Gesine Doernberg: „Der Esel“ 1987


I. Prolog

Sprecher: Als Gott die Tiere schuf, hatte er den Esel besonders lieb. Er gab ihm nicht nur ein weiches Fell und lange Ohren, sondern er gab ihm etwas, das sonst kein Tier hatte: Er gab ihn die Gabe des Gottverstehens.
Er sagte:

Du sollst mich sehen können, wenn keiner mich sieht, Du sollst mich hören können, wenn keiner mich hört. Du sollst mich verstehen können, wenn keiner mich versteht.“ Der Esel freute sich, aber die anderen Tiere und die Menschen glaubten nur, was sie selbst sahen und hörten. Sie meinten, der Esel wäre dumm, weil er mehr sah und hörte als sie. So wurde der arme Esel ganz verachtet; er musste den Menschen dienen, er wurde geschlagen, wenn er nicht schnell genug ging, und wenn ein Mensch einen anderen beschimpfen wollte, sagte er: „Du dummer Esel“.

II. 1. Szene (Bileam, Diener, später: Esel, Engel)

Bileam: Sattle mir meinen Esel, ich muss zum Moabiterkönig reiten.
Diener: Was willst du denn bei dem König?
Bileam: Er hat mich rufen lassen, ich soll seine Feinde, das Volk Israel verfluchen.
Diener: Will denn Gott, dass du das tust?
Bileam: Gott hat nicht gesagt, dass ich es nicht tun soll.
Diener: Hier ist der Esel.
Bileam: Aber das ist nicht wissenschaftlich!
Diener: Meint denn ihr Wissenschaftler, ihr könnt bestimmen, wie man die Welt sehen muss? Unser Pastor hat auch gesagt, dass Gott den Morgenstern gemacht hat.

(Bileam nimmt den Esel an die Leine, sie gehen los. Engel mit Schwert stellt sich in den Weg. Der Esel bleibt stehen.)

Bileam: Du dummer Esel! Was soll denn das nun schon wieder! Geh gefälligst weiter!
Esel: Siehst du denn nicht, wer da steht?
Bileam: Nichts ist da vor uns, nur deine Starrköpfigkeit! Los, geh weiter!
Esel: Ich kann nicht, er hat ein Schwert!
Bileam: Na warte, ich werde dir Beine machen! (schlägt ihn)
Engel: Bileam!
Bileam: Wer ruft mich?
Engel: (berührt seine Augen) Ich bin es!
Bileam: Oh! (fällt auf die Knie)
Engel: Du musst deinem Esel dankbar sein, dass er dir nicht gehorcht hat! Wenn du weiter gegangen wärst, hätte ich dich mit dem Schwert erschlagen.
Bileam:: Bitte tu mir nichts! Ist es nicht Gottes Wille, dass ich weitergehe?
Engel: Nein, du sollst nicht das Volk Israel verfluchen, denn in diesem Volk wird Gottes Sohn geboren werden.
Bileam: So will ich Gott gehorchen. Verzeih mir!
Engel: Bitte lieber deinen Esel um Verzeihung!
Bileam: Ach, das ist wohl nicht nötig! Das ist doch nur ein Esel!
Engel: Verachte den Esel nicht! Der Esel ist ein besonderes Tier, denn er kann Gott sehen. Einmal wird Gott als Mensch für alle sichtbar werden. Er wird Jesus heißen. Aber wenn ihn auch alle sehen werden, so werden ihn doch viele nicht verstehen. Aber der Esel wird ihn verstehen und ihm bis zum Schluss treu dienen.
(Engel ab)  
Bileam : (zum Esel): Sollte man das für möglich halten, was der Engel da gesagt hat? Jedenfalls bitte ich dich um Verzeihung, dass ich dich zu Unrecht geschlagen habe, und ich will dich auch in Zukunft mehr achten, denn nun weiß ich: Gott ist bei dir.

III. 1. Szene. (Ochs und Esel im Stall von Bethlehem, später Maria und Joseph)

Ochs: Schon wieder so eine ungemütliche nasskalte Winternacht. Ein Glück, dass uns der Bauer genug Heu und Stroh dagelassen hat.

Esel:

Still, Hörst du nichts?
Ochs: Ja, es kommen Leute. Was wollen die noch so spät in der Nacht hier in den einsamen Feldern? Es werden doch hoffentlich keine Viehdiebe sein?
Esel: Horch, sie kommen näher! (Maria und Joseph kommen herein)
Maria: Ach, Joseph, ich kann nicht weiter, lass uns hier bleiben.
Joseph: Ja, Maria, hier ist es wenigstens geschützt, und es ist weiches Stroh da, hier kannst du dein Kind bekommen.

2. Szene. (Der Stall. Ochs und Esel, Joseph. Maria liegt auf dem Stroh. In der Futterkrippe das neugeborene Jesuskind. Später die 3 Hirten)

Ochs: Was soll das denn heißen? Was liegt denn da für ein ungenießbares rosa Zappelstück auf unserem schönen Fressheu? Nehmt das da wieder raus, ihr! Das ist unsere Futterkrippe!

Esel:

Sei still. (kniet nieder)
Ochs: Warum soll ich still sein? Wenn wir nachher nichts mehr zum Fressen haben, was machen wir dann?
Esel: Ich danke dir, Gott, dass du zu uns in diesen armseligen Stall gekommen bist. Leider können wir dir nur ein bisschen Heu und Stroh anbieten. Außerdem kannst du deine kalten Händchen und Füßchen an meinem Fell wärmen, und ich kann dir mit meinem Schwanz die Fliegen verscheuchen.
Ochs: Sag mal, spinnst du?

(es klopft)

Joseph: Herein!

(Die 3 Hirten kommen herein)

1. Hirte: Hier muss es sein!
2. Hirte: Ja, sieh nur, in einer Futterkrippe, genau wie der Engel gesagt hat!
3. Hirte: Sieht aus wie ein ganz gewöhnliches Kind. Und das soll der Sohn Gottes sein?
Joseph: Sagt mal, was wollt ihr eigentlich? Und woher wisst ihr etwas von unserem Kind?
1. Hirte: Oh, entschuldigt bitte, dass wir hier einfach so hereingeplatzt sind. Wir sind noch ganz durcheinander, denn wir haben eben etwas Wunderbares erlebt.
1. Hirte: Wir waren heute nacht auf dem Feld, um unsere Schafe zu hüten. Plötzlich wurde es ganz hell.
3. Hirte: Ja, es blendete richtig, und plötzlich waren da ganz viele Engel auf dem Feld, und wir hatten schreckliche Angst.
1. Hirte: Ja, wir warfen uns auf die Erde und dachten, unser letztes Stündlein hätte geschlagen.
2. Hirte: Da sagte der größte Engel zu uns:
Alle 3 Hirten im Chor: Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! Denn euch ist heute der Heiland geboren, Jesus, der Sohn Gottes, welcher ist Christus der Herr. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.
Ochs: Na so was! Das ist ja das gleiche was du vorhin gesagt hast, Esel! Sag mal, kannst du vielleicht hellsehen?
Maria: Das ist ja alles ganz wunderbar. Mir ist nämlich auch vor der Geburt ein Engel erschienen und hat gesagt, dass ich ein göttliches Kind zur Welt bringen werde, das die Menschen erlösen wird.
3. Hirte: Das verstehe ich nicht! Wie soll denn dieses Kind die Menschen erlösen? Und was heißt das überhaupt: erlösen? Wovon soll er sie denn erlösen? Kann er etwa machen, dass es kein Unrecht mehr auf der Welt gibt? Außerdem sieht dieses Kind aus wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Das kann doch unmöglich ein Heiland sein.
Esel: (zu sich selbst): Sie sehen ihn und sehen ihn doch nicht. Sie sehen nur das menschliche Äußere, aber nicht, dass in diesem Menschenkind die ganze Kraft und Liebe Gottes drinsteckt. Wie geht es denn dir, Ochs? Siehst du denn jetzt mehr als vorher?
Ochs: Wenn ich ehrlich sein soll: Ich sehe nur ein Menschenkind, nichts weiter.
Esel: Wie traurig. Wenn es den Menschen genauso geht wie dir, wird es dieses göttliche Kind wohl sehr schwer haben, die Welt zu erlösen.

IV. 4. Szene (Jesus, 3 Jünger)

Jesus: Besorge mir eine Eselin und einen Jungesel, damit ich nach Jerusalem ziehen kann.
1. Jünger: Was willst du denn in Jerusalem?
Jesus: Ich will die Menschen erlösen.

(Jünger untereinander)

1. Jünger: Was heißt denn das: Erlösen?
2. Jünger: Verstehst du nicht? Er will uns natürlich von der Herrschaft der Römer erlösen!
3. Jünger: Das ist ja wunderbar! Und dann soll Jesus unser König sein.
1.Jünger: Vielleicht heißt erlösen ja etwas ganz anderes.
3. Jünger: Nein, nein, es heißt sicher, dass wir wieder einen richtigen eigenen König haben werden!

5. Szene. (Einzug in Jerusalem) (Jesus führt den Esel am Strick. Der Jungesel läuft nebenher. Von der Seite Volk mit Zweigen)

1.Volk: Hosianna!
2.Volk: Hoch lebe Jesus, der König der Juden!
3. Volk: Er wird uns von den Römern erlösen!
1.Volk: Wir wollen dir folgen, wenn du mit uns zusammen dein Reich gründest!

(Pause)

Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Esel: (zu dem Jungesel) Sieh nur, Kind, wie traurig das alles ist. Sie sehen ihn und sehen ihn doch nicht. Sie sehen ihn nur als menschlichen König, der ihnen eine äußere Erlösung bringen soll. Aber sie sehen nicht seine unendliche göttliche Liebe, mit der er ihnen eine innere Erlösung schenkt.
Jungesel: Das ist mir zu schwer, was du da sagst, Mama, das kann ich nicht verstehen. Was heißt denn das: Innere Erlösung?
Esel: Es heißt, dass zwar das Unrecht auf der Welt nicht aufhören wird, aber die Menschen werden einander lieben und vergeben können, weil sie gesehen haben, wie Jesus sie liebt und ihnen vergibt.
Volk: (von ferne) Hosianna!
Jungesel: Der arme Jesus, er tut mir leid. Werden ihn denn die Menschen später besser verstehen als jetzt?
Esel: Ja, liebes Kind, darum ist Gott ja Mensch geworden, weil er die Menschen genauso lieb hat wie uns und ihnen auch die Gabe des Gottverstehens schenken wollte.

 

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