf, Gott und die Welt sollen ihm helfen, über dem Seienden das vom Nichts bedrohte Sein zu vergessen und in die „Seinsvergessenheit“ (Heidegger) zu fliehen. Kafka formuliert diese Situation in einem Aphorismus so:

„Niemand kann sich mit der Erkenntnis des Guten und Bösen allein begnügen, sondern muss sich bestreben, ihr gemäß zu handeln. Dazu aber ist ihm die Kraft nicht mitgegeben, er muss daher sich zerstören, selbst auf die Gefahr hin, sogar dadurch die notwendige Kraft nicht zu erhalten, aber es bleibt ihm nichts anderes übrig als dieser letzte Versuch.
Vor diesem Versuch nun fürchtet er sich; lieber will er die Erkenntnis des Guten und Bösen rückgängig machen; aber das Geschehene kann nicht rückgängig gemacht, sondern nur getrübt werden. Zu diesem Zweck entstehen die Motivationen. Die ganze Welt ist ihrer voll, ja die ganze sichtbare Welt ist vielleicht nichts anderes als eine Motivation des
einen Augenblick lang ruhenwollenden Menschen.“

An anderer Stelle vergleicht Kafka die Wahrheit mit einem starken, alles verbrennenden Licht, vor dem sich alles Seiende auflöst. Wenn es allerdings etwas Unzerstörbares im Menschen gibt, löst sich dieses nicht auf, sondern verschmilzt mit der Wahrheit. Soweit Kafka.
Diese Gedanken Kafkas sind zum einen ein Beleg für die existenzialistische Erfahrung des Bösen im Ausweichen vor dem Versuch, das absolut Gute zu erreichen; zum anderen werden hier aber auch zwei Aspekte deutlich, die zum zweiten Teil meiner Ausführungen überleiten können, der die Wirkung und Bedeutung der Existenzphilosophie behandelt.

Das schreckliche Licht in Kafkas Text, das alles Bedingte zerstören will, ist selber ein Unbedingtes, Wahres und Unzerstörbares. Damit nähert sich das Nichts dem anderen Begriff an, der herkömmlich im Zusammenhang mit dem Unbedingten gedacht wird, nämlich Gott. Heidegger distanziert sich von diesem Gedanken, weil dadurch nur ein neuer, auch seiender Grund für das Seiende, nicht aber eine Annäherung an das Sein selbst stattfindet. Für Karl Jaspers dagegen führt die Erfahrung der Existenz zu dem rational nicht fassbaren Erlebnis Gottes. Er kommt damit zu einem ähnlichen Ergebnis wie einer der Väter des Existenzialismus, Sören Kierkegaard, für den die Ausweglosigkeit der Angsterfahrung in der Existenz nur durch die Paradoxie des Glaubens lösbar ist.
„Das Entscheidende ist: Für Gott ist alles möglich. Aber die Entscheidung ist erst da, wenn der Mensch zum Äußersten gebracht ist, so dass es, menschlich gesprochen, keine Möglichkeit mehr gibt. Denke dir einen Menschen, der mit dem ganzen Grauen einer erschreckten Einbildungskraft sich einen Schrecken als unbedingt nicht auszuhalten
vorgestellt hat. Nun passiert es ihm, dass gerade dieser Schrecken ihm zustößt. Menschlich gesprochen ist seine Rettung das Unmöglichste von allem; aber für Gott ist alles möglich! Denn die Möglichkeit ist das einzige Erlösende. Wenn einer ohnmächtig wird, dann ruft man nach Wasser, Eau de Cologne, Hoffmannstropfen; aber wenn einer verzweifeln
will, dann heißt es :Schaff Möglichkeit, schaff Möglichkeit, Möglichkeit ist das einzig Erlösende, eine Möglichkeit, dann atmet der Verzweifelte wieder, er lebt auf, denn ohne Möglichkeit kann ein Mensch gleichsam keine Luft kriegen. Das ist der Kampf des Glaubens, der, wenn man so will, wahnsinnig für die Möglichkeit kämpft.“
Auf diese Weise schlägt bei Kierkegaard die Nichtserfahrung in eine Glaubenserfahrung um.

Kehren wir nun noch einmal zu dem letzten Kafkazitat zurück. Die ganze sinnliche Welt, so hieß es dort, ist nichts als eine Motivation des ruhenwollenden Menschen und kann durch das Licht der Wahrheit aufgelöst werden. In diesem Gedanken zeigt sich eine Konzentration auf das Ich und auf das Unbedingte, die die Welt immer unwichtiger werden lässt. Man hat dieses Phänomen „Weltverlust“ genannt und dem Existenzialismus vorgeworfen, dass er vor lauter Existenz die Umwelt im weitesten Sinne ganz aus den Augen verliert. Dieser Weltverlust ist besonders bei Sartre zu beobachten. Indem der Mensch von Anfang an als absolut frei und gezwungen zum Entwurf von Sinn und Welt gesehen wird, wird er immer mehr zum einsamen Mittelpunkt eines „Alls der menschlichen Ichheit“ (Sartre), in dem die Außenwelt keinen Platz mehr hat. Paul Tillich hat dies in seiner Abhandlung vom „Mut zum Sein“ angesprochen. Für ihn ist der Mensch nicht nur wie für Sartre vom Selbstverlust bedroht, der ihn dazu treibt, sich der Last seiner Freiheit zu entledigen, sondern er ist zugleich auch vom Weltverlust bedroht, indem er vor lauter Autonomiestreben sein positives In-der-Welt-Sein vernachlässigt. Der Mut zum Sein besteht für Tillich sowohl in dem Mut, man selbst zu sein, als auch in dem Mut, ein Teil zu sein. Wird einer der beiden Aspekte außer Acht gelassen, so gelingt auch der Mut zum Sein nicht mehr, denn ohne Welt ist keine Freiheit und Selbstbestimmung keine gestaltende Partizipation möglich. Für Heidegger hat daher die Alltäglichkeit auch einen positiven und einen negativen Aspekt: Sie ist positiv, indem sie eine in Freiheit dem Sein dienende Teilhabe ermöglicht, und sie ist negativ, indem sie zur Seinsvergessenheit führen kann.

Entsprechend findet sich bei Heidegger auch im Gegensatz zu Sartre das In-der-Welt-Sein als Daseinsform des Menschen. Das Motiv des In-der-Welt-Seins hat die Existenzphilosophie mit der Lebensphilosophie gemeinsam, für die nur die unmittelbar durch Erleben gegebene Wirklichkeit relevant ist. Von diesem Ansatz her hat Otto Friedrich Bollnow an der Existenzphilosophie kritisiert, dass sie aus der Welt fortstrebe ins Unbedingte und die verbindliche Tradition sowie die Tatsache, dass der Einzelne immer schon in eine bestehende Kultur eingebunden sei, vernachlässige. Bollnow meint, dass die Existenzphilosophie ihren Durchbruch den Folgen des zweiten Weltkriegs verdanke, da die Menschen zu dieser Zeit nichts Festes mehr hatten, an das sie sich halten konnten und auf die nackte Existenz im wahren und übertragenen Sinne des Wortes zurückgeworfen waren.

Auch Ernst Bloch kritisiert an der Existenzphilosophie, dass sie den gesellschaftlichen Aspekt zu wenig berücksichtige. Er deutet die zentrale existenzielle Erfahrung der Angst in der Begegnung mit dem Nichts um in eine Furcht vor dem Misslingen einer konkreten Absicht und setzt dieser Furcht die Hoffnung auf ein Gelingen durch Aktivität und Tapferkeit entgegen. Diese Umwandlung der Gedanken des Existenzialismus durch Bloch kann als ein Kriterium dafür angesehen werden, dass es dem Menschen im allgemeinen nicht möglich ist, dauernd an der Spitze eines Kaninchenhaares zu leben. Wir brauchen die Wärme des Felles, wo wir uns geborgen fühlen und gemeinsam mit anderen Menschen in einer Welt leben können, wo es nicht Angst, sondern nur konkrete Furcht, nicht Mut, sondern Tapferkeit, nicht Verzweiflung, sondern Hoffnung gibt, kurz, wir brauchen das, was Heidegger Seinsvergessenheit genannt hat, weil dies zugleich auch eine Nichtsvergessenheit ist. Auch in der Vergangenheit ist der Existenzialismus als dauernde Lebenshaltung nur wenigen möglich gewesen. Kafka und Camus haben darin gelebt, zeitweise auch Nietzsche, Kierkegaard und Sartre. Aber schon Heidegger und Jaspers haben der nackten Angst positive Möglichkeiten entgegengesetzt, Heidegger das In-der-Welt-Sein und Jaspers den Gottesbegriff und die Vernunft.

Obwohl es also sicher zutrifft, dass der Existenzialismus als dauernde Labenshaltung problematisch ist, so ist doch andererseits die Leistung der Existenzphilosophie nicht zu unterschätzen. Denn die positiv-aktive Diesseitigkeit, die für die Bewältigung des täglichen Lebens so wichtig ist, hat eben doch ihre Grenzen, wo kein tätiges Verändern mehr möglich ist, sondern wo der Mensch gezwungen ist, Negatives zu ertragen. Die Erfahrung, selbst krank, vielleicht unheilbar krank zu sein; das Mitleiden im Anblick des Leidens anderer, vielleicht geliebter Menschen; das schreckliche Gefühl der Leere nach dem Tod naher Angehöriger; die Erfahrung, nicht Herr im eigenen Haus zu sein und im Affekt Handlungen zu begehen, die man nachher nicht mehr ungeschehen machen kann; oder das niederdrückende Erlebnis, dass man durch kleine Unachtsamkeiten anderen Menschen ungewollt großes Leid zufügt; das Gefühl der Vergeblichkeit aller Anstrengungen und der Übermächtigkeit der widrigen Umstände, die alle Bemühungen sinnlos erscheinen lassen; alle diese Erfahrungen stellen die positiv-diesseitige Aktivität in Frage und erfordern andere Überlebensstrategien. Herkömmlicherweise sind hier die Religionen gefragt; religiös nicht gebundenen Menschen aber zeigt die Existenzphilosophie Möglichkeiten auf, dem Nichts zu begegnen und an dieser Begegnung nicht zu zerbrechen, sondern, wie Heidegger sagt, sich mutig immer neu zu entscheiden für das Seiende gegen das Nichts.
Im übrigen hat die Existenzphilosophie auch der Religion neue Impulse gegeben und sie zu einer wesentlicheren und tieferen Sichtweise zurückgeführt, durch die sie das Nichts wieder ernstnimmt und nicht einfach zudeckt.

Zurück zur Übersicht